Mi., 03.01.2018

Hebammen in Ostbevern Was ist das Leben wert?

Die drei Hebammen Margarete Niehoff-Lott, Claudia Bäcker und Ann-Kathrin Everwin (v.l.) führen gemeinsam den Bauchladen in der Bevergemeinde.

Die drei Hebammen Margarete Niehoff-Lott, Claudia Bäcker und Ann-Kathrin Everwin (v.l.) führen gemeinsam den Bauchladen in der Bevergemeinde. Foto: privat

Ostbevern - 

Für Frauen, die sich für den Beruf der Hebamme entschieden haben, wird das neue Jahr nicht leichter: Hohe Beiträge bei der Versicherung und schließende Geburtsstationen schränken sie ein. Am Ende drohen vor allem die auf der Strecke zu bleiben, die ihre Hilfe am nötigsten haben: Schwangere, frisch gebackene Mütter sowie ihre Kinder.

Von Sebastian Rohling

Die Gemeinde wächst und gedeiht. Aber nicht nur durch Zuzug. Auch immer mehr Kinder erblicken in Ostbevern das Licht der Welt - naja, fast. Denn durch einen Wandel der medizinischen Versorgungslandschaft wird die Reise zum nächsten Kreissaal immer weiter.

Die Nahversorgung beschränkt sich in der Bevergemeinde auf die Betreuung und Begleitung durch Hebammen. Drei von ihnen – Margarete Niehoff-Lott, Claudia Bäcker, Ann-Kathrin Everwin – organisieren sich im sogenannten Bauchladen. „Uns gibt es jetzt seit rund zehn Jahren“, erinnert sich Bäcker. Seit dem habe sich vieles verändert, nicht nur für den Standort Ostbevern, sondern für einen ganzen Berufszweig.

Vor allem die weiterhin umstrittene Haftpflichtversicherungsfrage und die langwierigen Verhandlungen mit den Krankenkassen bezüglich der Vergütung der Tätigkeit haben viele freiberufliche Hebammen zur Aufgabe ihres Berufes bewogen. Leidtragende seien die Frauen und jungen Familien, die oft lange suchen müssten bis sie noch eine Hebamme finden. „Das gilt auch für eine Region wie Ostbevern“, sagt Margarete Niehoff-Lott und wie es der Zufall will, kommt genau zu dieser Zeit eine Frau in den Bauchladen, die für die Zeit rund um ihren Entbindungstermin Ende Januar noch eine Hebamme sucht.

„Es fällt uns immer sehr schwer, Frauen abzulehnen. Aber um eine umfassende Betreuung von Mutter und Kind gewährleisten zu können, müssen wir auch mal Schwangeren absagen. Das ist in der Regel dann der Fall, wenn die Frauen erst so kurzfristig zu uns kommen“, fasst Ann-Kathrin Everwin zusammen. Probleme gäbe es deswegen vor allem bei Frauen, die um das Aufgabenspektrum einer Hebamme nicht Bescheid wüssten oder es aus ihrer Heimat anders kennen würden. „Frauen aus anderen Kulturkreisen kennen das Prozedere rund um die Geburt anders. In osteuropäischen Ländern bekommen sie zum Beispiel eine Hebamme zugewiesen und müssen sich um nichts kümmern. In anderen Ländern gibt es keine Hebammen in unserer Form. Dort übernehmen andere unsere Arbeit.“ Hilfe bietet dann unter anderem das Hebammennetzwerk Münsterland ( www.hebammennetzwerk-muensterland.de ), in dem sich nicht viele vernetzen, sondern auch werdende Mütter ihre Hebamme finden können.

Wann denn der richtige Zeitpunkt ist, sich um eine Hebamme zu kümmern, ist gar nicht so einfach. „Meine persönliche Empfehlung ist, schon beim positiven Schwangerschaftstest, spätestens aber nach Bestimmung des voraussichtlichen Entbindungstermins auf die Suche nach einer Hebamme zu begeben“, empfiehlt deswegen Claudia Bäcker. Früher, noch vor rund zehn Jahren, sei das noch anders gewesen. Da wären Frauen auch erst nach dem ersten Trimester gekommen, und das Team vom Bauchladen hatte noch Kapazitäten.

Für den Wandel machen die drei Frauen gleich mehrere Gründe aus. Zum einen sei dafür die stetig wachsende Gemeinde verantwortlich, in die immer mehr junge Familien zögen, die eine Betreuung einer Hebamme vor Ort haben möchten. „Zum anderen wissen die Frauen heute in der Regel sehr viel früher, dass sie schwanger sind. Weil sie es drauf anlegen, dass eine gewünschte Schwangerschaft medizinisch begleitet wird oder ein anderes Körperbewusstsein vorhanden ist“, versuchen die Hebammen eine Erklärung.

Der Hauptgrund sei aber, dass es tendenziell immer weniger Hebammen gebe – und das nicht nur auf dem Land. „Das hat mit den Rahmenbedingungen dieses eigentlich wundervollen Berufes zu tun. Immer weniger sind bereit, sich für die eher geringere Bezahlung jeden Tag bereit zu halten. Auch das Thema Versicherung ist in den vergangenen Jahren nicht besser geworden“, erklärt Niehoff-Lott.

Von 2002 bis 2017 haben sich die Haftpflichtversicherungsprämien mehr als verzehnfacht. Inzwischen müsse eine Hebamme, die freiberuflich Geburtshilfe anbiete, über 7600 Euro nur für ihre Berufshaftpflichtversicherung bezahlen. Dabei sei es egal, ob sie als Hausgeburt- oder Geburtshaushebamme vielleicht nur wenige Geburten im Jahr begleitet oder ob sie als sogenannte Beleghe­bamme im Krankenhaus arbeitet und dort vielleicht auch viele Geburten betreue. Kosten, die zwei der drei Frauen aus Ostbevern nicht mehr aufbringen wollen. Deshalb gehen sie auch nicht mit in den Kreissaal und begleiten die eigentliche Geburt. „Die Prämien für Hebammen wie uns, die ausschließlich Wochenbettbetreuung, Kurse oder Vorsorgeuntersuchungen anbieten, sind aber auch gestiegen. Viele können die Prämien aufgrund ihres ohnehin schon niedrigen Verdienstes nicht mehr erwirtschaften“, sagt Claudia Bäcker. Lediglich Ann-Kathrin Everwin arbeitet derzeit auch in einem Kreißsaal und wird ab April auch als Beleghebamme tätig werden.

Dennoch: Auch wenn es nicht leichter werde. Sie sind glücklich in ihrem Job und arbeiten gerne mit den Schwangeren, jungen Müttern sowie den Babys. Je nach Mutter begleiten sie eine Frau oft für mehrere Jahre. Angefangen bei den ersten Beratungsgesprächen, den Vorbereitungskursen oder Schwangerschafts-Yoga über die Wochenbettbetreuung, die Rückbildungsgymnastik oder das im kommenden Jahr neue Angebot Fit dank Baby/Fitness für Dich und Dein Baby, bei es um ein Ganzkörperworkout geht. „Wir betreuen zusammen mit pädagogischen Fachkräften auch das Café Kinderwagen, das immer freitags zwischen 9.30 und 11 Uhr in der Franz-von-Assisi-Grundschule stattfindet. Eltern mit Kindern im Alter bis zu einem Jahr und deren Geschwistern können dann immer gerne vorbeikommen. Das Angebot ist offen, kostenfrei und ohne Anmeldung zu nutzen.

„Es findet auch in den Ferien, also morgen, statt, jedoch nicht an Feiertagen“, laden die Drei alle Interessierten ein, einmal das Café aufzusuchen.

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