Do., 14.09.2017

Bundestagskandidaten im Wahlkreis 128: Gabriele Georgiou (MLDP) „Für echten Sozialismus“

Dem Bergbau und den Kumpeln unter Tage fühlt sich Gabriele Georgiou eng verbunden.

Dem Bergbau und den Kumpeln unter Tage fühlt sich Gabriele Georgiou eng verbunden. Foto: privat

Westerkappeln/Lotte/Tecklenburger Land - 

Bei der letzten Wahl holt ihre Partei zwei Dutzend Stimmen. Gabriele Georgiou von der MLDP ist eine echte Randerscheinung im Wahlkampf.

Von Frank Klausmeyer

Die Spezies der Marxisten-Leninisten scheint in Deutschland seit dem Zusammenbruch des Ostblocks ja vom Aussterben bedroht. Es gibt sie aber noch. Eine Verfechterin der reinen Lehren von Marx, Engels, Stalin und Mao Tse-tung ist Gabriele Georgiou. Die Lengericherin bewirbt sich sogar um das Direktmandat im Wahlkreis 128 (Steinfurt III). Und sie kämpft dabei für „echten Sozialismus“.

Ein wohl aussichtsloses Unterfangen. Bei der Bundestagswahl 2013 holte die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) – damals noch ohne Direktkandidaten – im hiesigen Wahlkreis gerade einmal zwei Dutzend Stimmen. Nach einem Aufstand der Arbeiterklasse und dem Sturz der kapitalistischen Herrschaft sieht das nicht gerade aus.

Gabriele Georgiou kommt in ihrem Auftreten so gar nicht als Revolutionärin daher – eine kultivierte Erscheinung, sittsam im Ton, aber unerschütterlich in ihren Ansichten: „Ich bin radikal links“, erklärt die 62-Jährige. Das heißt für sie, an die Wurzel der Probleme zu gehen. Und die lägen weltweit in der kapitalistischen Herrschaft begründet. „500 Konzerne regieren die Welt.“

Kommunistin ist Georgiou schon seit ihrer Jugend, weil sie sich für eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung interessierte. „Das ist eine Bewusstseinsfrage“, meint sie und findet es bedauerlich, „dass die Leute hierzulande so beschäftigt werden, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, Revolution zu machen.“

Aufgewachsen in der schwäbischen Provinz hilft sie schon früh den Eltern, die eine Metzgerei betreiben. Nach der Schule macht sie zunächst eine Ausbildung zur Erzieherin, dann folgt eine Lehre beim Busbauer Kässbohrer zur Stahlbauschlosserin. Sie ist die erste Frau in Baden-Württemberg mit einem solchen Gesellenbrief in der Tasche. Mitte der 1980er Jahre zieht sie ins Ruhrgebiet nach Duisburg-Walsum, wo sie an der Seite der Bergleute für den Erhalt der Zeche kämpft – vergeblich. Heute will sie den Kumpel in Ibbenbüren „eine Stimme verleihen“. Da gebe es eine Riesenunzufriedenheit.

Regelmäßig steht die Kommunistin nach eigenem Bekunden mit den Leuten vom Pütt im Gespräch. Im Umfeld des Bergwerks hat die Internationale Liste/MLPD so viel Plakate aufgehängt wie kaum eine andere Partei. „Die Zeche muss erhalten bleiben“, fordert Georgiou, die erst seit einigen Wochen in Lengerich wohnt. Dabei kritisiert sie den „rücksichtslosen Raubbau“ der Ruhrkohle AG. Man könne auch pfleglichen Bergbau betreiben. Kohle sei ein wertvoller Rohstoff, aber nicht zum Verfeuern, sondern für die Chemie oder Medizin.

Internationale Konzerne mit ihrer Profitgier macht die 62-Jährige für die Zerstörung der Natur und die Ausbeutung der Arbeiterklasse verantwortlich. Allein in Nordrhein-Westfalen seien in den vergangenen vier Jahren rund 40 000 Industriearbeitsplätze vernichtet worden. In vielen Arbeiterfamilien sei Armut eingekehrt. Unterbeschäftigung und Leiharbeit hätten sich in den letzten Jahren verdoppelt.

