Di., 11.11.2008

Sendenhorst Deprimierende Dorfwelt

-anh- Sendenhorst. Hat da eine Regisseurin sämtliche „Landeier“-Klischees herbeigezerrt, die schlimmsten stilisiert und mit einem Schuss eigener Fantasie zu einem Gruselkabinett verwoben? Das am Sonntagabend im Haus Siekmann aufgeführte Stück ...

Sendenhorst . Hat da eine Regisseurin sämtliche „Landeier“-Klischees herbeigezerrt, die schlimmsten stilisiert und mit einem Schuss eigener Fantasie zu einem Gruselkabinett verwoben? Das am Sonntagabend im Haus Siekmann aufgeführte Stück „ Gottverlassen “ der münsterischen Regisseurin Stefanie Bockermann könnte man zweifellos so sehen.

Der Beginn: Sie ist schwanger, sagt sie, er freut sich – wie harmonisch. Aber warum ist sie so bedrückt? Schnell macht „Gottverlassen“ klar: Hier stimmt Grundsätzliches nicht, hier „auf dem Dorf“. Er ist gerade verwitwet, sie vermeintliches Inzest-Opfer. Richtig laut sagt es der Bürgermeister nach einigen Schnäpsen: „Das weiß ja jeder.“

Der Würdenträger säuft mit seinen Bürgern und Frauen, die er für Trottel hält, für undankbare zumal. Immerhin, dem Pfarrer gibt er den Wink, sich um Freddie, den Witwer zu kümmern. Der schaffe das sonst nicht.

Freundlich, vielleicht etwas dämlich, gibt sich der Fahrradhelm-Träger. Der rät dann aber Freddie zum Durchgreifen gegenüber der Geschwängerten.

Freundlich, aber still und zurückhaltend ist der Pfarrer. Ein Mal treibt sein bloßes Auftreten die tratschende Menge auseinander, sonst ist er stummer Zeuge. Dann philosophiert er in Stöckelschuhen darüber, warum nur Frauen solche tragen dürfen, probiert seine Frauenperücke. Aber Lippenstift würde er niemals benutzen.

Sehnsucht nach etwas anderem ist auch in ihm. Denn eigentlich wollen sie alle weg aus dem Dorf. Wie die junge Mutter, die auf einem Stuhl stehend in der Ferne „herrliche Farben“ entdeckt: „Und es riecht nach Glück, nach frisch gewaschener Welt, ganz anders als ich rieche.“

Schritte in die Ferne macht keiner der Protagonisten. Die Ladenbesitzerin vertraut einem der Männer an, wie gern sie in ihrem Laden eine „Tchibo“-Abteilung hätte. Ein bisschen aus der weiten Welt, ein bisschen Unwesentliches.

Bestenfalls etwas dümmlich und chauvinistisch kommen die anderen Männer daher, der Rest als finstere oder fiese Psychopathen. Die Frauen komplexbeladen, spätestens beim ersten Alkohol frivol. Und alle beschränkt, unfrei in ihrem Denken.

Liebe? Fehlanzeige. Einige tollende Kinder gibt es auch in „Gottverlassen“. Die Angst wächst, die Welt dieser Erwachsenen könnte über sie hereinbrechen. Das Drama schreitet fort zum Mord, den Freddie einer Frau mitteilt. Die Forke stand da so, darf sie das? Flugs spricht der Egozentriker sich frei von Schuld.

Ganz realitätsfremd und effekthascherisch? Der erste Frager beim Publikumsgespräch moniert das verwertete „Missbrauchsthema“: Das sei schon Mode geworden. Eine Frau, in einer Bauerschaft aufgewachsen und für Jahre daraus entflohen, findet sich eher in der Enge des Stück wieder. Bockermann hat Erfahrungshintergrund: Sie arbeitet als Theaterpädagogin viel mit Jugendlichen vom Lande zusammen.

Theater könnte ohne Zweifel auch andere Aspekte des Dorflebens beleuchten: typisches. Problematisches muss sich nicht ausschließlich in Extremfiguren, in Skandal und Mord erschöpfen.

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