Bericht über Afghanistan-Einsätze
Grausam und authentisch zugleich

Ahlen -

Zu Zeiten, als sich Bundespolitiker noch schwertaten, das Wort Krieg in den Mund zu nehmen, um die Entwicklungen in Afghanistan zu beschreiben, blickte Wolfgang Kaiter als Soldat bereits in die Augen des Todes.

Sonntag, 04.03.2018, 22:03 Uhr

Die Erlebnisse bei den Bundeswehreinsätzen in Afghanistan wurden mit Fotos unterstützt.
Die Erlebnisse bei den Bundeswehreinsätzen in Afghanistan wurden mit Fotos unterstützt. Foto: Peter Schniederjürgen

Kein Blatt nahm Wolfgang Kaiter vor den Mund. Der pensionierte Oberstabsfeldwebel berichtete am Freitagabend im Glückaufheim über seine Einsätze in Afghanistan. Der ehemalige Bundeswehrsoldat war auf Einladung von Helmut Sandbothe, Bildungsobmann der Ahlener Ortsgruppe der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE), zu Gast und brachte Videos und Bilder mit.

Waren schon die Worte des Soldaten hart und von militärischer Präzision, so gaben die Aufnahmen doch nur einen beschränkten Eindruck dessen, was sich in dem Land am Hindukusch abspielt. Der Schwerpunkt des Vortrags lag auf Kaiters zweitem Afghanistan-Einsatz im Sommer 2008. „Im Vergleich zu meinem ersten Aufenthalt hatte sich die Sicherheitslage dramatisch verschlechtert“, sagte der Ex-Oberstabsfeldwebel.

Damals war auch ein ZDF-Team vor Ort und drehte eine Dokumentation. Kaiter lief dem Team über den Weg und wurde als Instandsetzungszugführer interviewt. „Das war nicht so toll. Damals sprach ich davon, dass dort Krieg herrscht – so ganz im Gegensatz zur politischen Linie“, erinnert sich der vor kurzem pensionierte Soldat. Dass er damals bereits seinen letzten Dienstgrad erreicht hatte, freut ihn noch immer, sonst wäre das wohl das Ende der militärischen Karriere gewesen. Denn unter Franz Josef Jung, dem anerkannt glücklosen und überforderten Verteidigungsminister, wurde das Wort „Krieg“ bis ins Groteske vermieden.

Klartext ohne Schonung dagegen gab es für das Dutzend, das aufmerksam Kaiters Berichten lauschte. Er warnte gleich davor, dass es vielleicht zu viel sein könnte, was er seinen Zuhörern zumutet. Da half auch der kühle und militärische Sprachgebrauch nichts. So flogen bei Kaiter keine Sprengfallen in die Luft, kein Sprengstoff zerfetzte die Selbstmordattentäter. Nein, er sprach nur ganz offiziell vom „Umsetzen“. Auch in den Schilderungen der Gefechte, die sich am Rande der Bergungsaufträge des Tönnishäuscheners ergaben, blieb Kaiter distanziert. Das jedoch nahm dem Mann nichts von seiner Glaubwürdigkeit. Denn die Berichte waren einfach grausam authentisch.

Lakonisch berichtete er von einem der schlimmsten Einsätze seines Lebens. Dabei sollte ein Außenposten versorgt werden und die Kolonne wurde mit einer gewaltigen Autobombe attackiert. „Es wurden an die 80 Kilo Sprengstoff umgesetzt. Das reichte, um einen Transportpanzer mit über 14 Tonnen Gewicht durch die Luft zu wirbeln“, so Kaiter. Dabei hatten die Soldaten im Fahrzeug Glück: Außer ein paar leichteren Blessuren kamen sie gut weg. Dann kam Kaiters Bergetruppe. Sie sollten das Panzerwrack abholen. Kaiter zeigte Fotos des Einsatzes. Dabei auch Nahaufnahmen des zerstörten Fahrzeugs. „Diese kleinen Flecken und Spritzer sind menschliche Überreste der Passanten am Anschlagsort“, wollte der Veteran bewusst nicht verschweigen. Schonungslos ging es weiter. „Bevor wir das Auto abschleppen konnten, mussten wir erst die verstreuten und zum Teil eingeklemmten Gliedmaßen und sonstige Reste entfernen“, gab der Ex-Oberstaber an. Danach bargen die Soldaten unter dem Motorblock des Anschlagsfahrzeug noch die Leiche eines kleinen Kindes. „Dann flogen Steine und wir wurden bedroht“, berichtete er. Dafür hatte der Afghanistanveteran auch Verständnis. „Wären wir nicht da hergefahren, hätte es keinen Anschlag mit wer weiß wie vielen Toten gegeben“, fasste Kaiter zusammen. Er zollte auch aus militärischer Sicht Respekt: „Sie kämpfen wie ein alter Jägerzug, trick- und listenreich.“

Wolfgang Kaiter (r.) mit Helmut Sandbothe von der Ortsgruppe der IG BCE.

Wolfgang Kaiter (r.) mit Helmut Sandbothe von der Ortsgruppe der IG BCE. Foto: Peter Schniederjürgen

Doch diese schlimmen Erlebnisse konnten den Lebensmut des heute 58-Jährigen nicht brechen. „Man muss sich Freiräume schaffen und Positives erleben“, erklärt er seine persönliche Strategie. Das hat der bekennende Rotweintrinker auch im Feldlager, trotz Alkoholverbot, so gehalten. „Nach einem wirklich grausamen Einsatz habe ich mit meinen Jungs eine Riesenpizza und hervorragenden Wein besorgt. Einen Abend haben wir es uns gutgehen lassen“, erinnert sich der Zugführer.

Damals sprach ich davon, dass dort Krieg herrscht – so ganz im Gegensatz zur politischen Linie.

Wolfgang Kaiter
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