Fr., 20.10.2017

Bitterböse Abrechnung: Kabarett-Abend mit Christoph Tiemann Mit Patronen, Granaten und Dynamit

Großer Streifzug: Vom Blick auf Everswinkels Wappen bis zum Mischvolk in Nordrhein-Westfalen spannt Kabarettist Christoph Tiemann den Bogen bei seinem Programm „Angriffslustig“.

Großer Streifzug: Vom Blick auf Everswinkels Wappen bis zum Mischvolk in Nordrhein-Westfalen spannt Kabarettist Christoph Tiemann den Bogen bei seinem Programm „Angriffslustig“. Foto: Marion Bulla

Everswinkel - 

Der Saal im Rathaus ist am Mittwochabend Schauplatz für ein ganz besonderes Event. Es ist voll. Sehr voll. 120 Besucher sind gekommen, um den Kabarettisten Christoph Tiemann zu erleben. Der zeigt sich kämpferisch und „Angriffslustig“, denn so lautet der Titel seines nunmehr dritten Programms. Die Bezeichnung hält, was sie verspricht.

Von Marion Bulla

Es wird ein amüsanter Abend mit allerlei bitterbösen Spitzen gegen Machenschaften, die Tiemann mit einem Augenzwinkern und brillantem Verstand aufzudecken versteht. Eigentlich war dieser Abend im Festsaal Grothues vorgesehen, doch dem Kulturkreis war buchstäblich in letzter Minute noch bewusst geworden, dass der Rhythmus der im Obergeschoss trainierenden Flamenco-Gruppe vielleicht doch einen zu durchschlagenden Erfolg haben könnte.

Als Christoph Tiemann in seinem edlen, dunkelgrauen Zwirn die kleine provisorische Bühne betritt, könnte man ihn eher der Kategorie Banker denn der des spitzzüngigen Kabarettist zuordnen. Doch weit gefehlt. Tiemann, der im WDR eine eigene, wenn auch nicht politische, Sendung moderiert (Tiemann testet), haut eine satirische Spitze nach der nächsten raus. Treffsicher, pointiert und klug.

Seine Requisiten sind passend zum Thema gewählt. Patronen, Handgranaten und Dynamitstangen dominieren das karge Bühnenbild. „Hier tagt der Rat, hier ist die Schaltzentrale der Macht“, begrüßt der Kabarettist sein Publikum und lästert dann erst einmal gnadenlos über das Wappen der Vitus-Stadt. „Es sieht aus, als sei ein Eber in der Kirche eingesperrt worden, und über die Farben solltet Ihr Euch auch Gedanken machen. Bitte keine Banner benutzen“, warnt der Wahlmünsteraner mit Wurzeln im Ruhrpott. Dann fragt er, wann Everswinkel wohl zum ersten Mal geschichtlich erwähnt worden sei. „Um 1150“, kommt es prompt von einer Zuschauerin. „Wahrscheinlich eine Reisewarnung“, vermutet Tiemann daraufhin schmunzelnd.

Natürlich hat er an diesem Abend auch die AfD im Visier. „Früher haben wir uns über Fipsi Rösler von der FDP aufgeregt. Aber die Zeiten sind vorbei. Jetzt haben wir den Salat.“ Sechs Millionen Deutsche haben die AfD gewählt und das seien nicht alles rechte Idioten. Er wolle mal einen Tag im Kopf von Gauland verbringen. Nicht, weil da so viel Platz sei, sondern wegen der Flüchtlingssorgen. Da herrsche ordentlich Durchzug, vermutet der Kabarettist.

Tiemann prangert ebenso den angeblich schädlichen Einfluss von Parallelgesellschaften an, die doch das Prinzip der friedlichen Co-Existenz seien. „Das machen meine Eltern seit den späten 80er-Jahren sehr erfolgreich“, verkündet Tiemann lachend. Selbst NRW sei ein wahres Mischvolk. „Wie viele Völker leben hier. Da wäre der farbenfrohe Paradiesvogel Plapperkopp aus dem Rheinland, der Kakadu Colonia, der sich mit neuem Federkleid, also beim Karneval, in seinem aus Bauschutt zusammengeklöppelten Nest zur Paarung bereit macht und der Münsterländer, eher bedeckt und fast gelangweilt“, zählt er nur einige auf, zeigt die NRW-Flagge und findet: „Da passt ja wohl noch ein Dönerspieß drauf. Sein Fazit: Keine Angst vor Mischvölkern haben.

Die Zuschauer lachen über die köstlichen Anspielungen und vor allem über die großartige Kunst, bekannte Persönlichkeiten wieder zum Leben zu erwecken. Mit österreichischem Schmäh gibt der gelernte Schauspieler den Hans Moser, mit bayrischem Dialekt den Franz-Josef Strauß sowie tiefer Brummstimme Herbert Wehner und mit sprachlicher Brillanz Marcel Reich-Ranicki. Es ist eine wahre Freude, dem Redefluss des Satirikers zuzuhören. Aber auch etwas anstrengend. „Puh, man musste höllisch aufpassen. Nur ganz kurz abgelenkt, und schon hat man den Gag verpasst“, sagt eine Besucherin am Ende.

Der Kulturkreis hatte mit seiner Wahl, Tiemann erneut nach Everswinkel zu holen, voll ins Schwarze getroffen. Die Zuschauer erlebten einen intellektuell hochkarätigen und dabei noch ziemlich lustigen Abend.

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