Mi., 01.06.2016

New Yorker Professor nimmt im Arnoldinum revolutionäres Werk der Medizingeschichte unter die Lupe Ein echter Vesalius von 1555

Der New Yorker Professor Dániel Margócsy mit Ulrich Kraaibeek (r.), Kustos der Historischen Bibliothek des Arnoldinums, und dem 1555 gedruckten Anatomieatlas von Andreas Vesalius, Leibarzt von Kaiser Karl IV.

Der New Yorker Professor Dániel Margócsy mit Ulrich Kraaibeek (r.), Kustos der Historischen Bibliothek des Arnoldinums, und dem 1555 gedruckten Anatomieatlas von Andreas Vesalius, Leibarzt von Kaiser Karl IV. Foto: Drunkenmölle

Burgsteinfurt - 

Auf der Suche nach einem „echten Vesalius“ ist Dániel Margócsy schon um die halbe Welt gereist – und dabei auch in Burgsteinfurt fündig geworden.

Von Dirk Drunkenmölle

Der aus der ungarischen Hauptstadt Budapest stammende Professor, der heute am Hunter College im amerikanischen New York unter anderem auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte der Früh- und Neuzeit forscht und lehrt, stöbert in Archiven und Bibliotheken in ganz Europa und Übersee nach den „sieben Büchern über den Aufbau des menschlichen Körpers“. Das Werk von Andreas Vesalius (1514-1564), einst Leibarzt von Kaiser Karl IV., hat die neuzeitliche Anatomie begründet. „Es hat eine Revolution in der Medizin ausgelöst“, betont Margócsy die Bedeutung von „De humani corporis fabrica libri septem“, einem Lehrbuch, das mit seinen ganzseitigen Illustrationen und Beschreibungen erstmals am Ende des ausgehenden Mittelalters die komplette Anatomie des menschlichen Körpers beschreibt. Zwei Ausgaben von 1543 und 1555 sind mit einer Auflage von 280 beziehungsweise 380 Exemplaren in Latein gedruckt worden.

Ein Originalband gehört zu den Schätzen der Historischen Bibliothek des Arnoldinums. Margócsy ist bei seinen Recherchen im Internet auf die Adresse gestoßen und hat mit Ulrich Kraaibeek Kontakt aufgenommen. Der Oberstudienrat am Burgsteinfurter Gymnasium ist zugleich Kustos der Bibliothek und war natürlich gerne bereit, dem amerikanischen Wissenschaftler das Exemplar zur Einsicht zur Verfügung zu stellen.

Anfang der Woche war Margócsy nun am Pagenstecherweg. Drei Monate seiner vorlesungsfreien Zeit reist der Professor in diesem Frühjahr und Sommer quer durch Europa, um sich die alten Anatomieatlanten mit ihren detaillierten Zeichnungen von Knochen, Muskeln und Organen anzusehen. „Ein sehr schönes Exemplar“, war Margócsy vom guten Zustand des Steinfurter Vesalius-Bandes und davon beeindruckt, dass dieses Standardwerk komplett ist. Insbesondere in streng vom Katholizismus beeinflussten Lehranstalten waren beispielsweise alle Illustrationen, die in Zusammenhang mit dem weiblichen Geschlecht stehen, teilweise unkenntlich gemacht oder ganz entfernt worden.

Das Buch wurde einst in der Hohen Schule von den Professoren und Studierenden in den Medizin-Vorlesungen genutzt und ist somit durch unzählige Hände gegangen. Das besondere Interesse Margócsys gilt dabei den Anmerkungen, Rand- und Fußnoten, die im Laufe der Jahrhunderte handschriftlich hinzugefügt worden sind. Daraus lassen sich unter anderem auch Rückschlüsse darauf ziehen, welchen Themen das besondere Interesse der Nutzer galt und wo es womöglich neuere Erkenntnisse zu den Inhalten gegeben hat.

Im Steinfurter Band gibt es davon nicht so viele wie in anderen Ausgaben. Dennoch zückt Margócsy bei jedem Federstrich, den er entdeckt, seine Digitalkamera, um diese Marginalien, wie er sie bezeichnet, zu dokumentieren.

Von Burgsteinfurt ist Dániel Margócsy jetzt nach Venlo in die Niederlande weitergefahren. Auch dort gibt es noch einen „echten Vesalius“ – und vielleicht die eine oder andere Marginalie, die der amerikanische Universitätsprofessor für seine Studien und dafür verwerten kann, die Bedeutung von Andreas Vesalius’ Standardwerk für den medizinischen Fortschritt der Neuzeit nachhaltig zu untermauern.

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