Lesung mit Dr. Peter Schmidt
Schreck über „Löcher im Bauch“

Ahlen -

Wie ist es, das Asperger-Syndrom zu haben? Dr. Peter Schmidt machte in seiner Lesung „Der Junge vom Saturn“ dem Publikum diese Form des Autismus auf eindrucksvolle Art verständlich.

Mittwoch, 21.09.2016, 15:09 Uhr

Peter Schmidt beeindruckte sein Publikum, das zur Lesung ins „Cinema“ gekommen war.
Peter Schmidt beeindruckte sein Publikum, das zur Lesung ins „Cinema“ gekommen war. Foto: Innosozial

Dr. Peter Schmidt ist erfolgreich, hat einen spannenden Job, in dem er viel reist, ist eine gefragte Größe in der IT-Branche, hat eine Familie, ein Haus, Bücher auf der Spiegel-Bestsellerliste – und das Asperger-Syndrom. Erst mit 41 Jahren erhielt er die Diagnose über diese Form des Autismus , vorher lebte er jahrzehntelang mit Symptomen der tiefgreifenden Entwicklungsstörung und fand nie eine Antwort auf seine Frage, wieso er sich so anders fühlt.

Die Bücher auf dem Tisch links von ihm türmen sich zu einem kleinen Stapel, erst ganz frisch ist noch eins hinzugekommen. Peter Schmidt räuspert sich, nimmt einen Schluck Cola aus dem blauen Pappbecher und dann kann es losgehen: Zwischen seinen Fingern knirscht das Papier, als er in seinem Buch „Der Junge vom Saturn. Wie ein autistisches Kind die Welt sieht“ weiterblättert. Er nimmt seine Zuhörer mit in seine Welt – eine Welt, in der er sich immer irgendwie anders fühlte. „Er ist total authentisch und wir freuen uns riesig, dass er zu uns nach Ahlen gekommen ist, um eine Lesung aus seinem Buch zu machen“, sagt Silke Bottazzo vom Fachdienst Autismus der Innosozial.

Gemeinsam mit über 80 Teilnehmern lauscht sie am Samstag im „Cinema“ gespannt seinen Ausführungen und taucht in die Welt eines autistischen Kindes ab. „Meine Mutter nannte ich immer die Locken“, beschreibt Peter Schmidt seine Welt, in der er den Menschen um sich herum besondere Namen gab.

„Ich denke, dass mir seine Schilderungen helfen, um mein eigenes Kind noch etwas besser zu verstehen“, sagt eine Mutter, deren Kind bei der Innosozial vom Fachdienst Autismus unterstützt wird. Sie ist ganz begeistert, schließlich sei es etwas ganz Besonderes, dass jemand so genau von seinen Erfahrungen aus Kindheitstagen erzählen könne. Tage, an denen es Peter Schmidt nicht immer leicht hatte: Wie soll man denn eine Welt verstehen, in der so viele Dinge unlogisch erscheinen? Dies fällt ihm besonders auf, als er wissen möchte, woher er kommt und wieso man sich als Kind seine Eltern nicht selbst aussuchen kann. „Dass der Storch die Kinder bringt, das erschien mir etwas komisch“, erinnert er sich und muss schmunzeln. Doch, dass er aufhören sollte, seiner Tante Löcher in den Bauch zu fragen, das erschreckte ihn zutiefst. „Ich dachte wirklich, dass sie Löcher im Bauch hatte und musste gleich nachsehen“, sagt Schmidt. Dass er Aussagen wörtlich nimmt, das könne ihm auch heute noch passieren, sagt er. Denn dies kann ein typisches Symptom von Autismus-Spektrum-Störungen sein. „Wie es endete, als ich gesagt bekam, dass ich mich in der Schule einfach etwas mehr durchbeißen muss, können Sie sich denken“, lächelt Schmidt. „Hätte ich nicht so einen tollen Klassenlehrer gehabt, wäre ich womöglich von der Schule geflogen“, sagt er und betont, wie wichtig es für Menschen mit Autismus sei, dass sie von Menschen unterstützt werden, die sie verstehen und so nehmen wie sie sind. Bei ihm habe sich zur Grundschulzeit niemand sein Verhalten erklären können. Die Diagnose Autismus sei damals eben nicht verbreitet gewesen: „Erst mit 41 Jahren habe ich dann die Diagnose bekommen.“ Das sei für ihn eine Antwort auf viele Fragen gewesen. Doch verändert habe es sein Leben nicht über die Maße hinaus. Wobei: Ein paar Bestseller sind hinzugekommen und seine Fangemeinde wächst und wächst. Auch in Ahlen sind die Zuhörer ganz begeistert. Der Bücherstapel vom Anfang ist zuletzt fast komplett abgeräumt. Und wer weiß, vielleicht kommen ja noch weitere Exemplare dazu und Peter Schmidt ist bald wieder zu Besuch bei der Innosozial in Ahlen.

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