Sa., 05.11.2011

Auseinandersetzung mit Prügelerziehung Heinrich von der Haar liest vor den Landfrauen aus seinem Roman „Mein Himmel brennt“

Vohren - 

Die Geschichte des Bauernjungen Heini, der in den 1950er Jahren im nördlichen Münsterland aufwächst und eine von (körperlicher) Gewalt geprägte Kindheit erfährt, hat er aufgeschrieben. Heinrich von der Haar, 1948 in Hopsten geboren, sorgte mit „Mein Himmel brennt“ für viel Gesprächsstoff. Am Dienstagabend las er erneut im Kreis Warendorf aus seinem Romanerstling, diesmal im Bauerncafé Austermann in Vohren. Welche Reaktionen er bei Lesungen bekommt und wie er damit umgeht, darüber hat er mit unserem Redaktionsmitglied Antje Raecke gesprochen.

Recke, Ibbenbüren, Münster – all diese Orte kommen in Ihrem Roman vor. Warum aber wurde aus Hopsten Steinhop?
Heinrich von der Haar: Weil „Mein Himmel brennt“ keine Dorfgeschichte, nicht die Geschichte Hopstens ist. Es ist ein fiktiver Roman. Die Änderung in Steinhop erlaubte es, mir etwas auszudenken, Geschichten von anderen mit einzuflechten. Hinzu kommt: Je kleiner der Ort, desto größer ist die Gefahr, dass die Leute sich gemeint und ihre Region schlecht gemacht fühlen.

Aber genau das ist doch passiert?
von der Haar: Dass sich einige gemeint und angegriffen fühlen, bedauere ich. Aber ich finde es gut, wenn die Menschen mitgehen. Egal, ob sie mein Buch gut finden oder nicht.

Sie sind für beide Seiten Stein des Anstoßes?
von der Haar: Auf jeden Fall ist immer von allem etwas dabei. Die Gespräche mit den Lesern sind sehr anrührend und kontrovers. Einige sagen, die Hofarbeit war schön, in der Schule hat niemand geprügelt, unsere Kindheit war glücklich. Es kommen aber auch sofort welche, die etwas anderes erzählen. Sie beginnen, mitzuteilen, was sie seit damals belastete.

Warum haben Sie in Hopsten noch nicht gelesen?
von der Haar: Da müsste sich wahrscheinlich Ketteler im Grab umdrehen, die liebe Anna vom Breischen noch ein Wunder tun und auch noch das Kloster aus dem Heiligen Meer mitsamt seinen Mönchen wieder hochkommen – dann würde mich die katholische Gemeinde vielleicht zu einer Lesung einladen. Wenn ich eingeladen werde, komme ich auch. Aber das war bislang in Hopsten nicht der Fall. Und das hat Tradition. Der Josef Winckler durfte sich ja auch nach seinem „Pumpernickel“ über komische Hopstener Kauze 20 Jahre nicht mehr in Hopsten blicken lassen, nachdem der Pfarrer ihn als „Lügenjöbken“ beschimpft hatte, der mit seinem Schmutzroman Hopsten besudele. Ich sehe ein, dass „Mein Himmel brennt“ viele düstere Seiten, gerade in Bezug auf die Kirche gibt. Heini ist anfangs begeistert, sucht Halt im Glauben, bemüht sich ganz eifrig, froh und fromm zu werden. Aber das kippt mit den Prügeln in der Volksschule und dem Missbrauch.

Das ist ja auch ein schwieriges Thema . . .
von der Haar: Das ist es. Ich empfinde es aber als Genugtuung, dass es heute andernorts sehr wohl möglich ist, sich mit der engstirnigen katholischen Prügelerziehung von damals auseinanderzusetzen, darüber zu diskutieren, sich den Dingen, die geschehen sind, zu stellen. Als Autor wollte ich das „Schwiech still“, das Heini immer wieder zu hören bekommt, aufheben. Ich wollte dem Jungen stellvertretend für viele andere eine Stimme geben.

Wie viel Heini steckt denn in Heinrich von der Haar?
von der Haar: „Mein Himmel brennt“ ist keine Autobiografie. Ich bin zwar in einer kinderreichen Familie geboren und aufgewachsen. Aber ich hatte beim Schreiben immer auch andere Jungen und Mädchen vor Augen. Mir war nur wichtig: Es hätte so sein können.

Wie lange sind Sie mit der Idee schwanger gegangen, diese Geschichten aufzuschreiben?
von der Haar: Auslöser war eine sehr schlimme Gewalterfahrung vor zehn Jahren. Die hat mich gezwungen, mich mit den Gewalterfahrungen meiner Kindheit auseinanderzusetzen, an die ich 40 Jahre nicht gedacht habe.

Heini schöpft aus vielen kleinen Dingen Kraft. Woher nehmen Sie heute Ihre Kraft?
von der Haar: Ich finde es als Autor vergnüglich, Szenen zu erfinden. Und als erwachsener Hopstener habe ich die schönen alten Orte, die auch Heini so mag, noch gut in Erinnerung, ich trage sie in mir, auch, wenn es sie längst nicht mehr gibt.

Moment. Sie bezeichnen sich nach wie vor als Hopstener?
von der Haar: Ich habe zwei Heimaten. Eine Heimat ist der Appelhoek, die kleinen Felder, Tümpel, Sandwege heckenüberwuchert, die schönen Erlebnisse in der Schule, mit der Familie. Die werden bleiben, die verliere ich ja nicht. Aber heute bin ich auch Berliner.

Sie sind heute selber Vater, haben einen Sohn. Auf welche Dinge legen Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen Wert bei seiner Erziehung?
von der Haar: Das stellt die Frage nach meinem zweiten Roman „Der Idealist“, der nächstes Jahr erscheint. In dem geht es um einen Vater, der alles besser machen will. Keine Prügel, keine religiöse Bevormundung. Und dieser Vater erlebt damit sein blaues Wunder. Vielleicht reicht das vorerst als Antwort.

Der Roman könnte verfilmt werden. Sie waren für den Drehbuchförderpreis bei den Tagen des Provinzfilms in Münster nominiert. Wenn Sie drehen, dann auch in Hopsten?
von der Haar: Wenn man mich lässt, gerne. Kirche, Pfarrhaus, Pfarrbibliothek, Marktplatz, Kerssen-Brons und Kerzenfabrik wären schon tolle Drehorte. Ebenso wie das Bischöfliche Kolleg in Münster oder die Handelsschule in Ibbenbüren.

► Hopsten im Kreis Steinfurt war lange Zeit Wirkungsstätte Wilhelm Emmanuel Freiherr von Kettelers, des späteren Bischofs von Mainz, der die verwahrloste Gemeinde 1846 übernahm. Im Wallfahrtsort Hopsten-Breischen wird die Heilige Mutter Anna verehrt. Das Heilige Meer ist ein Naturschutzgebiet zwischen Hopsten und Recke, in dessen Erdfallsee der Sage nach einst ein sündiges Kloster versunken ist. Josef Winckler war ein westfälischer Schriftsteller, der auf Haus Nyland in Hopsten lebte und dessen bekanntestes Werk „Der tolle Bomberg“ ist.

► 

Leserkommentare

Google-Anzeigen

flohmarkt.ms Anzeigen

Schnäppchen und Angebote aus Ihrer Umgebung

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/37329?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F35766%2F703995%2F704022%2F