Do., 10.03.2016

„Woche der Brüderlichkeit“ Alle wollten nur reingewaschen werden

Ahlen - 

Liesel Michel-Binzer hat als jüdisches Kind das KZ Theresienstadt überlebt. Und kehrte mit ihren Eltern zurück nach Freckenhorst. Vor Schülern der Fritz-Winter-Gesamtschule berichtet sie, wie ihr Leben danach aussah.

Von Dierk Hartleb

Nein, entschuldigt sich hat sich nach dem Krieg niemand bei Familie Michel. „Sie wollten alle nur reingewaschen werden“, erinnerte sich Tochter Liesel Michel-Binzer am Donnerstag beim Zeitzeugengespräch im Forum der Fritz-Winter-Gesamtschule. Die 79-Jährige war im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ zum zweiten Mal Gast in der Schule, um über ihre Erinnerungen an ihr Leben in Münster zu sprechen, von wo sie 1942 mit ihren Eltern nach Theresienstadt deportiert wurde. Und wie sie später nach der Befreiung durch die Rote Armee in Freckenhorst ankam, wo das Elternhaus der Mutter Liesel Binzers den Krieg unbeschadet überstanden hatte und sich inzwischen Nazis breit gemacht hatten.

Wie lebt man als Jüdin, die den Holocaust mit den Eltern überlebt hat, unter und mit den Tätern? Möglichst „unauffällig“, antwortete sie auf eine Frage, was ihr aber sicherlich nicht immer gelungen sei. Das klang fast entschuldigend, wobei sich doch eher ihre Mitmenschen zumindest zu ihrer Verantwortung, nur zugeschaut zu haben, hätten bekennen müssen. Die Chuzpe zu haben, die jüdische Familie Michel sogar um einen „Persilschein“ zu bitten, kein Nazi gewesen zu sein, wie jener Schützenkönig aus der Vorkriegszeit, der eine nahe Angehörige der Familie, die im KZ elendig umkam, verpfiffen hatte, beschreibt die kollektive Verantwortungslosigkeit der Kriegsgeneration, die sich nach der Befreiung von der NS-Diktatur an nichts mehr erinnern wollte. Dabei fand die Deportation der in Münster verbliebenen Juden an einem heißen Tag im Juli 1942 vor den Augen der Nachbarn statt, wie die Zeitzeugin auf Nachfragen des Moderators berichtete.

Mit fünf Jahren wurden Liesel Michel-Binzer und ihre Eltern nach Theresienstadt deportiert, wo das kleine Mädchen in einem Heim getrennt von ihrer Mutter untergebracht wurde, die Mutter selbst hart arbeiten musste, und der im Ersten Weltkrieg schwer verwundete Vater wie durch ein Wunder überlebte. Dass das Mädchen Verschleppung und KZ überlebte, verdankt es nicht zuletzt den Betreuerinnen im Heim. „Sie haben sich liebevoll um uns gekümmert“, sagte die 79-Jährige, die zuvor von Claudia Buchartowski, didaktische Leiterin, begrüßt worden war.

Mit warmherzigen Beifall verabschiedeten die Schüler der Jahrgänge zwölf und 13 die Zeitzeugin.

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