Do., 21.01.2016

Weniger Bürokratie im Altenheim Mehr Zeit für die Pflege

Getestet und für gut befunden: Pflegedienstleiter Jörg Niemöller, Dorothea Langkamp (Vorsitzende der Mitarbeitervertretung), Heimleiter Friedhelm Schönhoff, Maria Niehüser (stellvertretende Pflegedienstleiterin), Vanessa Plogmann (ab Februar Wohnbereichsleiterin) und Wohnbereichsleiterin Madita Fischer (von links) sind mit dem neuen, seit knapp einem halben Jahr angewendeten Dokumentationssystem sehr zufrieden.

Getestet und für gut befunden: Pflegedienstleiter Jörg Niemöller, Dorothea Langkamp (Vorsitzende der Mitarbeitervertretung), Heimleiter Friedhelm Schönhoff, Maria Niehüser (stellvertretende Pflegedienstleiterin), Vanessa Plogmann (ab Februar Wohnbereichsleiterin) und Wohnbereichsleiterin Madita Fischer (von links) sind mit dem neuen, seit knapp einem halben Jahr angewendeten Dokumentationssystem sehr zufrieden. Foto: Frank Klausmeyer

Westerkappeln - 

Mehr Zeit für die Pflege soll ein neues Dokumentationssystem bringen, dass maßgeblich vom Pflegebeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, auf den Weg gebracht wurde. Im Haus der Diakonie ist das Projekt bereits umgesetzt worden – mit Erfolg, wie die Heimleitung und die Pflegekräfte übereinstimmend versichern.

Von Frank Klausmeyer

„Praktische Anwendung des Strukturmodells Effizienzsteigerung der Pflegedokumentation in der ambulanten und stationären Langzeitpflege“. Dieser sperrige Titel lässt manche reformgeplagte Fachkraft womöglich mal wieder eine Verschlimmbesserung vermuten. Dahinter steckt ein Projekt, das die Bundesregierung ins Leben gerufen hat. Beschäftigte in Altenheimen oder bei Pflegediensten sollen mehr Zeit für die ihnen anvertrauten Menschen bekommen. Im Haus der Diakonie ist das Konzept bereits umgesetzt worden – mit Erfolg, wie die Heimleitung und die Pflegekräfte übereinstimmend versichern.

„Anfangs waren wir auch skeptisch“, räumt Einrichtungsleiter Friedhelm Schönhoff ein. Denn wenn die Politik Erleichterungen in der Pflege ankündige, werde es erfahrungsgemäß oftmals komplizierter. An dieser Stelle müsse man die Politik aber loben, pflichtet Pflegedienstleiter Jörg Niemöller bei. Namentlich Karl-Josef Laumann (CDU), Pflegebeauftragter der Bundesregierung, habe das Projekt gepusht.

In einem ersten Schritt hatte Elisabeth Beikirch, Ombudsfrau zur Entbürokratisierung der Pflege, dem Bundesgesundheitsministerium im Juli 2013 Empfehlungen zu mehr Effizienz bei der Dokumentation vorgelegt. Daraufhin wurden in 57 Heimen und ambulanten Dienste Modellbögen für eine einfachere Dokumentation im Alltag getestet.

Das Perthes-Werk als Träger des Hauses der Diakonie sei sehr schnell auf den Zug aufgesprungen, freut sich Niemöller. Im August vergangenen Jahres sei das neue Modell im Altenpflegeheim an der Steinkampstraße eingeführt worden.

Früher wurden Bewohner bei der Neuaufnahme auf 13 Dinge des täglichen Lebens gecheckt – wie es beispielsweise um ihre Motorik, ihren Schlaf oder ums selbstständige Essen bestellt ist. Sind alle 13 Kategorien des nach seiner Erfinderin benannten Krohwinkel-Modells in Ordnung, gilt der Mensch als gesund, was bei Bewohnern eines Pflegeheimes gemeinhin nur selten der Fall ist.

Auf dieser Grundlage wurden Defizite und Ressourcen festgestellt, Pflegemaßnahmen und -ziele bestimmt. Nicht nur, das alles musste „zu Papier“ gebracht werden, sondern quasi jeder Handgriff, den die Pflegekräfte für den Bewohner machen – vom Kämmen bis zur Begleitung beim Toilettengang – wurde niedergeschrieben. „Die ganze Dokumentation war zunehmend angstgesteuert“, berichtet Niemöller. Die Bedürfnisse der Bewohner drohten dadurch in den Hintergrund zu geraten, zumal auch die Arbeit der Prüfbehörden darauf ausgerichtet gewesen sei, erzählt der Pflegedienstleiter.

Mit dem neuen Modell sei der Aufwand für die Pflegefachkräfte deutlich abgespeckt worden. Bei Neuaufnahmen ist der Fragenkatalog zur gesundheitlichen und sozialen Situation der Bewohner auf sechs Bereiche reduziert worden. Daraus resultieren eine Risikobewertung – beispielsweise, ob der Betroffene sturzgefährdet ist oder unter Schmerzen leidet – und die fachliche Aufstellung des Pflegeplanes. Auch neu: Sogenannte Immer-so-Leistungen wie das morgendliche Waschen müssen nicht mehr täglich festgehalten werden, sondern nur noch das, was sich für einen Bewohner ändert. „Es gibt jetzt mehr Vertrauen in unser System und unsere Fähigkeiten“, erklärt Schönhoff.

Aber wie viel mehr Zeit für die Pflege ist mit dem neuen Modell im Haus der Diakonie für die rund 70 Beschäftigten in Pflege und Betreuung herausgekommen ? „Früher haben wir bei Neuaufnahmen für die Pflegeplanung sechs bis sieben Stunden gebraucht, heute reichen zwei“, erzählt Madita Fischer, Leiterin des Wohnbereichs Rot.

Weniger Bürokratie gibt es nicht nur bei Neuaufnahmen, sondern auch in jeder Schicht (sieben Stunden). Jörg Niemöller hat ausgerechnet, dass es durch das neue System für Pflegeassistenten zehn Minuten mehr Luft gibt, für Pflegekräfte seien es täglich fünf Minuten. Klingt bescheiden, „aber hochgerechnet kommen wir auf 30 Stunden in der Woche, die jetzt mehr den Bewohnern zugute kommen“, erläutert Niemöller. Laumann habe den Trägern der Pflegeeinrichtungen versprochen, dass nicht im Gegenzug Personal abgebaut werde.

Noch weniger Dokumentation als jetzt halten Madita Fischer und ihre Kollegen übrigens nicht für sinnvoll. Es sei aber gut, dass die Fachlichkeit der Mitarbeiter jetzt einen höheren Stellenwert genieße, ergänzt Maria Niehüser, stellvertretende Pflegedienstleiterin.

Doch nichts ist so gut, als dass es nicht noch besser ginge. Vor einiger sei auch der Stellenschlüssel für die Betreuung von Demenzkranken erhöht worden. Statt drei gebe es jetzt neun Assistenten mit jeweils 20 Stunden pro Woche, sagt Schönhoff. Mehr Pflegekräfte seien natürlich ebenso wünschenswert, betont Niemöller. Laumann habe gesagt, dass wenn jetzt nicht die Chance für eine Entbürokratisierung der Dokumentation genutzt werde, sich in den nächsten 20 Jahren nichts mehr tue. „Das darf aber nicht bedeuten, dass mit der Umsetzung des neuen Models in den nächsten 20 Jahren keine Verbesserungen mehr erforderlich sind“, meint Niemöller.

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