Straßenumbenennung auf elegante Art

Fr., 27.01.2012

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Aus Karl wird Wilhelm

Straßenumbenennung auf elegante Art : Aus Karl wird Wilhelm

Die zeitlose Tischleuchte WG24 mit der halbkugelförmigen Glasglocke, auch als „Wagenfeld- oder Bauhaus-Leuchte“ bekannt geworden, ist bis heute einer der bekanntesten Wagenfeld-Entwürfe. Foto:

Everswinkel - 

In vielen Städten laufen Diskussionen über Straßennamen, weil deren Namensgeber durch dunkle Flecken in der Vita in Verruf geraten sind. Nun hat die Diskussion auch Everswinkel erreicht. In den Fokus ist die nach dem Heimatdichter Karl Wagenfeld benannte Straße geraten. Das Namens-Problem wurde auf elegante Art gelöst.

Von Klaus Meyer

Der Glanz so mancher Straße bröckelt heutzutage mächtig ab. Grund sind etliche mittlerweile in Verruf geratene Namensgeber, die von der Vergangenheit eingeholt werden. So hat etwa Münster aktuell seine Debatte über den „Hindenburg-Platz“. In vielen Städten drehte und dreht sich die Diskussion auch um die „Wagenfeldstraße“, nachdem bekannt geworden ist, welch tiefbraunes Gedankengut der so geehrte Heimatdichter und Gründer des Westfälischen Heimatbundes, Karl Wagenfeld, zu seiner Zeit verinnerlicht und verbreitet hat. In Everswinkel biegt man von der Wibbeltstraße in die „Wagenfeldstraße“ ein. Eine rund 120 Meter lange Strecke, deren Bezeichnung nun ebenfalls hinterfragt wurde.

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Da war das eine „Ding“ – im Baugebiet Königskamp – gerade vom Tisch, da musste sich die Kommunalpolitik schon mit dem nächsten, richtig „dicken Ding“ in Sachen Straßennamen beschäftigen. Wie beim Domino-Effekt kippen Kommunen diesen Straßennamen, in Wagenfelds langjähriger Heimatstadt Drensteinfurt macht man nun per Zusatzschild auf die zweifelhafte Vergangenheit des Heimatdichters aufmerksam, Wagenfelds Geburtsstadt Lüdinghausen will dem Beispiel folgen. Und Everswinkel? Die Wahl, vor der der Hauptausschuss am Mittwochabend stand, war die

zunächst zwischen Straßenumbenennung, Straßenerläuterung oder einfacher Beibehaltung des status quo.

Den Ausschussmitgliedern lag dazu ein umfangreiches Dossier vor, denn auch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat sich bereits im Rahmen einer Fachtagung mit der Benennung von Straßen nach umstrittenen Persönlichkeiten beschäftigt. In einem längeren Referat beschäftigt sich Privatdozent Dr. Karl Ditt mit dem Hintergrund von Karl Wagenfeld und stellt dessen ideologische Nähe zu den Nationalsozialisten fest. In unerträglicher Weise äußerte sich Karl Wagenfeld demnach beispielsweise zur

Rassenfrage: „Nur geistig und körperlich gesunde Eltern dürfen Nachwuchs zeugen. Die heute noch hemmungslose Fortpflanzung und Vermehrung der körperlich und geistig Minderwertigen bedeutet eine wachsende Bedrohung Deutschlands in rassischer, kultureller, wirtschaftlicher und politischer Beziehung.

Könnten die Unsummen, die heute für den Nachwuchs der Minderwertigen in Krüppel- und Idiotenanstalten, in Fürsorgeheimen und Strafanstalten geopfert werden, zur Förderung der Qualität und Quantität des Nachwuchses gesunder Ehepartner verwandt werden: es bedeutete für den Aufstieg unserer Heimat etwas ganz Gewaltiges. Aufklärung weitester Volkskreise tut not.“

Aufklärung tat nun auch im Vitus-Dorf not – aber eben anders. Die Kommunalpolitiker zeigten sich schier entsetzt angesichts dieser für sie neuen Erkenntnisse. „Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir das auch schon vorher beantragt“, erklärte SPD-Fraktionsführer Wolfram Kötting. „Ich bin auch überrascht, was dahinter steckt“, schlug FDP-Fraktionssprecher Peter Friedrich in die gleiche Kerbe. „Hätte ich das gewusst – das geht uns wohl allen so“, machte Winfried Richter (CDU) deutlich, der auch darauf hinwies, „in der Regel geht es zunächst um einen Straßennamen, um eine Adresse für die Anwohner – was dahinter steckt, interessiert uns marginal.“ Doch dieses Beispiel zeige, dass mitunter etwas dahinterstecke. Die Möglichkeit,

den Straßennamen mit einem erklärenden Zusatzschild zu versehen, stieß bei den Genossen auf grundlegende Ablehnung. „Das ist eine Bagatellisierung der faschistischen Bestrebungen, die der Mensch an den Tag gelegt hat“, bekräftigte Kötting.

Den Weg zu einer eleganten Lösung bereitete schließlich ein Zeitungsbericht in den Westfälischen Nachrichten über die Behandlung dieser Frage in der Nachbarstadt Telgte. Dort hatte sich die Politik für eine Beibehaltung des Namens, aber eine Umwidmung der Straße von Karl Wagenfeld zu Wilhelm Wagenfeld ausgesprochen. Der ist bei vielen Menschen im Wohnzimmer vertreten – mit der berühmten Wagenfeld-Leuchte von 1924. Wilhelm Wagenfeld gilt als einer der bedeutendsten Pioniere industrieller Produktgestaltung in Deutschland und gehört zu den bemerkenswertesten Mitarbeitern des Bauhauses. Eine Namens-Idee, die durchweg von den Ausschussmitgliedern als „charmante Lösung“ empfunden wurde. Den Anwohnern bleibt somit eine neue Adresse mit all den Umständlichkeiten erspart, und der Ruf der Straße ist gerettet. Den „Fall Karl Wagenfeld“ will die SPD als Initialzündung verstehen. „Wir sollten das Straßenkataster durchforsten, ob es nicht noch mehr solche Eier gibt“, formulierte Kötting einen Auftrag an die Gemeindeverwaltung.


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