Faszination Oldtimer
Alte Liebe rostet nicht

Everswinkel -

Nicht wenige Autofahrer sehnen den Verkaufsstart neuer Autos herbei. Nicht so Erhard Kutschmann. Er hegt und pflegt alte Schätzchen, die zwischen 1937 bis 1981 von den Bändern liefern. Ein Hausbesuch voller motorisierter Zeitreisen und zeitloser PS-Ästhetik.

Donnerstag, 15.02.2018, 15:02 Uhr

Zentimetergenau rangiert Erhard Kutschmann seine geliebten und kostbaren Oldtimer zwischen Garage und Hof.
Zentimetergenau rangiert Erhard Kutschmann seine geliebten und kostbaren Oldtimer zwischen Garage und Hof. Foto: Peter Sauer

Im März wird Erhard Kutschmann 80 Jahre alt, aber von ruhigem Rentnerdasein keine Spur. Zum Glück. Denn der langjährige Betonbauer kümmert sich gleich um ein halbes Dutzend historischer Karossen aus den Jahren 1937 bis 1981. Mit Herzblut. Fast alle Wagen hat der Everswinkler wieder in seiner kleinen Werkstatt wieder flott gemacht. Dort wird geschraubt, gefräst, gewaschen und vor allem poliert.

Infiziert mit dem Oldtimer-Virus hatte sich Kutschmann 1978. Da entdeckte er in einer alten Scheune einen Triumph MK 3 und kaufte ihn sofort: „Es war Liebe auf den ersten Blick, obwohl er ziemlich kaputt war. Für Hupen, Kotflügel und später auch den Motor musste ich einiges investieren.“ Seine Leidenschaft für alte Autos mit zeitlosem Charme ist jedenfalls seitdem nicht mehr zu stoppen.

Auch das Innenleben hat besonderen Charme.

Auch das Innenleben hat besonderen Charme. Foto: Peter Sauer

Kutschmann herzt seine Autos so liebevoll wie seine Frau Hannelore . Rund 60 Jahre sind sie glücklich verheiratet. Beide wurden mit ihren Familien nach dem Zweiten Weltkrieg umgesiedelt. „Wir lernten uns kennen, als Hannelore im Mehrfamilienhaus mit ihrer Familie oben wohnte und meine Familie unten. Sie war 14 und ich 17. Ich liebe so heute so sehr wie damals – aus ganzem Herzen!“

Hannelore Kutschmann kümmert sich um viele tausend seltene Pflanzen und Bäume im heimischen Garten. 1974 kauft sich Kutschmann in Wolbeck einen Ford Capri und schenkt ihn seiner Gattin nebst großem Strauß Rosen zum Geburtstag. „Mit dem Capri sind wir früher regelmäßig in die Sommerfrische an die Ostsee gefahren. Im Kofferraum hatten wir immer ein Zelt dabei – für romantische Nächte.“ Selbstredend ist der 108 PS-starke Capri bis heute im Einsatz.

Satter Sound inklusive.

Satter Sound inklusive. Foto: Peter Sauer

Zu seinem PS-Lieblingen gehört der Triumph Cabriolet TR 7, Baujahr 1981. „Den fand ich vor einem Bauernhof. Sein Vorbesitzer wollte ihn nicht mehr. Der Grund: Ein Pferd hatte auf den Sitzen Platz genommen.“ Aus den Wagen mit den unfreiwilligen „Extra-Pferdestärken“ und voller Heu machte Kutschmann in seine Werkstatt mit viel Geduld und Ausdauer wieder ein sportiv-elegantes Vorzeigemodell. Englisches Esprit vermittelt auch der Triumph Spitfire Mk III von 1968 in vornehmen grauen Lack. Genussvoll dreht Kutschmann den Schlüssel um. „Dieser satte Ton, das hat was – kein Vergleich zu heutigen Autos.“

Aus Italien stammen die beiden über 70 Jahre alten Fiat 500 Topolino, jeweils nur 3,21 Meter lang. „Sie haben kein Blinklicht, aber sieben Hupen an Bord.“ In seine, wie er sie nennt, „Mäuschen“ steckte Kutschmann besonders viel Restaurationsarbeit: „Die waren am Anfang in Einzelteilen und rot vor Rost.“ Mit ihrem schneeweißen Lack faszinieren die Zweisitzer (elf PS, von 1937 mit Lenker an der rechten Seite und von 1947 mit Lenker links) gleich im Doppelpack mit frei stehenden Scheinwerfen und Türen, die „verkehrt herum“ aufgehen. Bei der ADAC Oldtimer Rallye in Oelde holte Topolino den Publikumspreis und wurde von der Fachjury zum „Schönsten Auto“ gekürt. Noch schöner: Enkel Carsten fuhr seine Braut damit später mit wehendem Schleier zum Traualtar.

