Sa., 20.02.2016

Julia Teupe und Mone Elmer betreuten Flüchtlingskinder im Vorschulalter Sie haben nie einen Wald gesehen

Müssen ihre neue Heimat erst noch kennenlernen: Die syrischen Vorschulkinder Wissam, Abdula und Ghasal (v.l.). Mone Elmer und Julia Teupe helfen ihnen dabei.

Müssen ihre neue Heimat erst noch kennenlernen: Die syrischen Vorschulkinder Wissam, Abdula und Ghasal (v.l.). Mone Elmer und Julia Teupe helfen ihnen dabei. Foto: Jäger

telgte - 

Als Abdula, Wissam und Ghasal zum ersten Mal in den Wald gingen, fürchteten sie sich ein bisschen vor den großen Bäumen und der Dunkelheit. In ihrer syrischen Heimat hatten die Kinder so etwas noch nie gesehen.

Von Katrin Jäger

Als Abdula, Wissam und Ghasal zum ersten Mal in den Wald gingen, fürchteten sie sich ein bisschen vor den großen Bäumen und der Dunkelheit. In ihrer syrischen Heimat hatten die Kinder so etwas noch nie gesehen. Inzwischen lieben sie die Klatenberge. Wenn die Sozialpädagogin Julia Teupe und Heilpädagogin Mone Elmer mit ihren Schützlingen einen Ausflug dorthin unternehmen, streicheln sie das weiche Moos, entdecken überall kleine Käfer und manchmal beginnen die sonst so stillen Jungen und Mädchen, miteinander zu reden.

Seit Oktober kümmern sich die beiden Telgter Frauen um Flüchtlingskinder, die keinen Kindergartenplatz bekommen haben. Zusammen mit dem Verein Zib hatte die Stadt den Bedarf an diesem integrativen Brückenprojekt erkannt und entsprechende Mittel beim LWL beantragt. Inzwischen läuft die Betreuung an vier Wochentagen für jeweils zwei Stunden. Im Pfarrzentrum St. Clemens wurde ein schöner Raum gefunden, der kostenlos genutzt werden darf. Dank großzügiger Sachspenden, ist Spielzeug, sind Bücher, Gummistiefel und auch Matschhosen vorhanden.

Apropos Matschhosen: Die Kinder hatten anfangs keine Ahnung, was diese seltsamen Dinger überhaupt sind. Ein Junge zog sie zwar nach langem Zureden an, traute sich aber nicht, sie dreckig zu machen.

Und auch sonst werden die Kinder mit deutschen Eigenarten konfrontiert, die für sie völlig neu sind: Der kleine Abdula verstand nicht, warum er sich im Sitzkreis auf den Boden hocken sollte, um dort Obst zu essen. Er weigerte sich, hatte Tränen in den Augen, hielt es für verboten. Wie sollten ihm Mone Elmer und Julia Teupe erklären, dass es hier, in ihrer neuen deutschen Heimat, in Kindergärten üblich ist, so zusammenzusitzen? Abdula spricht noch kein Deutsch, die Telgterinnen kein Arabisch.

Wenn die Eltern ihre Kinder gebracht haben, werden erst ruhigere Dinge gemacht, gelesen, gespielt. Danach kommt Bewegung ins Spiel. Manchmal auch draußen. Das ist wichtig, denn oft wohnen die syrischen, kurdischen, arabischen oder vom Westbalkan stammenden Kinder in extrem beengten Verhältnissen. Sie wollen, müssen sich bewegen, sind dabei wild und verlangen deshalb die ganze Aufsichtsaufmerksamkeit der Pädagoginnen. „Wir haben hier kleine Springflöhe“, erzählt Mone Elmer liebevoll, „mit denen man aber nicht reden kann, denen man nur mit Händen und Füßen etwas sagen kann.“ Deshalb ist es wichtig, dass die Betreuungsgruppe sehr klein ist, um alle Schützlinge immer im Auge zu haben. Und es ist auch eines der wichtigsten Ziele des Projekts, den Kindern erste deutsche Worte beizubringen. Was sie besonders schnell lernen? „Vokabeln rund ums Essen“, sagt Julia Teupe. „Mandarine, Banane, Apfel, das mögen sie gerne.“ Spezielles Lernmaterial gibt es eigentlich nicht, deshalb improvisieren die beiden Frauen ständig. Mit Memory lassen sich prima Wörter lernen, oder mit Tierpuzzeln. Doch auch dort stoßen sie auf ungeahnte Schwierigkeiten. „In Syrien gibt es fast nur Ziegen und Vögel. Da googelt man dann, ob die Kinder überhaupt die Tiere vom Puzzle kennen“, sagt Mone Elmer.

Arnold Michels, der Zib-Vorsitzende, besucht an diesem Tag mit seinem Stellvertreter Remzi Dengiz die Gruppe. Er kennt dieses Phänomen: „Wir haben oft wenig Einblick in das Herkunftsland.“

Um besser auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen zu können, suchen die Pädagoginnen immer wieder das Gespräch mit den Eltern. Wie hat die Familie vor der Flucht gelebt, welche Berufe hatten die Eltern, was möchte das Kind gerne machen, will es vielleicht Fußball spielen, wie lebt die Familie jetzt? All diese Fragen besprechen sie – mal mit einer Dolmetscherin, hin und wieder auch mit Hilfe von einer Übersetzungs-App. „Dort kommen allerdings manchmal seltsame Sachen heraus“, sagt Mone Elmer. Und Julia Teupe fügt grinsend hinzu: „Man sieht dann an den Gesichtern, dass die Übersetzung komisch war.“

Oft müssen die Frauen den Eltern erst klar machen, dass die Gruppe ein Ort ist, an dem die Kinder zur Ruhe kommen können, spielen können und langsam auf die Schule vorbereitet werden. Deshalb ist es wichtig, dass sie regelmäßig gebracht werden, es soll aber keinen Leistungsdruck entstehen.

Die Kinder waren am Anfang noch angespannt, inzwischen seien sie nach und nach aufgetaut. „Als sie hier ankamen, waren sie oft noch voller Adrenalin, von der Flucht“, sagt Mone Elmer. „Jetzt merken wir, wie fertig sie tatsächlich sind. Sie sind häufiger erkältet, werden krank.“ Die Westbevernerin nimmt die traurigen Geschichten, mit denen sie bei ihrer Arbeit konfrontiert wird, oft mit nach Hause. Julia Teupe sagt: „Mir wird immer wieder bewusst, wie gut es uns geht.“

Ein Ziel, das die beiden Frauen erreichen möchten, ist dass die Flüchtlingskinder mehr in Kontakt mit deutschen Kindern kommen. Deshalb wollen sie demnächst Kindergärten besuchen. Ein riesiger Ansporn trotz aller Widrigkeiten und schlimmer Schicksale sei, dass die Arbeit mit den Mädchen und Jungen so sinnvoll und nachhaltig ist. Julia Teupe: „Wenn wir es schaffen, dass diese Kinder gut in der Schule ankommen, bin ich absolut sicher, dass sie eine große Chance haben.“

Und nicht nur sie. „Alles, was Abdula, Wissam und Ghasal in dieser Gruppe an deutscher Kultur erfahren haben, können sie weitergeben. An andere Kinder – und auch an ihre Eltern.“

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