Di., 13.06.2017

Zeitzeugen-Gespräche „Gestohlene Kindheit“ im Nazi-Terror

Zeitgeschichte hautnah: Regierungspräsident Prof. Dr. Reinhard Klenke (7.v.r.) startete in Ennigerloh gemeinsam mit Zeitzeugin Liesel Binzer (5.v.r) und dem Historiker Matthias Ester (4.v.r.) das Projekt „Erinnerungspaten – Erinnern über die Zeitzeugenschaft hinaus“. Die Veranstaltung wurde von Realschulleiterin Felicitas Inkmann (7.v.l) und Geschichtslehrer Marco Kühlert (l) sowie Schülern der Abschlussklassen unterstützt.

Zeitgeschichte hautnah: Regierungspräsident Prof. Dr. Reinhard Klenke (7.v.r.) startete in Ennigerloh gemeinsam mit Zeitzeugin Liesel Binzer (5.v.r) und dem Historiker Matthias Ester (4.v.r.) das Projekt „Erinnerungspaten – Erinnern über die Zeitzeugenschaft hinaus“. Die Veranstaltung wurde von Realschulleiterin Felicitas Inkmann (7.v.l) und Geschichtslehrer Marco Kühlert (l) sowie Schülern der Abschlussklassen unterstützt.

KREIS WARENDORF - 

Liesel Binzer war mit 15 000 Kindern im Ghetto Theresienstadt. Mit ihr haben nur rund 150 Kinder überlebt. Ennigerloher Schüler hören ihr jetzt bei ihrem Zeitzeugengespräch zu.

Die Abschlussklassen der Realschule zur Windmühle und Anne-Frank-Hauptschule in Ennigerloh hatten am Dienstag die Gelegenheit mit der aus Münster stammenden Liesel Binzer eine der letzten Zeitzeuginnen zu hören, die in dem Konzentrationslager Theresienstadt interniert waren und die Shoah überlebt haben.

Doch die Zeit, in der Überlebende die Erinnerung an den Holocaust und die Entrechtung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten persönlich den nachwachsenden Generationen vermitteln können, neigt sich dem Ende entgegen. Was kommt dann?

Regierungspräsident Prof. Dr. Reinhard Klenke gab im Rahmen des Zeitzeugengesprächs in der Realschule Ennigerloh den Startschuss für das Projekt „Erinnerungspaten – Erinnern über die Zeitzeugenschaft hinaus“ für den Regierungsbezirk Münster. „Erinnerungspaten, die in einem engen Kontakt zu den Überlebenden stehen oder standen, können besser als jede Geschichtsschreibung einen unmittelbaren Eindruck von der Dimension des Unrechts vermitteln und damit gegen eine Wiederholung des Bösen immun machen. Es ist höchste Zeit, ihnen zuzuhören“, sagte Klenke.

Die Schüler erlebten den Historiker Matthias Ester vom Geschichts-Kontor Münster als ersten Erinnerungspaten. Er führte das Gespräch und zeigte Dokumente, Fotos und Erinnerungsstationen. Ester steht seit Jahren in engem Austausch mit der Zeitzeugin Liesel Binzer, die 1936 in Münster als Liesel Michel geboren wurde und fünf Jahre alt war, als sie am 31. Juli 1942 mit ihren Eltern vom Güterbahnhof Münster aus nach Theresienstadt deportiert wurde. Ester war es auch, der Liesel Binzer ermutigte, öffentlich über ihr Überleben im Nazi-Terror, ihre Kindheit im Ghetto und später ihre Jugend und Schulzeit im Nachkriegs-Münsterland zu sprechen. Sie war mit 15 000 Kindern im Ghetto Theresienstadt. Nur rund 150 haben überlebt

Liesel Binzer schilderte den Schülern der Abschlussklassen auch, wie sie mit den Erfahrungen und Nachwirkungen einer „gestohlenen Kindheit“ umgegangen ist und wie ihre Kinder und Enkel dieses „Familienerbe“ wahrnehmen.

Für das Projekt „Erinnerungspaten“ hat das Dezernat für Lehrerfortbildung der Bezirksregierung Münster in Zusammenarbeit mit der Geschichtsort Villa ten Hompel ein Konzept entworfen, wie das Gedenken am besten wachgehalten werden kann, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt. Zu diesen Zeitzeugen gehören alle Menschen, deren Leben in der Zeit des Nationalsozialismus massiv gegen ihren Willen verändert wurde, wie Holocaust-Überlebende, Verfolgte, Untergetauchte, Emigranten, Kinder der Kindertransporte, aber auch Angehörige von Überlebenden. Die potenziellen Erinnerungspaten sollen die Zeitzeugen oder die Angehörigen persönlich gekannt und gesprochen, als Zeitzeugen gehört haben und Fotos, Briefe, Dokumente oder Video-Audiomitschnitte aus dem Leben des Zeitzeugen präsentieren können.

Die Erinnerungspaten übernehmen als Vermittler und Botschafter die Geschichte des Überlebenden. Es ist auch wichtig, dass Erinnerungspaten ein vertieftes historisches Sachwissen haben, gut erzählen und mit Schülern umgehen können. Die künftigen Erinnerungspaten werden bei ihrer Aufgabe eng von Fachleuten der Bezirksregierung und der Villa ten Hompel begleitet.   

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