Do., 08.06.2017

Performance von Stephan US Niemandsland im Wägelchen

Stephan US mit Weltkartenschirm. So macht er sich auf den Weg, um mit Menschen über das „Wir“ zu sprechen.

Stephan US mit Weltkartenschirm. So macht er sich auf den Weg, um mit Menschen über das „Wir“ zu sprechen. Foto: Sabine Tegeler

Ahlen - 

Ein Hund wollte seine Blumen fressen, aber das gab der Performance des Münsteraner Künstlers Stephan US am Donnerstag nur noch den besonderen Kick. Viele Ahlener ließen sich auf ein Gespräch über das „Wir“ ein.

Von Sabine Tegeler

Die Ahlener, die den Künstler Stephan US und seine Aktionen bereits kennen, werden sich am Donnerstag nicht gewundert haben. Alle anderen aber mit Sicherheit schon. Da zieht ein Mann im schwarzen Anzug durch die Stadt. Hinter ihm zuckelt ein Wägelchen, bepflanzt mit grünem Kraut und einem Schild „Nomadic No Man‘s Land“.

Das ist typisch Stephan US – Performancekünstler aus Münster mit Drang nach draußen. Und immer unterwegs mit einer Botschaft.

„Immer unterwegs“ trifft den Kern dieser Aktion, die ihn Donnerstag auch nach Ahlen führt. „Ich bin jetzt nur noch nomadisch unterwegs“, erklärt der Künstler im Gespräch, was ihn treibt. Denn das Nomadische sei ein Grundelement, um Gesellschaft zu gestalten.

Im vergangenen Jahr habe er sich – ebenfalls im Rahmen eines Kunstprojekts – gefragt, was es eigentlich brauche, um ein „Wir“ zu bekommen und was „Wir“ eigentlich bedeute. Sein Fazit: „Das ,Wir‘ macht Gesellschaft enger und nicht weiter.“ Es grenze ein und ab.

Mit seiner Idee von einem nomadischen Niemandsland möchte Stephan US diese Grenzen sprengen, will erforschen, wo ein neues „Wir“ entsteht und wieder vergeht, ob und wie sich Menschen darauf einlassen.

Nomadic No Man‘s Land

Nomadic No Man‘s Land Foto: Sabine Tegeler

Er will durch die Stadt ziehen und mit den Menschen ins Gespräch kommen. „Mich auf den Raum und die Sprache der Straße einlassen und die Bedeutung des ,Wir‘ erforschen. Und die Wünsche der Menschen“, umschreibt er seine Absicht. Das „Niemandsland“-Wägelchen, der Schirm mit aufgedruckter Weltkarte – Mittel zum Zweck, um Aufmerksamkeit zu erregen und Kontaktaufnahme zu erleichtern.

Das klappt gut: „Es war genauso vielfältig, wie ich es schon vorher erlebt habe“, sagt Stephan US am Nachmittag, gerade zurückgekehrt von seiner Mission. Die Leute hätten mal skeptisch, mal belustigt, aber auch neugierig auf ihn reagiert. Und durchaus ernsthaft mit ihm darüber gesprochen, ob es ein „Wir“ eigentlich gibt und es ein anderes „Wir“ geben kann.

„Vielleicht, wenn wir alle über unseren eigenen Schatten springen“, habe ihm eine Frau gesagt. Für Stephan US eine gute Antwort, die durchaus wieder künstlerisch verwertbar sei, weil sie so bildhaft ist. Außerdem habe er auf dem Marktplatz lange mit Grundschülern der Paul-Gerhardt-Schule über das „Wir“ in der Klasse gesprochen, das „mal sehr schön, aber manchmal auch sehr schwierig“ sei. Und ein junger Mann sei sehr deutlich geworden mit der Aussage: „Immer dieses ,Du bist Türke‘, ,Du bist Christ‘, ,Du bist Araber‘, ,Du bist Muslim‘ geht mir auf den Geist. Ich will sein, wie ich bin.“ Weder wolle er definiert werden, noch selbst andere definieren.

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Menschen, die durch diese Aktion angeregt werden, sind kleine Satelliten.

Stephan US

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„Menschen, die durch diese Aktion angeregt werden, sind kleine Satelliten“, war sich Stephan US schon vorher sicher, dass er einen Austausch in Gang bringt. Austausch über das eigene Bewusstsein und auch über Gesellschaftsgestaltung.

Durch Coesfeld, Münster, Dülmen und Havixbeck ist er mit seinem „Nomadic No Man‘s Land“ schon gezogen und ja, es habe auch Kritik gegeben: „Niemandsland“ sei ein kriegerischer Begriff – das Land zwischen zwei Fronten. Durchaus, räumt Stephan US ein: Sein Niemandsland habe auch nichts mit Komfortzone zu tun. Er wolle die Menschen aus dem gewohnten Umfeld („kenne ich“) in einen Raum locken, der durch gewisse Unsicherheiten geprägt ist („kenne ich nicht“). Ein Beispiel von Christiane Busmann, Geschäftsführerin des Bürgerzentrums Schuhfabrik, macht‘s konkret: Alleine in einer Kneipe zu sitzen, ist für viele eine echte Herausforderung. Aber vielleicht lernt man neue Menschen kennen, erlebt andere Gespräche als die, die im gewohnten Freundeskreis laufen. Ein neues „Wir“ könnte entstehen. Zugehörigkeit sei hier Schlagwort, das das Bürgerzentrum auch zum Motto seines Hausfestes am 2. September gemacht hat. Auch dann werde Stephan US dabei sein und das Thema in einer Performance aufgreifen.

Das begrünte „Niemandsland“ im Wägelchen ist gestern jedenfalls nicht nur bei Menschen gut angekommen, schmunzelt Stephan US abschließend: „Ein Hund wollte meine Blumen fressen.“ Gut so, denn zum „Wir“ gehörten für ihn schließlich auch Tiere und Pflanzen

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