Aufruf zur „Woche für das Leben“
Euthanasie forderte auch Ahlener Opfer

Ahlen -

Mindestens 28 Menschen aus Ahlen, die in der Diktion der Nationalsozialisten als „lebensunwert“ galten, wurden zwischen 1933 und 1945 in die Tötungsanstalten des sogenannten „Dritten Reichs“ eingeliefert. 25 von ihnen kamen dabei ums Leben.

Montag, 16.04.2018, 18:04 Uhr

Im vergangenen Jahr zeigte eine Ausstellung im St.-Franziskus-Hospital die Verstrickungen von Kinderärzten in das „Euthanasie-Programm“ der Nationalsozialisten.
Im vergangenen Jahr zeigte eine Ausstellung im St.-Franziskus-Hospital die Verstrickungen von Kinderärzten in das „Euthanasie-Programm“ der Nationalsozialisten. Foto: Stadt Ahlen

Die Geschichte dieser Mordopfer galt in Ahlen bislang als kaum bekannt. Recherchen in den Archiven des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) brachten den städtischen Mitarbeiter Manfred Kehr nun auf die Spur des von ihnen erlittenen Leids und Unrechts. Ausgelöst hatte die Nachforschungen eine E-Mail, die Bürgermeister Dr. Alexander Berger im Februar von Michaela Wiese erhielt.

D ie in Rottenburg am Neckar lebende Frau schilderte darin das Schicksal ihres Großvaters. Der 1885 in Ahlen geborene Fabrikarbeiter Klemens Wiese lebte zuletzt an der Rottmannstraße. Nach einem Suizidversuch war er 1943 in die Provinzialheilanstalt Gütersloh, das heutige LWL-Klinikum für Psychiatrie, eingeliefert worden. Mehr als 1000 Patienten wurden Opfer der von dort erfolgten sogenannten Euthanasie-Verlegungen – unter ihnen Klemens Wiese. Sein Leidensweg führte von Gütersloh in die Gauheilanstalt Tiegenhof bei Gnesen /Posen, in der über 3500 Menschen durch Vergasung, Medikamente, Hunger, Kälte und katastrophale hygienische Verhältnisse den Tod fanden.

In den LWL-Archivakten stieß Manfred Kehr auch auf Klemens Wiese. Dem Todesdatum 21. Juli 1944 waren lediglich hinzugefügt die Bemerkungen „vollkommene Erschöpfung des Körpers“ und „präsimbile Geistesstörung“. Was den Historiker bei seinen Recherchen überraschte, war die große Anzahl an Namen, die auf Ahlen als letzten Wohnort hinweisen. „Hierüber lagen uns bisher keine Erkenntnisse vor“, hält Kehr es für angemessen und erforderlich, von einem vollkommen neuen Kapitel in der Ahlener Erinnerungskultur zu sprechen. Dem Wunsch von Michaela Wiese, für ihren Großvater an seiner letzten bekannten Wohnanschrift einen „Stolperstein“ verlegen zu lassen, möchte die Stadt Ahlen gern entsprechen. Er soll das ehrende Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung bewahren.

Dass die Auseinandersetzung mit dem Thema Euthanasie in der Nachkriegszeit zu lange ausgeblendet worden war, zeigte im Vorjahr eine Ausstellung im Ahlener Krankenhaus. „Es waren die Kinder, Frauen und Männer, die am meisten des Schutzes und der Fürsorge durch Staat und Gesellschaft bedurften: Geistig und emotional Behinderte, körperlich schwer Gebrechliche, Hilflose“, erinnerte Bürgermeister Dr. Alexander Berger am 2. März 2017 im Foyer des St.-Franziskus-Hospitals bei der Eröffnung der Ausstellung „Im Gedenken der Kinder – Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit“. Das Grundgesetz garantiere „als Lehre aus den Verbrechen der Nazizeit allen Menschen ungeachtet ihrer Rasse, ihres Geschlechts und ihrer gesundheitlichen Verfassung die unantastbare Würde“, fuhr Berger fort. Daraus folge als Ausdruck des humanen Selbstverständnisses heute die Pflicht, allen Menschen die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

So wie die Erinnerung an Klemens Wiese nicht verblassen darf, so soll auch an das Schicksal der 24 weiteren Menschen aus Ahlen dauerhaft erinnert werden, die der NS-Rassenhygiene zum Opfer fielen. Im Rahmen der „Woche für das Leben“, die vom 14. bis 21. April in Ahlen begangen wird, bittet die Stadt Ahlen nun um Mithilfe bei der Recherche nach den letzten Wohnanschriften der Verstorbenen. Hinweise hierauf nimmt Manfred Kehr unter der Telefonnummer 5 95 67 oder per E-Mail an kehrm@stadt.ahlen.de entgegen.

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