Nicht immer glücklich
Mi., 01.02.2012
Straßennamen erinnern zum Teil an fiktive Personen
Sassenberg -
„Auch wenn die Diskussion über die Namengebung „Karl-Wagenfeld-Straße“ in Sassenberg noch nicht wirklich begonnen hat (WN berichteten), so wird man sich in näherer Zukunft nicht den ernsthaften Überlegungen anderer Gemeinden wie Everswinkel, Telgte und Münster verschließen können, die eine Umbenennung dringend erwägen“, erklärt der Sassenberger Historiker Rolf Hartmann.
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Im Falle des niederdeutschen Dichters, Schriftstellers und Redakteurs Karl Wagenfeld (1869-1939) hat eine Kommission in Münster einstimmig für eine solche Maßnahme votiert und das aus gutem Grunde. Zwar stehe außer Frage, dass er ein umfangreiches Werk in niederdeutscher Sprache hinterlassen hat, das seinen Weg auf plattdeutsche Bühnen, in Anthologien und Lesebücher gefunden hat und in Literaturgeschichten gewürdigt wird. Übersehen worden sei demgegenüber Wagenfelds Rolle als Wegbereiter national-sozialistischen Gedankenguts. Völkische Phraseologie, antisemitische Tiraden und menschenverachtende Äußerungen finden sich in seinen Schriften und er selbst hat sich gegen den Vorwurf verwahrt, nur ein Mitläufer, Karrierist oder Opportunist zu sein, sondern 1933 als den Aufbruch in eine „neue Zeit“ aus tiefstem Herzen begrüßt und publizistisch gefeiert.
Wer in Zukunft als Namensgeber der Straße in Frage kommen könnte, etwa durch eine „kostengünstige“ Benennung nach dem Produktdesigner und Bauhausschüler Wilhelm Wagenfeld (1900-1990) wie andernorts, oder vielleicht, den Straßennamen des Viertels angepasst, nach dem niederdeutschen Autor Anton Aulke (1887-1974), bedarf einer späteren Entscheidung.
„Ist im Falle Karl Wagenfelds den Kommunen einschließlich der Stadt Sassenberg bei der Straßenbenennung kein Vorwurf zu machen, handelten sie doch in dem guten Glauben, einen verdienten Literaten zu ehren, so sei in diesem Zusammenhang nicht verschwiegen, dass Rat und Verwaltung der Stadt Sassenberg bei der Namengebung von Straßen nicht immer glücklich agierten“, erklärt Rolf Hartmann. So erweise sich der unlängst vergebene Straßenname„Ambrosiusstraße“, die dem Erbauer des Sassenberger Schlosses Ambrosius von Oelde (1630/40- 1705) gewidmet ist, als eine Benennung, die in ihrer Verkürzung eher an den Kirchenvater als an den Kapuzinerarchitekten erinnere.
Weit gravierender seien andere Namensgebungen. So erhielt eine Straße im Nordwesten der Hesselstadt den Namen „Elverdesstraße“, angeblich nach einem Rentmeister des Amtes Sassenberg benannt. Die Skepsis bei Historikern des Heimatvereins angesichts dieses bislang in den Quellen niemals genannten Namens erweise sich als nur allzu berechtigt. Von Seiten der Verwaltung habe man als Beleg die Kopie eines Aufsatzes aus einer Zeitung von Dr. Schücking vorgelegt, in dem die Sassenberger Rentmeister namentlich genannt sind. „Der in Frakturschrift gedruckte Artikel aus den 30er Jahren, als Kopie nur schwer lesbar, führt allerdings den Namen des bekannten Rentmeisters Theodor Samuel Siverdes (1685-1706) auf, nach dem bereits eine Straße benannt wurde. Mithin handelt es sich bei ,Elverdes‘ schlichtweg um einen Lesefehler, die Straßenbezeichnung ehrt eine fiktive, nicht existierende Persönlichkeit.“
Eine ähnliche Panne sei beim Straßennamen „Mertzstraße“ im selben Stadtviertel passiert. Auch in diesem Falle werde auf einen „Rentmeister um 1771“ als Namensgeber verwiesen. „Tatsächlich handelt es sich aber offenkundig erneut um eine Verwechslung, denn gemeint ist zweifellos Johann Martin Metz (1717-1790), Hofkünstler in Diensten des Fürstbischofs Clemens August von Bayern, der die bekannte Vedute der barocken Schlossanlage Sassenberg schuf“, versichert Hartmann.
Ein Gespräch von Vertretern des Heimatvereins mit dem Bürgermeister im Jahre 2004, in dem auf die „unglückliche“ Namengebung hingewiesen worden sei, habe im Ergebnis erkennen lassen, dass eine Umbenennung doch mit erheblichen Kosten und bürokratischem Aufwand verbunden wäre. „Sollte es jetzt nicht an der Zeit sein, Sassenberger Straßen nach Persönlichkeiten zu benennen, deren Integrität nicht angezweifelt werden muss und die im übrigen auch wirklich existiert haben?“, fragt der Historiker.