Fr., 10.02.2017

Ärger um 40 Jahre altes Karnevalsbild 49-Jährige verklagt Heimatverein Vorhelm

Der „Historische Kalender“ des Heimatvereins Vorhelm, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Kalender-Manufaktur Verden, darf derzeit nicht mehr verkauft werden. Eine Ahlenerin, die auf dem März-Blatt zu sehen ist, hat geklagt.

Der „Historische Kalender“ des Heimatvereins Vorhelm, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Kalender-Manufaktur Verden, darf derzeit nicht mehr verkauft werden. Eine Ahlenerin, die auf dem März-Blatt zu sehen ist, hat geklagt. Foto: Ulrich Gösmann

Vorhelm - 

Das Recht am eigenen Bild ist ein hohes Gut. Doch lässt sich auch für eine mehr als 40 Jahre alte Aufnahme einer Karnevalstanzgruppe ein Schmerzensgeld von mehreren Tausend Euro einklagen? Diese Frage muss das Landgericht Münster am 16. März beantworten.

Von Dierk Hartleb

Vor 40 Jahren stand sie für die KG „Klein-Köln“ auf der Bühne, war damals Gründungsmitglied der „Mini-Nixen“. Jetzt hat die inzwischen 49-jährige Frau den Heimatverein Vorhelm verklagt, weil dieser ein Bild aus jenen Tagen in seinem „Historischen Kalender“ veröffentlicht hat. Die einstige Tänzerin sieht sich „in ihrem Persönlichkeitsrecht verletzt und in ihrer Ehre gekränkt“, heißt es in der Klageschrift. Am Donnerstag, 16. März, wird der Fall vor dem Landgericht Münster verhandelt.

Seit fünf Jahren druckt die Kalender-Manufaktur im niedersächsischen Verden die Reihe „Historischer Kalender“, für die der Heimatverein sein Archivmaterial zur Verfügung stellt. Im vorliegenden Fall wurde für den Monat März ein Foto ausgewählt, das der damalige Dorfreporter Theo Keseberg als Werbung für die 1977 neu ins Leben gerufene Tanzgarde im Vorfeld der KG-Gala-Prunksitzung erstellt hat.

Es zeigt Mitglieder der „Mini-Nixen“ im Oktober 1977 bei ihrer Probe in der sechs Jahre zuvor errichteten Vorhelmer Turnhalle. „Unserer Ansicht nach ist dieses Bild ein Dokument der Zeitgeschichte“, sagt ein Sprecher des Heimatvereins. „Es zeigt die damalige Mode, steht symbolisch für die Gründung einer bis heute aktiven Karnevals-Tanzgarde und stellt niemanden der Abgebildeten bloß.“

Streitwert von 6000 Euro

Hinzu komme, dass die Tänzerinnen anonym bleiben, also namentlich nicht genannt sind. „Hinter dem Kalender steckt keine böse Absicht, sondern der Wunsch, die Leute an die schönen Seiten des Dorflebens von damals zu erinnern. Da gehört neben Fußball-, Schützen- und Schulereignissen auch der Karneval dazu.“

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Das Urteil wäre auch wegweisend für unzählige andere Vereine.

Christian Bücker

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Das Landgericht sah das bei einer ersten Anhörung am vergangenen Montag anders. Es räumte der Ahlenerin durchaus eine berechtigte Forderung ein, man müsse eine Veröffentlichung „nicht dulden“. Der Sprecher des Landgerichts, Dr. Daniel Stenner, bestätigt, dass der Richter das Recht am eigenen Bild durch die Veröffentlichung verletzt sehe. Die sei nur gerechtfertigt, wenn es sich bei abgelichteten Personen um Beiwerk handele. In diesem Fall sei aber klar ersichtlich, dass das Foto wegen der Mädchen aufgenommen worden sei. Es reiche auch nicht, wenn die Eltern seinerzeit ihre Einwilligung für eine Presseveröffentlichung gegeben hätten, zumal die heutige Verwertung des Fotos eine kommerzielle Nutzung darstelle. Der Streitwert ist auf 6000 Euro festgelegt worden.

Für den Heimatverein, der seit 2008 ehrenamtlich mehrere Tausend Bilder aus dem Keseberg-Nachlass sichtet, digitalisiert und in der Alten Mühle archiviert, ist diese Einschätzung ein Schlag ins Gesicht: „Wir sind sehr betroffen und traurig. Wenn diese Forderung durchkommt, können wir 90 Prozent unseres Bildmaterials für immer in den Giftschrank verbannen“, sagt der stellvertretende Kassierer Christian Bücker auf Anfrage unserer Zeitung und weist darauf hin, dass der Verein mit dem Kalender keinen Gewinn mache.

Nicht verkaufte Exemplare sollen vernichtet werden

„Das Urteil wäre auch wegweisend für unzählige andere Vereine. Wenn ein Bild, das vier Jahrzehnte alt ist, kein zeitgeschichtliches Dokument ist, können demnächst auch keine Kalender, Festschriften und andere Werke mehr gedruckt werden. Das wird eine Welle von Klagen nach sich ziehen.“

Die Kalender-Manufaktur hatte der betroffenen Dame bereits im Dezember Entgegenkommen gezeigt, als sie die Produktion des Kalenders per Einstweiliger Verfügung stoppen ließ. „Das März-Motiv wurde ausgetauscht“, so Harald Nienaber, Inhaber des „Hauses der Werbung“, zu dem die Manufaktur gehört. Zu diesem Zeitpunkt seien 70 Kalender mit dem ursprünglichen Bild bereits verkauft gewesen. Die will die Ahlenerin nun zurückrufen lassen. Alle nicht verkauften Exemplare möchte sie vernichtet wissen.

„So etwas habe ich noch nie erlebt“, gibt Nienaber zu. Sein Vorschlag einer außergerichtlichen Einigung habe die 49-Jährige abgelehnt. „150 Euro von uns, 150 Euro vom Heimatverein standen im Raum.“ Die Summe, auf die jene Klägerin behaart, bezeichnet der Firmenchef als „utopisch“. Insofern bestehe bei den beteiligten Akteuren der Eindruck, dass es hier „nur um Geld“ gehe.

Der Heimatvereins-Vorsitzende Willi Wienker wollte sich mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht äußern. „Wir haben am Montag eine Vorstandssitzung, in der über den Fall beraten wird“, sagte er.

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