Führung mit Dr. Hans Gummersbach
Nazis bissen lange auf Granit

Ahlen -

Über das jüdische Leben in Ahlen bis zur Flucht und Deportation der Juden ließen sich 30 Teilnehmer eines Rundgangs von Dr. Hans Gummersbach informieren. Fast alle hielten trotz eisiger Kälte bis zum Ende durch.

Sonntag, 18.03.2018, 17:03 Uhr

Auf dem Rundgang machte Dr. Hans Gummersbach an markanten Punkten Station, wo Mitglieder der Synagogen-Gemeinde bis 1942 gelebt haben.
Auf dem Rundgang machte Dr. Hans Gummersbach an markanten Punkten Station, wo Mitglieder der Synagogen-Gemeinde bis 1942 gelebt haben. Foto: Dierk Hartleb

In dem katholisch geprägten Ahlen der Vorkriegszeit taten sich die Nazis schwer. „Die Juden waren hier voll integriert“, erklärte Dr. Hans Gummersbach am Samstag bei der Führung „Auf den Spuren der Juden in Ahlen“ im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“.

Bei winterlichen Temperaturen hatten sich 30 Interessierte am Treffpunkt Familienbildungsstätte eingefunden, wo sie fbs-Leiter Lars Koenig im Warmen willkommen hieß. In seiner Einführung schilderte der Historiker, der von 1982 bis 1992 als pädagogischer Mitarbeiter an der VHS tätig war, wie sich Ahlen von einer beschaulichen Ackerbürgerstadt im 19. Jahrhundert durch die Industrialisierung allmählich zur Industriestadt mit einer Einwohnerzahl von 25 000 entwickelte, in der die jüdische Gemeinde gut integriert gewesen sei. Sie seien als Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr ebenso geachtet gewesen wie der Kaufmann Julius Rollmann als Mitglied des Bürgerschützenvereins, der 1907 die Schützenkönigswürde errang. Auch mit der Einhaltung der religiösen Vorschriften wie dem Arbeitsverbot am Shabbat oder dem Verzicht auf Schweinefleisch hätten es die meisten Mitglieder der Synagogengemeinde nicht so genau genommen.

Axel Ronig und Mötte Gerullis begleiteten den Rundgang musikalisch.

Axel Ronig und Mötte Gerullis begleiteten den Rundgang musikalisch. Foto: Dierk Hartleb

Auf dem Rundgang durch die Stadt machte Gummersbach, der in dem Buch „Der Weg nach Auschwitz begann auch in Ahlen“ aus dem Jahr 1988 (überarbeitete Neuauflage 2013) erstmals die Geschichte der jüdischen Gemeinde in der NS-Zeit umfassend dargestellt hat, Station an Häusern der Innenstadt, die sich früher im Eigentum bekannter jüdischer Familien befanden. Gummersbach wies darauf hin, dass sich der Kaufmann Ostermann noch 1935 geweigert habe, das Verbot, bei Juden zu kaufen, zu beachten und dem NSDAP-Ortsgruppenleiter einen entsprechenden Brief auf dessen Vorhaltungen geschrieben habe.

Die Juden waren hier gut integriert.

Dr. Hans Gummersbach

Am ehemaligen jüdischen Friedhof auf dem Bahnhofsvorplatz erinnerte Dr. Hans Gummersbach an die bei Nacht und Nebel durchgeführte Umbettung der Verstorbenen unter Missachtung jeglicher Pietät auf den Westfriedhof, die der junge Antonius John vom Fenster seines Elternhauses am Ostwall (damals Hermann-Göring-Wall) beobachtet hatte.

In Erinnerung an die Ermordung Siegmund Spiegels in der Pogromnacht.

In Erinnerung an die Ermordung Siegmund Spiegels in der Pogromnacht. Foto: Dierk Hartleb

Der Rückweg führte zurück über das Heimatmuseum, wo in der Nacht des 9. November (Pogromnacht) Siegmund Spiegel von den NS-Häschern erst zur Werse getrieben wurde und dann unterwegs auf dem Platz vor dem heutigen Museum verstarb. Ein dunkles Kapitel sei die juristische Aufarbeitung des Mordes, berichtete Gummersbach, denn für sechs Angeklagte endete die Verhandlung vor dem Landgericht Münster mit Freiheitsstrafen von höchstens einem halben Jahr.

Der zweistündige Rundgang, der von Axel Ronig und Mötte Gerullis musikalisch begleitet wurde, endete am Mahnmal vor der ehemaligen Synagoge in der Klosterstraße. In einer Schlussrunde bescheinigte Gummersbach den Ahlenern, der NS-Hetze gegen die Juden lange widerstanden und sich schützend vor sie gestellt zu haben.

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