Christian Ude in Ahlen
Pinselohrsau verbiss sich im OB

Ahlen -

Auch ein Oberbürgermeister lebt zuweilen gefährlich. In der Vorstellungsrunde mit VHS-Leiter Rudolf Blauth bei seiner Lesung am Mittwochabend im Volksbank-Forum gab Christian Ude zwei Episoden aus seiner 21-jährigen Tätigkeit als Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt preis, bei denen er zur Zielscheibe tätlicher Angriffe geworden war.

Freitag, 09.02.2018, 07:02 Uhr

Ausgesprochen schlagfertig zeigte sich der frühere Oberbürgermeister Christian Ude in der Vorstellungsrunde mit VHS-Leiter Rudolf Blauth (2.v.r.).
Ausgesprochen schlagfertig zeigte sich der frühere Oberbürgermeister Christian Ude in der Vorstellungsrunde mit VHS-Leiter Rudolf Blauth (2.v.r.). Foto: Dierk Hartleb

Im ersten Fall war es eine Katze, der er ihm Urlaubsdomizil auf Mykonos unabsichtlich ein Stuhlbein auf den Schwanz setzte, so dass das gequälte Tier in seine Ferse biss. Beim nächsten Mal war es eine Pinselohrsau im Tierpark, die eine Attacke auf ihn startete, als er den niedlichen Ferkeln zu nahe kam, und sich in seiner Bauchschwarte verbiss.

Seiner Popularität haben diese „Angriffe“ auf die tierische Selbstbestimmung keinen Abbruch getan. Dreimal wurde Ude in seinem Amt bestätigt, dreimal mit jeweils über 60 Prozent und beim letzten Mal 2008 sogar mit Zweidrittelmehrheit.

So reizvoll es aus Sicht Blauths und des Publikums gewesen wäre, mehr über die Qualitäten Udes als Kabarettist und Stimmenimitator von Franz-Josef Strauß und Herbert Wehner zu erfahren – dieser Versuchung widerstand der Gast aus München mit Leichtigkeit, weil er an diesem Abend eine eminent politische Botschaft im Gepäck hatte. Die lässt sich in seinem Buch „Die Alternative oder Macht endlich Politik!“ nachlesen, aber sie vom Autor zu hören, war noch um ein Vielfaches eindrucksvoller. Dazu gehörte auch sein Bekenntnis zu seinem Amt als Stiftungsrat in der Äthiopien-Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ von Karl-Heinz Böhm, das ihm eine Herzensangelegenheit ist.

Dann wurde er politisch. Der Niedergang der SPD habe nicht mit der Agenda 2010 eingesetzt, die im Übrige viele positive Wirkungen entfaltet habe. Zur Erinnerung: Damals habe die kommunale Sozialhilfe vor dem Kollaps gestanden. Es mache ihn fassungslos, wie sich manche in der Partei im Bundestagswahlkampf über die Agenda 2010 geäußert hätten und wenn eine CDU-Kanzlerin ihren Vorgänger Gerhard Schröder für seinen politischen Mut loben und gegen die Angriffe aus der eigenen Partei, der SPD, in Schutz nehmen müsse.

Ich bin multikulturell angehaucht.

Christian Ude

Die Krise der SPD habe in den 1980er Jahren begonnen, als sich die politische Elite zunehmend von den Bürgern entfremdet habe. „Es hat regelrecht eine kulturelle Entfremdung stattgefunden“, erklärte Ude, weil die Politik dazu übergegangen sei, die Probleme nicht mehr offen beim Namen zu nennen. „Ich bin multikulturell angehaucht“, sagte Ude, aber es sei falsch zu erwarten, dass es jeder sein müsse. Die Entfremdung habe sich nach der Jahrtausendwende fortgesetzt. Ude machte das an der Tatsache fest, dass die Debatten über die großen Themen wie Finanz- und Eurokrise, Griechenlandrettung oder Flüchtlingskrise mehr in Talkshows als im Parlament stattgefunden hätten. Im Übrigen pflege die politische Funktionärskaste eine Sprache, die auf Vernebelung aus sei. Bestes Beispiel sei die Einigung über den Zuzug von Flüchtlingen und Zuwanderern im Koalitionsvertrag, deren Formulierung jede der Parteien für sich auslegen könne. Den Globalisierungsgegnern in den Parteien warf er vor, sich nur gegen die Globalisierung in der Wirtschaft zu wenden, aber bei der Zuwanderung offene Grenzen zu fordern. Das sei heuchlerisch und unglaubwürdig.

Anzeige
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5500856?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F126%2F
Am Hansaring brennt der Baum
Sehr aufmerksam waren die Zuhörer im Stadtwerke-Gebäude, als über die geplante Fällung von zwei Platanen am Hansaring diskutiert wurde. Stadtwerke-Chef Dr. Dirk Wernicke (r.) nahm Stellung zu den Vorwürfen.
Nachrichten-Ticker