Steinfurt
Do., 24.06.2010
Heimatsuche in der Ferne
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Burgsteinfurt - Zu Besuch - was heißt denn das? Wie benimmt man sich als Gast? Und wie ist das eigentlich, wenn man nicht nur einen Freund oder Verwandten in seiner Wohnung besucht, sondern fern der Heimat in einem fremden Land zu Gast ist? Oder andersherum: wenn man in Deutschland geboren ist, aber einen anderen Pass hat? Oder noch ganz ganz anders: wenn man nicht eingeladen ist und trotzdem hingeht . . . Fragen über Fragen, die die Lebenswelt der Bagno-Schüler mitten ins Herz trifft; denn in kaum einer anderen Burgsteinfurter Schule finden sich mehr Schüler mit ausländischen Wurzeln. Gemeinsam haben sie Antworten auf diese Fragen gesucht und viele gefunden. Und weil es in der Schule am Bagno ein Marimba-Ensemble gibt und in Münster die Geistschule und das Junge Theater Cactus, ist daraus eine Theatercollage mit Gedichten und Musik geworden, die gestern in der Kunsthalle an der Goldstraße aufgeführt wurde.
Seit einem Jahr arbeiten die Bagno-Schüler an dem Projekt; die Musiker in der Marimba-Gruppe (die enorme Fortschritte gemacht hat und ein tolle Begleitung für die Spielszenen vorlegte) und die Deutschschüler mit Gedichten der fast vergessenen Lyrikerin Mascha Kaléko. Ein gutes Dutzend ihrer Gedichte wurden im Verlauf der dreiviertelstündigen Vorführung aufgesagt. So wenig bekannt Mascha Kaléko heute noch ist, so sehr haben doch ihre Gedichte überlebt. Ihre Themen, der Alltag in der Großstadt Berlin, die melancholische Suche nach dem „sogenannten Glück“ und immer wieder die Liebe und deren Scheitern haben trotz der Zeitbezogenheit ihrer Gedichte nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. So schwermütig wie ihre Gedichte bereits in jungen Jahren waren, so tragisch verlief auch ihr Leben, geprägt von Verlusten und Einsamkeit.
Aber die Spielszenen hatten nicht nur melancholisch-düstere Untertöne, sondern zeigten auch die heiter-ironischen Seiten des Besuchens: Wie wird man die Mädels wieder los, die unangemeldet mitten ins Fernseh-Fußballspiel platzen? Was bedeutet denn in Deutschland „populär, humanitär und Imperativ“? Zum Schluss geizten die Zuschauer nicht mit Applaus für eine wunderbar ironische, komische, immer aber ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit Urteilen, und Vorurteilen, mit Ängsten, Sorgen und Sehnsüchtigen, denen sich Zuwanderer stellen müssen.
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