Und dann beschwört Georgiou bei einer Tasse Kaffee nachdenklich den drohenden Untergang des Planeten herauf; durch die globale Umweltzerstörung und die wachsende Kriegsgefahr, die auch von „neuen imperialistische Mächten“ wie China und Saudi-Arabien geschürt werde.

Für den Steinkohlebergbau und gegen Fracking

+ Ich setze mich für Arbeitsplätze und Umweltschutz ein. Die Steinkohlezechen in Ibbenbüren und Bottrop müssen offen bleiben und damit der Zugang zum wichtigen Rohstoff Kohle, viel zu schade zum Verbrennen.

+ Profitsteuern rauf und Massensteuern runter! Progressive Besteuerung der Großunternehmen, statt den „kleinen Leuten“ 65 Cent pro Euro für Steuern und Sozialabgaben abzuknöpfen. Damit würden gesellschaftliche Aufgaben, wie Kinderbetreuung, Pflege für alte Menschen oder Unterstützung für Flüchtlinge bezahlbar.

+ Alle positiven Errungenschaften, die die Menschheit hervorbringt, sollen dieser auch zugute kommen. Das erfordert ein Gesellschaftssystem, in dem nicht die Profitgier regiert, sondern in dem der Mensch im Mittelpunkt steht.

-Mit mir wird es kein umweltzerstörerisches Fracking (Gasbohren mit Chemikalien) geben.

-Ich bin gegen staatlichen Überwachungswahn, Bürgerkriegsübungen und Polizeiterror und dagegen, dass faschistische Organisationen in Deutschland hochgepäppelt werden.

- Weg mit dem Rentenalter von 67 Jahren. Statt Altersarmut – höheres Rentenniveau auf Kosten der Konzerne.

Darum arbeitet die 62-Jährige mit der MLPD, wo sie seit Jahren fest angestellt ist, unverdrossen auf die „Diktatur des Proletariats“ hin, für eine Welt „in der Mensch und die Umwelt als Einheit im Mittelpunkt stehen“ und in der am Ende die klassenlose Gesamtgesellschaft zähle und nicht „die Einzelperson mit seinem ganzen Profitstreben“.

Da bleibt offensichtlich noch viel zu tun: Die MLPD gehe davon aus, dass es auf der ganzen Welt keinen Sozialismus mehr gibt – nicht in China, nicht auf Kuba und schon gar nicht in Nordkorea, erklärt Georgiou. Der sozialistische Aufbau in der einstigen Sowjetunion und in der DDR wird von der Partei als verdienstvoll gewürdigt, letztlich sei er aber an „kleinbürgerlich entarteten Vertretern der Bürokratie“ gescheitert, wie es im Programm der MLPD zu lesen ist. Stalins Terrorherrschaft, der Millionen Menschen zum Opfer fielen, wird auch von Gabriele Georgiou zu „Fehlern“ verharmlost, die der „revolutionäre Führer“ begangen habe. Da wundert es nicht, dass die MLPD vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Für Georgiou mag dies ein weiterer Beleg dafür sein, dass der „echte Sozialismus“ verunglimpft wird. Sie ficht das nicht an, sie ist restlos überzeugt vom Marxismus-Leninismus – so überzeugt übrigens, dass sie vor drei Jahren 75 000 Euro aus einer Erbschaft der Partei geschenkt hat. Das muss man sich erst einmal leisten können. „Ich hab mein ganzes Leben sehr wenig Geld ausgegeben.“

Dass ihr mit dieser Bescheidenheit der Einzug in den Bundestag gelingt, glaubt die Kommunistin wohl selbst nicht. Ihre Hoffnung ist eine andere: „Wenn die Leute Protest wollen, sollen sie nicht die AfD wählen, sondern uns.“

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