Sa., 12.03.2016

Interview mit Bürgermeisterin Claudia Bögel-Hoyer „Ich will wissen, was geht“

Claudia Bögel-Hoyer an ihrem Schreibtisch im Rathaus: Nach rund fünf Monaten ist sie längst angekommen in ihrem Amt als Bürgermeisterin.

Claudia Bögel-Hoyer an ihrem Schreibtisch im Rathaus: Nach rund fünf Monaten ist sie längst angekommen in ihrem Amt als Bürgermeisterin. Foto: Axel Roll

Steinfurt - 

Die ersten 100 Tage ihrer Amtszeit sind lange vorbei. In ihrem Büro steht ein neuer Schreibtischstuhl, an der Wand ist die nüchternen Landkarte einem in kontrastreichen Ölfarben gemalten Diptychon gewichen. Claudia Bögel-Hoyer hat sich eingerichtet in ihrem Dienstzimmer. Höchste Zeit also, sie zu fragen, wie sie denn waren, die ersten Monate als Bürgermeisterin von Steinfurt.

Von Axel Roll

Die symbolträchtigen 100 Tage nach Amtsantritt haben sie schon ein Weilchen hinter sich gelassen. Darum die Frage: Ist das Rathaus für Sie schon Alltag geworden? Fühlen Sie sich angekommen?

Bögel-Hoyer: Ich gehe jeden Morgen mit sehr viel Freude und Sonnenschein im Herzen ins Rathaus. Die Aufgaben der Bürgermeisterin sind genau mein Ding: Sehr viel Bürgerkontakt und sich kümmern können. Beides mache ich sehr gern. Alle Wünsche können wir natürlich nicht sofort erfüllen, weil sie oft auch mit Geldausgaben verbunden sind. Ich höre aber erst einmal zu und rede mit den Menschen. Dazu führe ich viele Einzelgespräche. Wichtig ist für mich die Koppelung, zwischen Bürger und Bürgermeisterin, als Bindeglied zur Verwaltung.

Sie hatten vor Ihrer Wahl doch bestimmt eine Vorstellung von dem, was Sie hier im Rathaus erwartet. Wurden diese Erwartungen bestätigt? Oder was ist völlig neu für Sie?

Bögel-Hoyer: Neu ist, dass quasi jeder Vorgang über meinen Schreibtisch geht. Damit habe ich so nicht gerechnet. Die Aufgabe ist sehr zeitintensiv. 12, 13 oder 14 Stunden am Tag sind keine Seltenheit. Dazu kommen natürlich noch viele Wochenendtermine. Freude bereitet es mir aber dennoch.

Im Wahlkampf gab es ja die starke Polarisierung: Da der Verwaltungsfachmann, der nicht so bürgernah ist. Dort die bürgernahe Neue, die sich in Verwaltungsfragen nicht so auskennt. Wie sind Ihre Erfahrungen? Fehlt Ihnen das Fachwissen?

Bögel-Hoyer: Ich habe bislang nicht gespürt, dass man als Bürgermeisterin unbedingt Verwaltungserfahrung haben muss. Worum es geht, ist gesunder Menschenverstand, Fleiß und Begeisterungsfähigkeit: „Fakten, Fakten, Fakten und immer an die Bürger denken!“ Die Alltagsgeschäfte im Rathaus laufen sehr gut und dank meiner tollen und motivierten Mitarbeiter bin ich in alle wichtigen Themen sehr gut eingearbeitet. Ich finde es geradezu hilfreich, wenn man aus der freien Wirtschaft kommt und in vielen Dingen ein anderes Denken und Handeln mitbringt. Das haben meine Mitarbeiter auch schon verstanden. Ich stelle andere Anforderungen, indem ich durch Teambildung motiviere und auch viel Lob verteile. Das ist neu und damit können meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr gut umgehen. Auch deshalb klappt die Zusammenarbeit sehr gut.

Die beiden großen Fraktionen SPD und CDU haben Sie bei der Wahl nicht unterstützt, sondern haben auf den damaligen Amtsinhaber Andreas Hoge gesetzt. Wie hat sich das anfänglich doch sehr distanzierte Verhältnis entwickelt?

