So., 19.03.2017

Torsten Sträter in der Stadthalle Selbstironisch durchs eigene Leben

Nicht nur als glänzender Unterhalter war Torsten Sträter am Samstagabend in der Stadthalle gefragt. Am Stand der Mayerschen Buchhandlung Sommer gingen seine Bücher weg wie warme Semmeln.

Nicht nur als glänzender Unterhalter war Torsten Sträter am Samstagabend in der Stadthalle gefragt. Am Stand der Mayerschen Buchhandlung Sommer gingen seine Bücher weg wie warme Semmeln. Foto: Dierk Hartleb

Ahlen - 

Ausverkauft! Torsten Sträter war am Samstagabend Garant für glänzende Unterhaltung in der Ahlener Stadthalle. 800 Zuschauer lauschten dem sprachgewandten Künstler.

Von Dierk Hartleb

Nein, als Vize-Ersatz-Pressesprecher von Donald Trump kam er nicht. Torsten Sträter gab am Samstagabend vor 800 Gästen in der Stadthalle auch nicht den Vize vom Vize der AfD-Lautsprecherin Frauke Petry oder den der Fifa oder der Bahn, wie er es bei Christian Ehring und dessen Sendung „Extra 3“ macht. Er kam einfach als der, wie man ihn aus „Nuhr im Ersten“ kennt: als der Torsten Sträter mit Wollmütze als Kopfbedeckung. Halt, etwas war noch anders: Statt eines bequemen Stuhls wartete hinter dem Stehpult ein Hocker auf den Mann aus Waltrop, der an diesem Abend meist stehend den Kontakt mit seinem Publikum suchte.

Das hielt sich an den Titel des Programms „Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein“, was der Kabarettist – oder ist Sträter doch eher ein Comedian? – zu einem Plausch mit Besuchern nutzte und nebenbei erfuhr, dass sich ein verspätet Eintreffender aus dem nordhessischen Kassel auf den Weg nach Ahlen gemacht hatte. Irgendwann hatten sich auch die letzten Zuschauerlücken in der ersten Reihe gefüllt, die den Mann auf der Bühne genauso zu stören schienen wie andere Zahnlücken.

Vor ausverkauftem Haus: Torsten Sträter.

Vor ausverkauftem Haus: Torsten Sträter. Foto: Dierk Hartleb

Nach einigen, natürlich despektierlichen Äußerungen zum Warmwerden über das Schmuddelgewässer, das sich Werse nennt, ging es mitten ins Leben oder Sterben. Weil er das T-Wort an diesem Abend eigentlich nicht in den Mund nehmen wollte, das ihm viel später dann doch über die Lippen huschte, erzählte Sträter lieber von seinem Arztbesuch, bei dem ihm zum Zwecke des großen Blutbildes das gesamte Blut abgesaugt worden war. Gott sei Dank sah es bei dem Mediziner nicht so aus wie bei den Hottentotten. Einem Lieblingswort seiner verstorbenen Mutter, mit der er allerdings in Ahlen keine SMS austauschte, aber die für viele Kindheitserinnerungen herhalten musste. Im Unterschied zu den Buren – und Sträter hätte auch noch die deutschen Siedler in Namibia nennen können – unterstellte er seiner Mutter keinen ausgeprägten Rassismus, denn die Hottentotten waren in Wahrheit eine große Völkerfamilie namens Koikhoi. Überhaupt seine Mutter und die herzallerliebste Oma, bei der er am liebsten noch heute wohnen würde.

Dieser Erfahrung entsprang auch die ironische Aufforderung, möglichst lange zu Hause wohnen zu bleiben, um den Zustand der Unselbstständigkeit so lange wie möglich zu erhalten. Aber dafür nahm der 50-Jährige nicht die heutige Generation Praktikum in Haft, sondern geißelte selbstironisch seine eigene Unzulänglichkeit, wobei er altersmäßig eher zur Generation gehört, als Rudi Carrell, Wim Thoelke oder Hans Rosenthal noch Familien vor den Fernsehgeräten zusammenkommen ließen.

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...aber den einzigen Raum, den ich (in der Türkei) mieten könnte, müsste ich vermutlich mit einem Journalisten teilen.

Torsten Sträter

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Wohltuend auch, dass Sträter selbst beim Thema Sex den Abstieg ins Vulgäre vermied, den mancher seiner Kollegen für unentbehrlich halten. Und politisch reichten Nadelstiche – homöopathisch dosiert – gegen Herrn T oder Erdogan, um seine Meinung auf den Punkt zu bringen. Er würde ja gerne auch mal in der Türkei auftreten, wie das mit Vorliebe türkische Politiker gerade hier tun, „aber den einzigen Raum, den ich mieten könnte, müsste ich vermutlich mit einem Journalisten teilen“, zog er sein persönliches Fazit. Mehr als 150 Journalisten sollen sich derzeit in den türkischen Gefängnissen befinden.

Die Frage, ob Sträter Kabarettist oder mehr Comedian ist, stellte sich nach drei Stunden nicht mehr: fraglos ein glänzender Unterhalter und sprachgewandter Künstler.

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