Einsatz mit Ekelfaktor
Taucher in der Kläranlage: Der mit den Fingern sieht

Borghorst -

In der bräunlich-grauen Brühe eines Klärbecken zu tauchen, ist nicht unbedingt das, was die meisten Menschen als Traumjob bezeichnen würden. Für Sascha Gothe und Dirk Bastian ist es aber trotz hohen Ekelfaktors genau das. Nach einem Tauchgang im Klärwerk Borghorst-Süd erklären sie, warum.

Montag, 19.02.2018, 19:02 Uhr

Unter Wasser sieht Dirk Bastian die Hand vor Augen nicht. Er muss sich einzig und allein auf seinen Tastsinn verlassen. In Borghorst wartet eine „wenig filigrane Arbeit“ auf den Berufstaucher.
Unter Wasser sieht Dirk Bastian die Hand vor Augen nicht. Er muss sich einzig und allein auf seinen Tastsinn verlassen. In Borghorst wartet eine „wenig filigrane Arbeit“ auf den Berufstaucher. Foto: Axel Roll

Sascha Gothe schlägt mit dem Hammer gegen die Aluleiter. Kollege Dirk Bastian schaut kurz nach oben, reckt den Arm in die Höhe, bekommt die dicke Öse am Stielende zu fassen und ist wieder weg. Was bleibt, sind ein paar Luftblasen auf der bräunlich-grauen Wasseroberfläche. Ein Mitarbeiter des Klärwerks Borghorst-Süd hat sich die Hammer-Übergabe genau angeschaut und fragt neugierig: „Ist das Kloppen unter Wasser eigentlich schwer?“ Sascha Gothe zieht die Mundwinkel nach oben. Seine trockene Antwort: „Auf Deine Finger musst Du schon aufpassen.“ Dort unten, im Nachklärungsbecken ganz besonders.

Dirk Bastian sieht dort nämlich die sprichwörtliche Hand vor Augen nicht. Für den 52-Jährigen ist das aber Routine, das Tauchen in Kläranlagenbecken – und garantiert kein Witz.

„Wenig filigrane Aufgabe“ im Stockdunkeln

Wolfgang Spille, als Fachdienstleiter Tiefbau verantwortlich für die Abwasserreinigung in der Kreisstadt, kann gut erklären, warum Dirk Bastian und seine Taucherkollegen bei den Kläranlagenbetreibern so gefragt sind: „Bei einem Defekt in den Becken wäre es sehr aufwendig und teuer, das Wasser für eine Reparatur abzulassen. Außerdem wären die Bakterienstämme weg, die ja die Reinigung des Wassers vornehmen.“

Taucher in der Kläranlage Borghorst-Süd

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Also muss Dirk Bastian ran. Geschützt von einem doppelschichtigen Spezialgummianzug und einer Ausrüstung, die 35 Kilo auf die Waage bringt, steigt er hinunter in das viereinhalb Meter tiefe Becken. Hier in Borghorst hat er eine, wie er sagt, „wenig filigrane Aufgabe“ zu erledigen. Klärmeister Michael Baumscheiper ist ein mannshoher Rotor samt Getriebe abhandengekommen. Der sorgt sonst für gehörig Bewegung im Wasser. Wo das Ding liegt – keiner weiß es. Der Berufstaucher benötigt nur wenige Minuten. Im Stockdunkeln wickelt er ein Band mit Haken um das Getriebe und kurz darauf schwebt der Rotor am Kranausleger über dem Becken. Nach einer kurzen Inspektion kennt Baumscheiper den Grund für den Verlust: „Da sind die Schrauben einfach abgerissen.“

Geschützt vorm Faule-Eier-Geruch

Für Dirk Bastian, der mit seinen beiden Kollegen Sascha Gothe, ebenfalls Taucher, und Signalmann Tom Bedrich aus Schenefeld bei Hamburg angereist ist, war das ein Auftrag ganz nach seinem Geschmack. „Meine neuen Klamotten haben wunderbar warm gehalten.“ Und von dem Faule-Eier-Geruch, da bekommt er bei seinen Tauchgängen nicht viel mit. Die Luft liefert ein Kompressor, der im Laster der Firma Richter vor sich hin tuckert. Bleibt ihm mal die Luft aus, stehen noch drei weitere „Beatmungsgeräte“, eines trägt der Taucher in Form einer Sauerstoffflasche auf dem Rücken, zur Verfügung.

Ekelfaktor höher als im Dschungelcamp

Schlimmer als dieser Außentermin sind da Reparaturen in Faultürmen, die für Bastian und seine Kollegen ebenfalls zur Routine gehören. Da kommen sie dann kräftig ins Schwitzen, hat die Brühe, in die sie steigen müssen, meistens mehr als 30 Grad. Bakterien lieben es bekanntlich warm. Trotz dieses Arbeitsumfeldes, das den Ekelfaktor eines Dschungelcamps mühelos übertrifft, machen Bastian und Gothe ihren Job gerne. Richtig gerne.

„Ich wollte immer Berufstaucher werden“, sagt der 52-jährige Bastian, für den dieser Wunsch erst vor gut sechs Jahren in Erfüllung ging. Der 38-jährige Sascha Gothe war schon bei der Bundeswehr bei den Pionieren im Unterwassereinsatz und legte im Anschluss die Prüfungen für den Berufstaucher ab.

Der macht das schon seit ein paar Tagen. Der sieht mit seinen Fingern.

Signalmann Tom Bedrich

Im Borghorster Klärbecken fischt Bastian auch noch den metallischen Beifang aus dem Becken, den der Rotor dort zurückgelassen hat. Eine kleine Kurbel, abgebrochene Bolzen. Tom Bedrich zieht den Schrott in einem löchrigen Alueimer, aus dem die braune Brühe zurück ins Becken plätschert, an Land. Er grinst: „Ja, der Kollege kennt sich aus. Der macht das schon seit ein paar Tagen. Der sieht mit seinen Fingern.“

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