Serie „Lieblingsplatz“
Strontianit hat Stadt geprägt

Drensteinfurt -

Eine Radtour auf den Spuren des Strontianit-Bergbaus hat Geologin Petra Holler-Kracht entwickelt. Sowohl Besucher als auch interessierte Einheimische können diese erleben, denn Holler-Kracht gehört zum Team der Stadtführer. Startpunkt ist immer die imposante Villa Schmidt am Landsbergplatz.

Sonntag, 12.08.2018, 12:14 Uhr

Petra Holler-Kracht bietet Stadtführungen und Radtouren zum Thema Strontianit an. In der Stadt macht sie immer auch einen Abstecher zur Villa Schmidt, die 1908 erbaut worden ist.
Petra Holler-Kracht bietet Stadtführungen und Radtouren zum Thema Strontianit an. In der Stadt macht sie immer auch einen Abstecher zur Villa Schmidt, die 1908 erbaut worden ist. Foto: Nicole Evering

Los geht‘s am Landsbergplatz. Dann nach Walstedde, über Mersch, durch die Rieth und Berthas Halde wieder zurück: Eine Radtour auf den Spuren des Strontianit-Bergbaus hat Petra Holler-Kracht entwickelt. Eigentlich zur Übung, als sie sich vor etwa fünf Jahren vom Nabu zur „Natur-Genuss-Führerin“ hat ausbilden lassen. Seit einiger Zeit können auch Gäste der Stadt Drensteinfurt sowie interessierte Einheimische diese Tour erleben. Denn Petra Holler-Kracht gehört zum Team der Stadtführer.

Dass sie sich so intensiv mit dieser kurzen, aber für Stewwert äußerst wichtigen Zeitspanne beschäftigt hat, liegt auch in ihrem Beruf begründet: Petra Holler-Kracht ist Diplom-Geologin, also mit einer großen Affinität zu Gesteinen und deren Entwicklungsgeschichte ausgestattet. Durch die einzigartige Konzentration des Minerals im südlichen Münsterland – wobei Drensteinfurt der Hauptort des Strontianit-Bergbaus gewesen ist – hatte sich Ende des 19. Jahrhunderts eine regelrechte Goldgräberstimmung breit gemacht. Welch finanziellen Erfolg manche mit dem Abbau und der Vermarktung hatten, ist heute noch gut an der imposanten Villa Schmidt am Landsbergplatz zu erkennen – dem Lieblingsort von Petra Holler-Kracht.

Dort beginnt sie stets ihre Radtouren und auch die Stadtführungen, die sie zum gleichen Thema anbietet. „Die Villa ist erst 1908 erbaut worden. Ich gehe von dort aus in der Zeit zurück, um den Menschen einen ersten Einblick in das Thema zu geben“, erzählt die Stadtführerin. Manchmal seien aber auch Männer dabei, die einst selbst unter Tage gearbeitet haben, oder Personen, deren Verwandte im Kohle-Bergbau tätig gewesen sind. „Manche sind ganz erstaunt, denn von Strontianit haben sie vorher oft noch nie gehört“, sagt Petra Holler-Kracht.

Zucker und Feuerwerk

Ein kleiner Exkurs: Für pharmazeutische Labore und zur Herstellung von Feuerwerk wurde das Mineral, das 1787 im schottischen Ort Strontian erstmals entdeckt worden war, schon länger gebraucht. Den Boom aber löste ein Zuckerfabrikant aus. Dieser entwickelte ein Verfahren, mit dem man mittels Strontiumhydroxid aus Rübenmelasse Zucker herstellen konnte. In Stewwert gab es bereits Strontianit-Abbau – wenn auch im kleineren Maßstab. Die expandierende Zuckerindustrie war indes gierig nach dem Mineral, die Nachfrage ließ den Preis für Strontianit in die Höhe schnellen. Es wurde zum weißen Gold der Region und Drensteinfurt in den 70-er und 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts mit seinen 183 Gruben zur Boomtown. 100 Gänge, kilometerlang und bis zu 108 Meter tief, erstreckten sich unter der Erde. Auch in den Nachbarorten Ascheberg und Sendenhorst wurde abgebaut.

„Die Einwohnerzahl hat sich in dieser Zeit mehr als vervierfacht“, hat sich Petra Holler-Kracht schlau gemacht. Weil beispielsweise in der Pfarrkirche nicht mehr alle Gläubigen Platz fanden, bekam diese zwei Seitenschiffe. Und noch etwas Kurioses am Rande: In acht Jahren wurden 50 Ehen zwischen einheimischen jungen Damen und Bergmännern geschlossen.

Vornehmes Wohnhaus

Doch so schnell sie gekommen war, war die Blütezeit auch wieder vorbei. Die Flöze waren bald erschöpft, die allerletzte Grube wurde laut Holler-Kracht 1945 im benachbarten Ascheberg dicht gemacht. Nachdem der Abbau schon längst eingestellt war, hatten einige Menschen jedoch noch Erfolg im Vertrieb des Minerals. Einer von ihnen war Peter Schmidt. Der einstige Obersteiger in der Halde „Bertha“ ließ sich ein vornehmes Wohnhaus außerhalb des damals eng bebauten Ortskerns errichten. Ein Bodenmosaik im Eingang und der Spruch „Glück Auf“ an der Haustür zeugen von der Bergbau-Vergangenheit der Stadt. Von Luftangriffen während des Zweiten Weltkriegs blieb die Villa verschont. Heute ist dort die Agentur für Arbeit ansässig.

► Wer mehr über Strontianit wissen möchte, kann die Ausstellung im ersten Obergeschoss des Rathauses am Landsbergplatz besuchen. Geöffnet ist die Verwaltung montags und mittwochs von 7.30 bis 12 Uhr, dienstags und freitags von 7.30 bis 16 Uhr und donnerstags von 7.30 bis 17.30 Uhr.

Führungen und Info-Tafeln

Drei Stadtführer bringen interessierten Bürgern und Besuchern die Geschichte und die Sehenswürdigkeiten Drensteinfurts näher. Zum Team gehören Petra Holler-Kracht, 01 51 / 64 81 26 70, Walter Gröne, 01 75 / 5 86 60 00, und Manfred Blanke,01 75 / 57 28 58 19. In den Ortsteilen Drensteinfurt und Rinkerode gibt es außerdem jeweils einen historischen Rundgang: Info-Tafeln vermitteln Wissen und lassen Stadtgeschichte lebendig werden. Für Walstedde wird ein solcher Rundgang derzeit erarbeitet.

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