Ostbevern

Fr., 02.10.2009

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„Ich würde es wieder machen“

Hans-Joachim Saßik und seine Frau Christina machten 20 Jahre nach ihrer Flucht aus der ehemeligen DDR eine Reise in die Vergangenheit nach Österreich, wo sie von der Familie Reinfeld aufgenommen wurden.
Von A. Große Hüttmann

Ostbevern - Für Hans-Joachim Saßik war es eine Reise in die Vergangenheit, in ein Stück deutsch-deutsche Geschichte, das ihn nicht nur geprägt hat, sondern das ihn bis heute intensiv beschäftigt.

Der Ex-DDR-Bürger reiste genau 20 Jahre nach seiner Flucht aus Ungarn wieder nach Deutschkreutz/Österreich zurück und traf sich dort mit der Familie, die ihn, seine Frau Christina und seine Tochter Anja seinerzeit direkt nach dem Grenzübertritt aufnahm. „Das schönste Erlebnis dabei war, dass uns die mittlerweile 83-jährige Seniorin der Familie Reinfeld nach zwei Jahrzehnten sofort wiedererkannt hat“, sagt der 66-Jährige. Tränen seien geflossen bei den Erinnerungen an die teils dramatischen Stunden am 13. August 1989.

Der Gedanke an eine Flucht aus der DDR reifte bei Hans-Joachim Saßik bereist Jahre vorher. „Es hätten sich verschiedene Gelegenheiten geboten, aber ich wollte nicht ohne meine Familie davonziehen“, sagt der Ostbeverner, der aus Potsdam stammt. Konkret wurde alles erst, als Saßiks eine westdeutsche Familien kennenlernten und gemeinsam den Plan schmiedeten.

Als Datum wurde der 13. August 1989 ausgewählt, denn Familie Saßik gab gegenüber den DDR-Behörden an, das Formel-1-Rennen in Ungarn anschauen zu wollen.

Der Antrag für die Visa ließ lange auf sich warten, fast hatte Hans-Joachim Saßik die Hoffnung schon aufgegeben. Doch quasi in letzter Minute folgte die Genehmigung. „Uns blieb nur noch Zeit, das Notwendigste zusammenzupacken“, erinnert er sich. Einiges wurde bei guten Bekannten deponiert, der Rest zurückgelassen.

In Ungarn traf sich Familie Saßik mit den Freunden aus Westdeutschland. Gemeinsam erkundeten die Männer die Grenzanlagen. Schließlich kamen sie zum Schluss, im Bereich Kópháza/Ungarn den illegalen Grenzübertritt zu wagen. Ein älterer Ungar, den Hans-Joachim Saßik zufällig traf, gab dafür die entscheidenden Tipps, um in der Dunkelheit den Weg in Richtung Freiheit zu finden. Der Kirchturm von Deutschkreutz diente als Orientierungspunkt.

Um 3 Uhr am 13. August 1989 machten sich Hans-Joachim Saßik, seine Frau Christina und seine damals achtjährige Tochter Anja zu Fuß auf den Weg. Immer wieder versteckten sie sich am Waldrand, hörten auf verdächtige Geräusche, sondierten die Lage. „Für die etwa anderthalb Kilometer bis zur Grenze haben wir drei Stunden benötigt.“

Ein letztes Mal stockte den Republikflüchtlingen das Herz, als sie den Bahnübergang, der quasi die Grenze zwischen Ungarn und Österreich markiert, überqueren wollten. „Die Scheinwerfer einer Lok haben wir für Grenzposten gehalten“, erinnert sich Saßik. Doch alles glückte, und in den frühen Morgenstunden des 13. August 1989 kam die dreiköpfige Familie vollkommen dreckig und abgekämpft in Deutschkreutz an der Kirche an.

„Als dann bei der Familie Reinfeld die Rollladen hochgingen und wir nach einem kurzen Gespräch freundlich auf einen Kaffee und eine Dusche hereingebeten wurden, da gab es kein Halten mehr“, sagt der Ostbeverner - Freudentränen flossen in Strömen.

Nach einer Zwischenstation in einem Auffanglager in Gießen kam die Familie direkt ins Münsterland. Der Maschinenbau-Ingenieur Hans-Joachim Saßik hatte bereits am 4. September bei Friwo eine neue Stelle, und nach Zwischenstationen in Everswinkel und Telgte wurde die Familie schließlich in Ostbevern heimisch.

Die Reise in die eigene Vergangenheit war für Hans-Joachim Saßik auch eine Gelegenheit, sich wieder intensiv mit diesem Stück deutsch-deutscher Geschichte auseinanderzusetzen. „Ohne die Bloßstellung der DDR durch die massenweise Flucht von Bürgern im Jahre 1989 über Ungarn wäre der Niedergang des Staates nie ans Laufen gekommen“, ist Saßik überzeugt.

Ausschlaggebend für seine eigene Flucht war, „dass ich nicht über mein eigenes Wohl und Wehe entscheiden konnte“, betont der gebürtige Potsdamer. Nach wie vor ist er uneingeschränkt überzeugt davon, dass dieser Schritt der richtige war. „Ich würde es genauso wieder machen.“

Allerdings hätte er sich von der bundesdeutschen Regierung mehr Verständnis für die Situation der politischen Flüchtlinge gewünscht. Etwa bei der Rente würden diese deutlich schlechter behandelt als andere Gruppen aus der ehemaligen DDR. Gleichwohl, das unterstreicht Hans-Joachim Saßik ganz deutlich: „Es freut mich, dass wir wieder ein Volk sind.“


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