Seinen „Gogo spezial“, Ford Transit (frühere Familienkutsche), Alfa Romeo und Opel Manta hat Erhard Kutschmann schon an andere Sammler verkauft. Seine restlichen Oldtimer hält er stets gut in Fahrt. 2000 Kilometer machte er bei einer Rallye durch Deutschland mit, seine Pokale für prämiierte Wagen stehen in mehreren Vitrinen. Er ist gern gesehener Gast bei Oldtimertreffs, wie in Herbern (von März bis Oktober an jedem dritten Mittwoch am „letzten Wolf“ an der B54.

Erhard Kutschmann legt selbst Hand an, wie hier am Topolino.

Erhard Kutschmann legt selbst Hand an, wie hier am Topolino. Foto: Peter Sauer

Und immer häufiger spielen die „Oldies“ auch im Fernsehen eine wichtige Rolle. Der Sender Vox nutzt den Topolino gerne als Hochzeitswagen, der Capri war bei „Bauer sucht Frau“ im Einsatz und der frühere Manta bei „Alarm für Cobra 11“. Vom Dreh für die eher für ihre spektakulären Auto-Crashs bekannte Kultserie bekam Kutschmann seinen Manta übrigens heil zurück. Alles andere hätte in ihm seinen früheren Boxer-Instinkt wieder reaktiviert.

Denn Kutschmann hat auch mit knapp 80 Jahren noch ordentlich Power. Kein Wunder, fast 20 Jahre lang boxte er im Halbschwergewicht. Einer seiner größten Kämpfe war im November 1964 in Wolbeck. nm überfüllten Saalbau der Gaststätte Thier-Hülsmann boxte er für den BC Münster 23. Seinem Gegner Forstmann aus Ibbenbüren ließ er damals laut Wolbecker Chronik „kaum Zeit für große Aktionen. Mit harten Schlägen aus der Halbdistanz boxte er Forstmann systematisch aus“.

So kraftvoll ist Erhard Kutschmann heute aber nur noch, wenn er an seinen Autos schraubt und sie mit den Händen in die Garage schiebt. Voller Gefühl poliert er seine Schätzchen und kümmert sich auch um die Gelbstirnamazone Lora und die Blaustirnamazone Tschacko in der Voliere neben der Werkstatt.

Autocharme von 1937: Der Fiat 500 Topolino mit Steuerung rechts ist nur 3,21 Meter lang.

Autocharme von 1937: Der Fiat 500 Topolino mit Steuerung rechts ist nur 3,21 Meter lang. Foto: Peter Sauer

„Oldtimer sind mein Traum. Sie geben mir so viel und man kann alles selber machen, um sie am Laufen zu halten“, sagt Kutschmann und diese Leidenschaft überträgt sich auch auf die Fan-Clubs jener Automarken, mit denen er auch schon international aufgetreten ist. Sie umschwärmen den Everswinkler. Sie möchten ihn gerne als Mitglied gewinnen. Doch der will partout keinem Verein beitreten: „Ich brauche meine Freiheit für mich und meine motorisierten Lieblinge.“

Pokale, Pokale, Pokale, wo man hinschaut, stehen bei Kutschmann zu Hause im Wintergarten – für seine Oldtimer.

Pokale, Pokale, Pokale, wo man hinschaut, stehen bei Kutschmann zu Hause im Wintergarten – für seine Oldtimer. Foto: Peter Sauer

Mit dabei ist seit 18 Jahren stets eine kesse Blondine. „Keine Sorge, das ist nur eine süße Deko-Puppe, die mich begleitet wie andere Oldtimerfreunde die Blume am Armaturenbrett.“                    

Anzeige
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5526534?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F128%2F
Staatsanwälte ermitteln wegen Waffenrecht-Verstößen
Das Urenco-Areal in Gronau aus der Vogelperspektive.
Nachrichten-Ticker