Eltern suchen die „richtige Schule“
Wohin mit schwierigen Schülern?

Kreis Warendorf -

Alle reden von Inklusion – parallel soll im Kreis Warendorf eine neue Förderschule errichtet werden. Passt das? Wie denken betroffene Eltern darüber?

Donnerstag, 08.02.2018, 07:02 Uhr

Oliver Janssens und Anja Moss haben beide einen Sohn, der an einer Förderschule unterrichtet wird. Als betroffene Eltern schildern die beiden ihren Einsatz, die „richtige Schule“ für das Kind zu finden.
Oliver Janssens und Anja Moss haben beide einen Sohn, der an einer Förderschule unterrichtet wird. Als betroffene Eltern schildern die beiden ihren Einsatz, die „richtige Schule“ für das Kind zu finden. Foto: Beate Kopmann

Das Aus für die Förderschulen schien besiegelt zu sein. Aber seitdem die neue Landesregierung in diesem Punkt eine Kurskorrektur eingeleitet hat, fordern Landrat und Bürgermeister eine neue Förderschule im nördlichen Teil des Kreises. Dabei war die Franziskus­schule in Warendorf, Förderschule mit Schwerpunkt Lernen, gerade erst geschlossen worden.

Die Diskussion um die mögliche Neuerrichtung einer Förderschule nimmt unsere Zeitung zum Anlass, um mit betroffenen Eltern zu reden. Wollen sie eine Förderschule oder soll das Kind besser an einer Regelschule unterrichtet werden?

Aus Sicht von Anja Moss , Mutter eines 13-jährigen Jungen, der das Asperger-Syndrom hat, eine Variante von Autismus, ist diese Frage falsch gestellt. „Alles steht und fällt mit dem Lehrer – egal, ob es sich um eine Förderschule oder um eine Regelschule handelt.“ So habe eine Lehrerin an der Telgter Grundschule beispielsweise sehr viel für ihren Sohn Paul erreicht. „Das war viel besser als die Situation, die wir später an einer Förderschule in Münster hatten“, schildert die Mutter von vier Kindern. Denn an der Förderschule seien noch nicht einmal die Punkte eingehalten worden, die im Hilfeplan für Paul festgelegt waren.

Marco würde den Unterricht an einer Regelschule ordentlich aufmischen. An der Tellen-Schule ist er einfach glücklich.

Oliver Janssens

Dennoch macht sich Anja Moss für den Erhalt von Förderschulen stark. „Viele Kinder brauchen den geschützten Raum.“ Der Meinung ist auch Oliver Janssens . Sein 13-jähriger Pflegesohn Marco besucht die Tellen-Schule in Warendorf. Dort werden Schüler mit geistigen Einschränkungen unterrichtet. „Marco ist ein klassisches Inklusionskind. Er könnte an die Regelschule wechseln, aber damit wäre niemandem gedient“, ist sich Janssens sicher. „Vielleicht könnte der Junge dann später etwas besser lesen und rechnen. Aber er würde den Unterricht an einer Regelschule ordentlich aufmischen. Und an der Tellen-Schule ist er einfach glücklich.“

In der Runde meldet sich noch eine Mutter zu Wort. Sie möchte ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen – weil sie ihr Kind schützen will. Der Junge gilt als schwierig und wäre an einer Förderschule mit Schwerpunkt „Emotionale und soziale „Entwicklung“ gut aufgehoben. Genau die gibt es aber im Nordkreis nicht. Weite Schulwege will die Familie dem Jungen nicht zumuten. Das Kind wird also an einer Sekundarschule unterrichtet. Mit der Auflage, dass die Mutter jederzeit bereitsteht, um das Kind abzuholen, sollte es Probleme geben. „Aus diesem Grund bin ich nicht berufstätig“, erzählt die Frau. Dadurch fehle Einkommen, die Familie müsse sich finanziell sehr einschränken.

Inzwischen ist mir egal, ob Paul einen Abschluss schafft oder nicht. Ich will nur noch, dass es ihm gut geht.

Anja Moss

„Das Schlimme ist, wenn es an Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus fehlt“, hebt Anja Moss hervor. Dies sei leider nicht selten der Fall. Allerdings gebe es auch Eltern, die sich wenig für ihre Kinder interessierten, sodass einzelne Lehrer vielleicht deswegen der Meinung seien, es bringe nichts, diese Kommunikation zu suchen.

Die beiden Mütter gebrauchen starke Worte: „Man ist der Willkür ausgeliefert.“ Natürlich gebe es großartige Lehrer, aber auch solche, die sich wenig bemühten. „Und die Lehrer bewegen sich nun mal in einem sehr geschützten Rahmen.“ Dabei müssten oft nur Kleinigkeiten geändert werden, um die Situation für die Kinder zu verbessern. Der Sohn von Anja Moss beispielsweise bräuchte wegen des Asperger-Syndroms bei Tests und Klassenarbeiten einen Raum, in dem er alleine ist und durch nichts abgelenkt wäre. So, wie der Hilfeplan es eigentlich vorsieht, die Förderschule es aber nicht umgesetzt hat. Weil gerade ein Schulwechsel bevorsteht, hofft Anja Moss, dass die Lage sich bessert.

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Hin und wieder komme Unterstützung von Schulaufsicht oder Jugendamt. Aber oft fühlen sich die Eltern trotzdem allein. Und müde. Auch Anja Moss hat jetzt entschieden, ihre Berufstätigkeit aufzugeben. Alles zusammen sei einfach zu anstrengend. „Inzwischen ist mir auch egal, ob Paul einen Abschluss schafft oder nicht. Ich will nur noch, dass es ihm gut geht.“  

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