Fr., 28.02.2014

Cannabis-Debatte Für die kontrollierte Freigabe

Verbotenes Kraut: Eine Cannabis-Pflanze, deren Blüten und Blätter die psychoaktive Substanz THC enthalten. Ginge es nach den Linken-Politikern Kathrin Vogler und Frank Tempel sollte sie kontrolliert freigegeben werden.

Verbotenes Kraut: Eine Cannabis-Pflanze, deren Blüten und Blätter die psychoaktive Substanz THC enthalten. Ginge es nach den Linken-Politikern Kathrin Vogler und Frank Tempel sollte sie kontrolliert freigegeben werden. Foto: Fotos: dpa/Achim Giersberg

Kreis Steinfurt - 

Frank Tempel war Kriminalpolizist und Leiter einer Anti-Rauschgifteinheit. Jetzt ist er Bundestagsabgeordneter und wirbt für die kontrollierte Freigabe von Cannabis. Seine These: Verbote schaden mehr, als sie nutzen.

Von Achim Giersberg

Frank Tempel war Kriminalbeamter und Leiter einer mobilen Anti-Rauschgift-Einheit in Thüringen. Heute ist er Bundestagsabgeordneter und drogenpolitischer Sprecher der Linken – und wirbt für eine kontrollierte Freigabe von Drogen, insbesondere Cannabis.

Ein gutes Dutzend Zuhörer ist an diesem Weiberkarnevals-Donnerstag zur Diskussion mit Tempel ins Emsdettener Büro der Linken-Bundestagsabgeordneten Kathrin Vogler gekommen. Thema des Abends: „Saufen, rauchen, kiffen – können Verbote unsere Antwort sein?“. Tempel sagt Nein. Seine These: Verbote schaffen nur einen völlig unkontrollierten Schwarzmarkt und verhindern den notwendigen Verbraucher- und Jugendschutz.

Die Kriminalisierung von Cannabis gefährde aufgrund unkontrollierter Qualität die Gesundheit der Konsumenten, führe zum sozialen Abstieg und verquicke die Szene mit anderen Bereichen der organisierten Kriminalität. Gleichzeitig koste die Verbotspraxis jährlich 1,6 Milliarden Euro – Geld, das besser in die Prävention gesteckt werden solle. Tausende Polizeibeamte seien täglich damit beschäftigt, Verstöße zu bearbeiten, die – solange es sich um nicht-geringe Mengen Cannabis handele – von tausenden Justizbeamten wieder eingestellt würden. Und natürlich verweist Tempel auf die Petition von 106 deutschen Juraprofessoren, die sich mit der Forderung nach einer Legalisierung an den Bundestag gewandt haben.

Aber: So weit wie die USA es derzeit tun, würde Temple nicht gehen. Im US-Bundesstaat Colorado ist Cannabis seit Januar völlig legalisiert, die Staaten Washington und Alaska folgen noch dieses Jahr und US-Präsident Barack Obama spricht öffentlich davon, dass Cannabis „nicht gefährlicher als Alkohol“ sei. Die Folge: In Colorado herrscht Goldgräberstimmung – jeder will am plötzlich legalen Marihuana-Geschäft mitverdienen, nicht zuletzt der Staat, der kräftig Steuern kassiert . .  . „Kapitalismus pur“, sei das, meint Temple und stellt eine kontrollierte Freigabe dagegen.

Die könnte in Apotheken erfolgen oder apothekenähnlichen Geschäften mit Beratungspflicht. Auch den Eigenanbau einer bestimmten Menge zu erlauben, etwa im Rahmen so genannter Cannabis-Clubs, hält er für den richtigen Weg. Verbündete sieht er bei den Grünen, die ähnliche Ideen diskutierten. Deren Forderung nach der Genehmigung von Coffeeshops nach holländischem Vorbild in Berlin und Frankfurt hält er aber für nicht praktikabel. Es brauche Regelungen auf Bundes-, besser noch Europa-Ebene.

Kathrin Vogler, stellv. Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, sieht das genauso, lenkt aber den Blick auf die medizinische Verwendung von Cannabis. Anders als in den USA, wo über 20 Bundesstaaten einen sehr niedrigschwelligen Zugang zu „medical marihuana“ erlauben, seien die Hürden bei uns viel zu hoch. „Noch vor hundert Jahren war Cannabis das am meisten verschriebene Schmerzmittel in Deutschland. Es ist kostengünstig und effektiv. Viele Mediziner sprechen sich für den Einsatz aus, nur die Pharmahersteller wettern dagegen,“ erklärte Vogler.

Dass im Gesundheitswesen der ihrer Meinung nach „längst überfällige Wandel in der Drogenpolitik“ beginnt, glaubt sie aber nicht. Zu emotional und zu vorurteilsbestimmt sei die Diskussion, zu verhärtet die Fronten.

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