Fr., 22.01.2016

Milchbauern unter Druck „Aufhören oder durchhalten“

Rund 200 Kühe stehen bei Elke Wieligmann – hier mit Hofhund „Cora“ – im Stall. Auf jeden Liter Milch, den sie und ihr Mann Günter abliefern, zahlen sie drauf. Eine Trendwende sei derzeit nicht erkennbar.

Rund 200 Kühe stehen bei Elke Wieligmann – hier mit Hofhund „Cora“ – im Stall. Auf jeden Liter Milch, den sie und ihr Mann Günter abliefern, zahlen sie drauf. Eine Trendwende sei derzeit nicht erkennbar. Foto: Frank Klausmeyer

Westerkappeln - 

Milch macht müde Männer munter, lautete ein Werbeslogan in den 1950er Jahren. Die Bauern selbst macht ihre Milch derzeit malade. Denn bei jedem Glas, das die Verbraucher trinken, zahlen die Landwirte ordentlich drauf. Immer mehr von ihnen ziehen die Reißleine.

Von Frank Klausmeyer

Milch macht müde Männer munter, lautete ein Werbeslogan in den 1950er Jahren. Die Bauern selbst macht ihre Milch derzeit malade. Denn bei jedem Glas, das die Verbraucher trinken, zahlen die Landwirte ordentlich drauf. Immer mehr von ihnen machen deshalb eine Vollbremsung. „Meines Wissens haben im vergangenen Jahr allein in Westerkappeln sieben Betriebe die Kühe abgeschafft“, berichtet Elke Wieligmann, seit 1999 Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Ortsvereins.

„Es gibt derzeit nur zwei Möglichkeiten: Entweder aufhören oder versuchen, das durchzuhalten“, sagt ihr langjähriger Vorgänger Roland Cizelsky. Seine Frau Heike und er haben sich 2015 für die letztgenannte Alternative entschieden. Bis auf einen kleinen Restbestand sind alle Kühe verkauft worden, der Großteil der Fläche soll – bis auf 15 Hektar Grünland – verpachtet werden.

35 Cent pro Kilogramm – das ist der Milchpreis, mit dem man einigermaßen – „ohne große Sprünge“ – über die Runden komme, sagt Elke Wieligmann. Stattdessen zahlt die Molkerei Mertens (Neuenkirchen) momentan nur etwa 27,5 Cent. Betriebe, die ans Deutsche Milchkontor (DMK) lieferten, bekämen noch weniger, weiß die 48-Jährige. „Die Auszahlungen reichen definitiv nicht aus, um unsere Produktionskosten zu decken. Wir leben von der Substanz.“

Milchpreise auf Talfahrt: Die angegebenen Preise beziehen sich auf Jahresdurchschnittswerte. 2013 wurde den Landwirten zwischenzeitlich sogar über 40 Cent pro Kilo ausgezahlt. Für 2016 erwarten Experten keine Trendwende.

Milchpreise auf Talfahrt: Die angegebenen Preise beziehen sich auf Jahresdurchschnittswerte. 2013 wurde den Landwirten zwischenzeitlich sogar über 40 Cent pro Kilo ausgezahlt. Für 2016 erwarten Experten keine Trendwende.

Aber wie lange kann man das durchhalten ? „Das kommt auf die Bank an“, antwortet die Mutter von drei Söhnen (27, 24, 18). Der Mittlere, Fabian, möchte den Hof in Sennlich gerne übernehmen. „Wenn die Zeiten so bleiben, entscheidet er sich aber vielleicht doch anders“, befürchtet Wieligmann.

Bei Cizelskys in Seeste hat die Frage des Generationenwechselns die Entscheidung zur Abwicklung beflügelt. Der jüngste Sohn, ausgelernter Landwirt, habe klipp und klar erklärt, dass er sich bei den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht vorstellen könne, den Betrieb zu übernehmen, erzählt Heike Cizelsky. Einerseits liege das an der wirtschaftlichen Lage. Ebenso viel Gewicht habe aber der gesellschaftliche Druck, dem sich die Landwirte ausgesetzt sehen. Tierquäler, Brunnenvergifter, Bodenvernichter – all das und mehr müssten die Landwirte sich an Vorwürfen in den Medien und der Öffentlichkeit gefallen lassen. „Da kann man schon die Lust verlieren“, meint auch Elke Wieligmann.

