So., 10.02.2013

Das Fenster in die Welt Was das Tecklenburger Kreisblatt vor 100 Jahren zu berichten hatte...

„Die Entwicklung unserer Kolonien“ war dem „Tecklenburger Kreisblatt“ am 10. Februar 1913 einen Aufmacher wert. Lokales aus der Gemeinde war in der „Westercappelner Zeitung“ an diesem Tag nicht zu lesen.

„Die Entwicklung unserer Kolonien“ war dem „Tecklenburger Kreisblatt“ am 10. Februar 1913 einen Aufmacher wert. Lokales aus der Gemeinde war in der „Westercappelner Zeitung“ an diesem Tag nicht zu lesen. Foto: Frank Klausmeyer

Westerkappeln - 

Lokalnachrichten waren Mangelware: „Die Westercappelner Zeitung“ vom 10. Februar 1913 berichtet vor allem über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den deutschen Kolonien. Doch interessant die Lektüre der Ausgabe allemal.

Von Frank Klausmeyer

Manche Leser meckern heute, dass zu wenig in der Zeitung stehe. Zugegeben, an manchen Tagen fällt es dem Chronisten nicht leicht, seine Spalten zu füllen: Skandale, Kriminalfälle und andere Kalamitäten oder wegweisende lokalpolitische Entscheidungen fallen nicht vom Himmel. Der Journalist spricht an nachrichtenarmen Tagen von der Sauren-Gurken-Zeit. Vor 100 Jahren muss das Gewächs aus der Familie der Kürbisse besonders sauer gewesen sein. Denn das „Tecklenburger Kreisblatt “ im Untertitel „Westercappelner Zeitung – Tageblatt für Velpe, Lotte und Wersen“ hatte am 10. Februar 1913 nicht eine Zeile aus seinem Verbreitungsgebiet zu berichten.

Dr. Gunter Böhlke vom Kultur- und Heimatverein Westerkappeln hat eine alte Ausgabe des „Kreisblatts“ – dem Vorläufer unserer heutigen „Westfälischen Nachrichten“ aus dem Archiv gezogen und uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Das „Tecklenburger Kreisblatt“ erschien in Ibbenbüren . Verleger Bernhard Scholten war in Personalunion verantwortlicher Redakteur. Das Abonnement kostete 50 Pfennige. Vier Zeitungsseiten gab es dafür über das Geschehen auf dem Globus, in Deutschland und in der Region.

Der „Tecklenburger“ war gleichzeitig amtliches Organ des Königlichen Landratsamtes sowie der Ämter Ibbenbüren, Westercappeln, Mettingen-Recke, Lienen, Lengerich, Riesenbeck-Hörstel-Bevergern, Schale-Hopsten und Lotte-Wersen sowie Publikationsorgan der Amtsgerichte in Ibbenbüren und Tecklenburg .

Vor allem aber war die Tageszeitung vor 100 Jahren eines: das einzige Fenster in die Welt. Es gab kein Radio, kein Fernsehen und schon gar kein Internet. Und weil es keine modernen Kommunikationswege wie Fax- oder E-Mail gab, waren die meisten Nachrichten vom Tage schon älter als gestern.

Der 9. Februar 1913 war ohnehin kein weltbewegender Tag, wie anderen Chroniken zu entnehmen ist. Und so konnte sich die Redaktion des „Tecklenburgers“ im Aufmacher ausführlich mit der „Entwicklung unserer Kolonien“ in den Jahren 1911 und 1912 beschäftigen. Darin wird unter anderem über eine erhebliche Zunahme der Schlafkrankheit in Deutsch-Ostafrika und eine Verschlechterung der Gesundheitsverhältnisse in Neuguinea berichtet. In Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) fehlen Arbeitskräfte im Bergbau und in der Farmwirtschaft. In sämtlichen Schutzgebieten, wie die Kolonien genannt wurden, sei die weiße Bevölkerung auf 23 300 Menschen gestiegen.

In einem weiteren Beitrag geht es um „Das Ringen von Gallipoli und anderes“. Bereits 1913 stritten das Osmanische Reich und Bulgarien im Zweiten Balkankrieg um den Besitz der türkischen Halbinsel.

Weiter geht es auf der Titelseite in der Ausgabe vom 10. Februar 1913 mit politischen Meldungen aus dem Deutschen Reich, dem Deutschen Reichstag und dem Preußischen Landtag.

Der Erste Weltkrieg, der knapp eineinhalb Jahre später beginnen sollte, schien schon in der Luft zu liegen. Jedenfalls nahm Militärisches breiten Raum in der Zeitung ein, sei es ein Bericht über das Kaisermanöver, eine längere Meldung aus „Heer und Flotte“ oder die Kurzmitteilung, dass Izzet Pascha zum neuen Generalissimus der türkischen Truppen ernannte wurde – übrigens der mit einer groben Porträtzeichnung einzige illustrierte Beitrag auf vier Seiten.

Und auf der dritten Seite, gibt es dann Lokales und Provinzielles, wobei ein Dreizeiler über die Goldhochzeit der Ibbenbürener Eheleute Kolon und ein Artikel über den Geschäftsbericht der „Osnabrücker Bank“ die lokalsten Geschichten sind.

Interessanter sind da schon Meldungen über einen Pockenausbruch in der niederländischen Gemeinde Losser, die Maul- und Klauenseuche in Ostfriesland oder das Pech des Düsseldorfer Gewerbetreibenden, der aus Kriegsfurcht alle Ersparnisse von der Bank geholt hatte, die ihm aber bei einem Ausgang mit seiner Frau gestohlen wurden.

Auf der letzten Seite fanden „Letzte telephonische und telegraphische Nachrichten“ Platz, in denen es vor allem um den Balkankrieg geht. Die geneigte Leserschaft wird aber auch darüber in Kenntnis gesetzt: „Gestern abend ½9 Uhr ist das Kaiserpaar mit der Prinzessin Luise und dem Prinzen Oskar unerwartet nach Karlsruhe abgereist.“ Es ging also damals doch brandaktuell. Den meisten Raum der letzten Seite nehmen Bekanntmachungen und Reklame ein – 40 Pfennige pro Petitzeile kostete eine Anzeige.

Die größte Geschichte des Tages war dem täglichen Roman vorbehalten: „Nachbarskinder“ – von Irene von Hellmuth. Weltliteratur war das gewiss nicht.

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