Claudia Bögel-Hoyer: Mittlerweile spüre ich keine Distanz mehr. Ich habe allen Parteien meine Zusammenarbeit angeboten und betont, dass es uns allein um das Wohl von Steinfurt gehen muss. Nicht um Parteicouleur. Da ich als Bürgermeisterin Neutralität wahren möchte, habe ich mich aus allen Parteiämtern zurückgezogen. Ich freue mich sehr darüber, dass ich auch schon von einigen Fraktionen zu deren Sitzungen eingeladen worden bin. Ich informiere alle Parteien gleichzeitig, damit sich keine zurückgesetzt fühlt. . .

. . .das war nicht immer so. . .

Bögel-Hoyer: Nein, das war tatsächlich nicht immer so. Mit der SPD hatte ich von Anfang an keine Probleme, das gilt auch für große Teile der CDU. Ich wünsche mir, dass die Politik noch mehr eigene Impulse setzt, denn die Ratsmitglieder sind ja die gewählten Vertreter der Bürgerinnen und Bürger. Die einstimmige Verabschiedung des Haushaltes zeigt, dass die Zusammenarbeit zwischen Politik und Verwaltung bereits sehr gut klappt. Darüber freue ich mich sehr. Denn nur so kommt unsere Stadt auch voran.

Trotz dieses Ansatzes, dass die Bürgermeisterin mehr moderierend in diesem Prozess tätig ist: Sie haben bestimmt auch eigene Ziele, die Sie verfolgen.

Bögel-Hoyer: Mein erstes Ziel war und ist, das so wichtige Krankenhaus zu erhalten. Weitere Ziele sind: Unternehmensansiedlungen und Kontaktpflege zu den bereits ansässigen Betrieben. Das geht nicht von jetzt auf gleich, da es um die Ausweisung neuer Gewerbeflächen geht. Hier muss die Landwirtschaft mit ins Boot genommen werden. Außerdem werde ich die Zusammenarbeit mit der Fachhochschule deutlich verbessern. Erste Gespräche mit den Verantwortlichen, habe ich bereits geführt. Die Attraktivierung und Belebung der Innenstädte von Borghorst und Burgsteinfurt liegt mir sehr am Herzen. Auch hier bin ich in Gesprächen. Generell ist für mich Wirtschaftsförderung Chefsache. Mich kann, wie versprochen, jeder direkt anrufen. Ich lasse keinen zurück. Auch an unsere Jugend muss ich denken. So findet in Kürze ein Workshop statt, um unser gemeinsames Vorhaben, einen Jugendbeirat zu gründen, voranzutreiben. Ein sehr großes Projekt ist die Integration unserer neuen Mitbürger.

Es ist ein offenes Geheimnis, das zu Zeiten Ihres Vorgängers die Stimmung in der Verwaltungsspitze nicht die beste war. Hat sich daran was geändert?

Claudia Bögel-Hoyer: Auf jeden Fall. Wir treffen uns jetzt regelmäßig, um die beste Lösung zu finden. Jede Idee ist willkommen, es gibt keine Schere im Kopf, denn manchmal ist die 15. Idee die Beste. Mir wurde von der Politik gespiegelt, dass man diese neue Teambildung, diesen „frischen Wind“, in den Ausschuss- und Ratssitzungen bereits spürt. Ich will nicht wissen, was nicht geht, sondern was geht. Denn für mich ist Verwaltung ein Dienstleistungsunternehmen für die Bürger.

Wie hat Claudia Bögel-Hoyer bei dieser zeitlichen Beanspruchung ihr Privatleben organisiert?

Claudia Bögel-Hoyer: Mein Mann und ich sind ein eingespielte Team. Wer von uns gerade Zeit hat, macht das was gerade anliegt, egal was es ist. Schön ist, dass ich anders als zu meiner Bundestagszeit, jeden Abend bei meinem Mann zu Hause sein kann. Die Wochenendtermine nehmen wir, soweit es sich anbietet, gemeinsam war. Lustig war, dass mein Mann sich kürzlich mit in die Bürgersprechstunde gesetzt hat, weil er mich mal wieder sprechen wollte. Wir haben alle herzlich gelacht. Unser Motto lautet: Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag!

Wenn Sie mal abtreten, was sollen die Steinfurter über Sie in Erinnerung behalten?

Bögel-Hoyer: Wir hatten mal eine Bürgermeisterin, die zuhören konnte, die Menschen ernst nahm und Herausforderungen mit fröhlicher Zuversicht, mit Herz und Verstand anpackte und dabei Mensch blieb.

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