Heimat ist nicht nur ein Ort ...
Bohnerwachs und Zuckerkuchen

Everswinkel -

Nicht nur vor dem Hintergrund von Flucht und Vertreibung, Krieg und Migration: Heimat ist ein zentraler Begriff, ganz gleich aus welchen Land und aus welcher Zeit man stammt. Aber was bedeutet uns Heimat heute? Was bedeutet Heimat in Zeiten von Internet und Fantasyfilmen, die uns „von hier auf jetzt“ in alle erdenklichen Welten zu beamen scheinen? Eine Everswinkelerin hat sich auf Spurensuche begeben.

Freitag, 10.08.2018, 18:20 Uhr

Vor dem Original-Aquarell des Malers Friedrich Peter blättert Susanne Müller in der „Heimat“-Anthologie, die im Aschendorff-Verlag erschienen ist. Das kleine Foto zeigt sie als Erstklässlerin in ihrem Geburtshaus, der alten Schule von Oberennigloh.
Vor dem Original-Aquarell des Malers Friedrich Peter blättert Susanne Müller in der „Heimat“-Anthologie, die im Aschendorff-Verlag erschienen ist. Das kleine Foto zeigt sie als Erstklässlerin in ihrem Geburtshaus, der alten Schule von Oberennigloh. Foto: Peter Sauer (3 )/ privat (1)

„Hinter der mannshohen Klinkermauer erhebt sich ein hell verputztes Gebäude mit Krüppelwalmdach, die hohen Sprossenfenster haben Sandsteinumfassungen. Zwei riesige alte Linden rechts und links vom Eingang schützen das Ziegeldach vor den Wetterunbilden.“ So umschreibt die pensionierte Lehrerin Susanne Müller einen ihrer Sehnsuchtsorte – ihr Elternhaus in Oberennigloh bei Bünde. Das Besondere: Es wurde 1836 erbaut, als einklassige Schule, in der auch ihr Großvater Alfons lehrte und lebte.

Susanne Müller in der ersten Schulklasse.

Susanne Müller in der ersten Schulklasse. Foto: privat

Dort kam Susanne Müller in einer Sonntagsnacht des Jahres 1952 um zwei Uhr nachts auf die Welt – per Hausgeburt im alten Schulhaus. Und später wurde auch sie Lehrerin, allerdings im Schuldienst des Kreises Warendorf.

Seit 1972 lebt sie in Everswinkel. Für die Anthologie „Heimat ist nicht nur ein Ort“ von Johannes Loy blickte Susanne Müller zurück. Anhand historischer Zeugnisse zur Schulgründung und Schulentwicklung sowie eigener biografischer Funde und Erlebnisse nimmt sie den Leser mit auf eine Zeitreise, an einen Ort, der ihr heute noch sehr viel bedeutet.

In ihrem Prosatext „Ein Sehnsuchtsort“ beschreibt Müller zunächst das Aquarell, das der Stemweder Kirchenrestaurator und Maler Friedrich Peter von der alten Schule gemacht hat. Ebenso farbenfroh und detailreich ist der fiktive Brief, den Susanne Müller anhängt. Dort berichtet der erste Lehrer der alten Schule, Johann Heinrich Knolle, am 24. April 1836 seiner Schwester von den ersten Schultagen und wie der Herr Pfarrer ganz persönlich über das Ende der Schulzeit entscheidet.

Müllers Prosatext ist ein literarisches Kleinod. Die Geborgenheit von Wohnhaus und Schule spürt man auch zwischen den Zeilen. Ihre Heimat ist unpolitisch, ist ein Ort der beschützt und in der Ferne Heimweh auslöst – im Mikrokosmos einer Familie und einer Schule: „Da liegen meine Wurzeln, die mir Halt geben“, sagt Susanne Müller im Gespräch mit dieser Zeitung.

Wie Joachim Gauck kann die Autorin aber auch andernorts neue Wurzeln schlagen. Die Heimat geht mit ihr, von Oberennnigloh nach Everswinkel und auch nach Portugal. Denn in Monchique fühlt sie sich ebenso wohl. Aber was verbindet eigentlich diese doch so verschiedenartigen Orte? Ganz einfach: Heimat umfasst für Susanne Müller Geräusche und Gerüche, die jeden Ort ausmachen. „Als ich in Portugal aus dem Flieger stieg, umhüllte mich die Luft wie Samt und Seide“, schwärmt Müller vom Duft der Trompetenbäume und Zitronenblüten an der Algarve.

Aktuell blickt sie allerdings wegen der schlimmen Waldbrände mit Sorge nach Portugal: „Wir haben dort zweimal Waldbrände heftig erlebt und haben aktuell keinen Telefonkontakt mehr zu unseren portugiesischen Freunden und Nachbarn – wir sorgen uns sehr.“ Die terrassenförmige und üppig bewachsene Hügellandschaft erschwere den Kampf gegen das Feuer.

Der Ofen des neben der Schule liegenden Bäckerhauses aus ihrer Kindheit sorgt noch heute für ein Lächeln in ihrem Gesicht: „Da zog immer der Duft des Frischgebackenen herüber und das wir immer Rundstücke vom leckeren Zuckerkuchen geschenkt bekamen.“

Neben ihrem Elternhaus war schon 1900/01 ein weiteres dreiklassiges Schulgebäude errichtet worden, das Susanne Müller ab Ostern 1958 als Grundschülerin besuchte. Ein altes Foto zeigt sie mit Schiefertafel und Griffelkasten. „Aus meiner Schulzeit habe ich noch die Geruchsmischung aus Bohnerwachs, Kreide und feuchtem Tafelschwamm gut in Erinnerung.“ Auch das eifrige Geklapper aus Mutters Küche und die saftigen Grießbirnen aus dem heimischen Selbstversorgergarten sind für Müller Heimat.

Gerne erinnert sie sich an ihren Großvater Alfons: „Der trug immer einen Anzug oder einen schwarzen Gehrock mit Zylinder und zur Schlafenszeit ein Nachthemd mit Zipfelmütze.“

So sah ihr Sehnsuchtsort aus.

So sah ihr Sehnsuchtsort aus. Foto: Peter Sauer

Aus heutiger Sicht sorgt Susanne Müller mit ihrem Text für einen wichtigen Blick zurück in eine völlig andere Zeit – mit Kino im Kopf. Zumal es das alte Schulhaus bis auf ein paar Reste der Klinkermauer und ein paar Bäume nicht mehr gibt. Es wich 1971 dem Ausbau einer Straße. Müllers Sehnsuchtsort besitzt inzwischen aber neues Leben: als Kinderspielplatz. Und nebenan steht heute eine moderne Schule.

Zum Thema

In „Heimat“, herausgegeben von Johannes Loy, erschienen im Aschendorff-Verlag Münster, gibt es über 100 weitere Beiträge zum Thema Heimat. ISBN 978-3-402-13166-4.

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