Ganz aktuell leiden die Milchbauern aber unter den ruinösen Preisen. „Jeder Liter, der abgeliefert wird, erzeugt ein Minus von 5 Cent“, erläutert Roland Cizelsky, warum er die Reißleine gezogen hat. Jeder Verbraucher kann sich ausrechnen, was solche Verhältnisse für einen Familienbetrieb wie den der Wieligmanns bedeutet.

Rund 200 Kühe stehen dort im Stall. 1,5 Millionen Liter Milch sind vergangenes Jahr auf dem Betrieb produziert worden. In keinem Monat gab es Auszahlungspreise, die die Kosten gedeckt haben. „Wir brauchen dafür mindestens 31, 32 Cent“, sagt die Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Ortsvereins.

Aber warum sind die Preise so im Keller ? Eigentlich ganz einfach: Es gibt ein Überangebot. Im März 2015 ist die sogenannte Milchquote ausgelaufen. Mit dieser EU-weit geltenden Regelung wurde die Produktionsmenge über 30 Jahre beschränkt. Jetzt dürfen die Bauern erzeugen, so viel sie wollen. Am Wegfall der Quote möchte Wieligmann den Preisverfall aber weniger festmachen. „2009 waren die Auszahlungen trotz Quote sogar noch ein bisschen niedriger als heute.“

Vor allem das russische Embargo für Milchprodukte aus der EU und die geschrumpfte Nachfrage in Asien – insbesondere in China – täten weh.

Ohne die sogenannte Flächenprämie sähe die wirtschaftliche Situation auf den Höfen wohl noch verheerender aus. Dabei handelt es sich – kurz gefasst – um an die Betriebsgröße gekoppelte Direktzahlungen aus EU-Töpfen an die Bauern – als Ausgleich für die Senkung der Agrarpreise auf Weltmarktniveau.

Auf diese Subventionen würden die Landwirte allzu gern verzichten, weil sie sich ob der komplizierten Antragsverfahren, immer schärferen Auflagen und immer strengeren Kontrollen von der Bürokratie gegängelt fühlen. Wenn beispielsweise Kälber nicht innerhalb von sieben Tagen nach Geburt, Zu- oder Verkauf den zuständigen Behörden gemeldet würden, drohten Abzüge, ärgert sich Elke Wieligmann. „Unsere Tiere werden besser überwacht, als die Flüchtlinge, die zurzeit kommen.“

„Ohne die Flächenprämie geht es aber derzeit gar nicht“, versichert sie. Ihr Hof müsse vier Familienmitglieder und einen Auszubildenden ernähren.

Das Sparpotenzial ist begrenzt. Weniger Kraftfutter, zumindest weniger hochwertig bringt vielleicht ein bisschen. Notwendige Investitionen werden hinten angestellt. Viel mehr sei nicht machbar, meint die Bäuerin.

Helfen könnten ihrer Meinung nach ein Ende des Russland-Embargos und Anstrengungen der Politik, Zugang zu neuen Märkten zu erhalten. Aber da hört die Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Ortsvereins schon wieder die Bedenkenträger, ob deutsche Bauern denn überhaupt Lebensmittel für die ganze Welt produzieren müssten ? „Es kritisiert doch auch keiner, dass Deutschland global Autos verkauft.“

Ein anderes Problem sei die Marktmacht der großen Handelsketten. „Mir geht der Hut hoch, wenn der Bundeswirtschaftsminister gegen die Entscheidung des Kartellamtes einen Zusammenschluss von Tengelmann und Edeka billigt.“

Roland Cizelsky, seit über 40 Jahren Landwirt aus Leidenschaft, hat eine Menge dieser Wut hinter sich gelassen. In Rente gehen kann der 61-Jährige aber noch nicht; sonst drohen Abzüge. Sein Betrieb wird weiter bewirtschaftet – auf kleiner Flamme, ohne die Kühe. „Das letzte Vierteljahr habe ich die Entscheidung noch keinen Tag bereut.“

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