Mi., 03.09.2014

Historiker Jörg Friedrich zum Ersten Weltkrieg Schicksal und Verhängnis

Der Historiker Jörg Friedrich las auf Einladung der Volkshochschule im Alten Laurentianum zum Thema Erster Weltkrieg.

Der Historiker Jörg Friedrich las auf Einladung der Volkshochschule im Alten Laurentianum zum Thema Erster Weltkrieg. Foto: Hagemeyer

Warendorf - 

Als es um die Politik geht, wird Jörg Friedrich laut und leidenschaftlich. „Die Politiker und die Diplomaten, die kannten sich doch alle. Die duzten sich, die haben auf Bällen miteinander getanzt. Aber sie versuchen es nicht einmal miteinander, es gibt keinen Kontakt, keine Gespräche. Das ist der totale Boykott europäischer Zivilisation.“ Dass es nicht gelungen sei, diesen Ersten Weltkrieg schneller oder auf anderen Wegen zu beenden, habe Auswirkungen bis heute. Friedrich nannte den Balkan, den Nahen Osten und auch Russland als Beispiel. „Damals ist ein Krater gerissen worden, der 100 Jahre nicht zu stopfen war. Und dafür sind 20 Millionen Menschen gestorben.“

Von Engelbert Hagemeyer

Auseinandersetzungen und Kriege zwischen Staaten sind weder einfach nachzuvollziehen noch leicht zu erklären. Oft sind es komplexe Gemengelagen, gepaart mit kaum nachvollziehbaren Entscheidungen und vielen Zufällen. 100 Jahre nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs war der Historiker Jörg Friedrich im Saal der Volkshochschule zu Gast. Er beschrieb den Zuhörern den „Weg nach Versailles“ - so lautet der Untertitel seines Buches, das er ganz schlicht „14/18“ genannt hat.

Der Historiker und Autor Friedrich begann seinen Vortrag nicht mit einem historischen Rückblick, sondern mit einer Analyse der aktuellen Auseinandersetzungen in der Ukraine. Die Frage, die sich bei jedem Konflikt stelle, so Friedrich, sei die nach dem Aggressor. Der Historiker schlug dann die Brücke in die Vergangenheit und erinnerte an die Sudeten-Krise. Er kritisierte die damalige Appeasement-Politik der Alliierten gegenüber Hitler. „Ein Aggressor ist wie ein bockiges Kind“, sagte Friedrich, „wenn sie so jemanden bauchpinseln fühlt er sich in einer unbesiegbaren Position.“

Den Ersten Weltkrieg sieht er anders gelagert. „Der Wunsch nach Unabhängigkeit von 4,5 Millionen Menschen in Südosteuropa hat zu einem vier Jahre dauernden Abschlachten geführt“, sagte Friedrich, und ergänzte: „Die Geißel des Ersten Weltkriegs ist nicht, dass er ausgebrochen ist. sondern dass er so lange gedauert hat.“

Der Historiker skizzierte den Verlauf der Schlachten an West- und Ostfront, ging auf Entscheidungen und – im Nachhinein – offensichtliche Fehler auf allen Seiten ein und stellte anschaulich dar, wie „abenteuerlich und improvisiert“ dieser Erste Weltkrieg überhaupt geführt worden ist. „Schicksal und Verhängnis tauchen immer wieder auf“, sagte Friedrich, „denn der Krieg ist eine Serie von Fehlern, das nicht Kalkulierbare schlechthin.“

Eine Kriegslust unterstellt er allen Parteien. „ Deutschland konnte nicht eilig genug in die Schlacht kommen? Das kann man so sehen. Den anderen ging es aber genauso. Sie alle vertraten die Meinung: ‚Wenn wir nicht als Erste losschlagen, sind wir geliefert‘. Sie haben alle zu den Waffen gegriffen und sich aus Angst vor dem Sterben in den Tod gestürzt.“ Die Juli-Krise, die zum Ausbruch geführt hatte, bezeichnete er als „kleinen Quatsch“ im Vergleich zu dem, was sich daraus entwickelt hat. Aus einem Interessenkonflikt der Großmächte sei ein „Kreuzzug“ gegen Deutschland geworden. „Keine Macht in Europa war in der Lage, das ,Riesenbaby Deutschland‘ allein zu schlagen. Also haben sie sich verbündet.“ Daraus entstanden sei ein Krieg, der anders geführt worden sei als alle anderen vor ihm. Das Ziel sei nicht mehr die Kapitulation gewesen oder eine politische Lösung – sondern die Zerstörung und die Demoralisierung des Gegners.

Die Kriegsparteien auf alliierter Seite seien ihren Verbündeten mehr und mehr aus eigenen Interessen beigesprungen, besonders nannte Friedrich Italien und Rumänien, die mit Geländegewinnen im Falle eines Sieges hätten rechnen können. „Letztlich waren sie alle Aggressoren, sie hatten keinen Selbstverteidigungsgrund, sie waren bloß alle gierig“, sagte Friedrich. Der ursprüngliche Auslöser des Krieges habe zu diesem Zeitpunkt längst keine Rolle mehr gespielt. „Jeder kämpfte für etwas, um nicht als Versager dazustehen. Und all diese Ziele, diese Forderungen haben jeden Dialog und jede Verhandlung undenkbar gemacht.“ Als es um die Politik geht, wird Friedrich laut und leidenschaftlich. „Die Politiker und die Diplomaten, die kannten sich doch alle. Die duzten sich, die haben auf Bällen miteinander getanzt. Aber sie versuchen es nicht einmal miteinander, es gibt keinen Kontakt, keine Gespräche. Das ist der totale Boykott europäischer Zivilisation.“

Dass es nicht gelungen sei, diesen Ersten Weltkrieg schneller oder auf anderen Wegen zu beenden, habe Auswirkungen bis heute. Friedrich nannte den Balkan, den Nahen Osten und auch Russland als Beispiel. „Damals ist ein Krater gerissen worden, der 100 Jahre nicht zu stopfen war. Und dafür sind 20 Millionen Menschen gestorben.“

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