Serie zur Landwirtschaft in Sassenberg
Nachschub für Feinschmeckerinnen

Sassenberg -

In einer neuen Serie der Westfälischen Nachrichten werden die Arbeiten der Landwirtschaft vorgestellt. Zum Auftakt geht es um die Grünlandwirtschaft.

Freitag, 13.04.2018, 13:04 Uhr

Der Kundin schmeckts: Im Futtergemischt der Kühe stecken neben Gras- und Maissilage, Stroh und Kraftfutter.
Der Kundin schmeckts: Im Futtergemischt der Kühe stecken neben Gras- und Maissilage, Stroh und Kraftfutter. Foto: Ulrike von Brevern

Kaum hat der Schlepper den großen blauen Striegel eingesetzt, riecht es wunderbar nach frischer Erde. Bei den Weiden von Walter Twehues in Dackmar steht Grünlandpflege auf dem Programm. Endlich ist es frostfrei und der Boden befahrbar, endlich kann es losgehen. Innerhalb von gut zehn Minuten hat der Schlepperfahrer die eben noch leidlich grüne Pferdekoppel auf braun gezogen. Das soll Pflege sein? „Es muss richtig weh tun, sonst hilft es nichts“, beantwortet Hubert Deventer, Grünlandberater der Raiffeisen-Genossenschaft, eine entsprechend skeptische Frage lachend.

Selbst die Grünlandwirtschaft ist komplexer als Laien denken. Auf knapp der Hälfte der Flächen wächst bei dem Betrieb von Mechthild und Walter Twehues Gras – mal als Wiese und Weide, mal ordentlich angebaut als Ackergras. Letzteres ist zwar weniger energiereich, bringt aber mehr Masse, erklärt der Landwirt. Und die braucht er auch, denn schließlich frisst jede seiner 50 Milchkühe 15 Kilo Gras am Tag – jahraus jahrein; von anderen Futterkomponenten oder dem Appetit der Nachzucht mal ganz zu schweigen.

Aber Kühe sind auch Feinschmecker. Deventer greift beherzt in das zurückgebliebene Erd- und Pflanzengemisch auf der Weide. Gleich hat er einen Batzen Grün in der Hand: „Das ist das gemeine Rispengras“, erklärt er. „Das riecht nicht nur etwas muffig, es hat auch wenig Energie.“ Auf der Weide zupfen die Kühe das wenig wohlschmeckende Grün ab, lassen es dann aber liegen. „Die sind ja nicht doof!“, schmunzelt der Grünlandexperte.

Doch dieses vom Landwirt ungeliebte Gras, das sich als Hauptkomponente in vielen Rasenmischungen findet, ist angreifbar. Es hat flache Wurzeln und vertrocknet leicht. Der große Striegel kämmt es zusammen mit dem Unkraut aus den wertvolleren Deutschen Weidelgräsern heraus. Die haben viel mehr Wurzelmasse und überstehen so die Pflege.

Rund 13 000 Euro müsste Twehues für einen Striegel wie er gerade über seine Wiese fährt, berappen. Da ist der Lohnunternehmer für die einmalige Arbeit im Frühjahr wirtschaftlicher. Der schafft mit dem ausgeklügelten Gerät in einem Arbeitsgang gleich drei Jobs: mit kleinen Planierschilden ebnet er die unzähligen Maulwurfshügel ein, die Zinken des Striegels kämmen den Boden und zum Schluss fallen aus einem Saatgutbehälter je nach Bodentyp unterschiedliche Grasmischungen auf den gestriegelten Boden. „Da, wo Gras steht, kann kein Unkraut stehen“, erläutert Deventer die einfache Strategie hinter der Nachsaat. Welche Mischungen genau gesät werden, muss Twehues immer wieder neu abwägen und deswegen hat er den Saatgutexperten gerne auf dem Hof. „Das sind so die feinen Stellschrauben, die aber wichtig sind“, betont der Landwirt. Eine davon ist die Toleranz der Pflanzen gegen Trockenheit. Wenn es wie im vergangenen Jahr im späten Frühjahr praktisch gar nicht regnet, ist der Vorsprung durch die Grünlandpflege sonst schnell dahin. Eine andere ist der Energiegehalt.

Dass die Kühe, die im Hintergrund im offenen Stall genüsslich ihr Silagefutter verschlingen, allein durch weiden satt würden, ist auch im Sommer eine Illusion. Um bis zu 10.000 Liter Milch pro Jahr zu geben, braucht eine Kuh eine stabile, kontinuierliche Energieversorgung. „Das ist wie ein Bioreaktor“, schmunzelt Twehues. Entsprechend professionell muss er die Futterrationen zusammenstellen.

Der Landwirt mischt Gras, Mais und Stroh aus eigner Ernte mit zugekauftem Kraftfutter, etwa Rapsschrot. Je besser es ihm dabei gelingt, den Energiebedarf vom eigenen Land zu decken, desto weniger muss er zukaufen. Da heißt es genau zu rechnen. Ab Mai füllt Twehues das schon jetzt fast geleerte Grassilo gegenüber dem Stall mit neuer Ernte Schicht für Schicht wieder auf. Laboruntersuchungen an der gereiften Silage zeigen ihm später, ob er mit seinen Abwägungen richtig lag. Feine Stellschrauben eben.

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