Plastikstühle im Gotteshaus Thema der Predigt
Mo., 06.02.2012
Mehr an Lebenswirklichkeit
Geteilter Meinung sind die Gläubigen über die neue Bestuhlung der Marienkirche. Pfarrer Peter Lenfers stellte seine gestrige Predigt unter das Motto: Bleiben oder Aufbruch wagen?
Warendorf -
Minutenlanger Beifall am Ende der Predigt von Pfarrer Peter Lenfers gestern Morgen in der Pfarrkirche St. Marien. Über 250 Gläubige verfolgten den Festgottesdienst anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Marienkirche – plus“. Der Oberhirte der Großgemeinde St. Laurentius hatte seine Worte bewusst unter das Thema „Bleiben oder Aufbruch wagen?“ gestellt. Lenfers schlug so eine Brücke zu der neuen Bestuhlung im Gotteshaus – ein Spannungsfeld zwischen Altbewährtem und Neuem.
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Minutenlanger Beifall am Ende der Predigt von Pfarrer Peter Lenfers gestern Morgen in der Pfarrkirche St. Marien. Über 250 Gläubige, unter ihnen Bürgermeister Jochen Walter und Landrat Dr. Olaf Gericke, verfolgten den Festgottesdienst anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Marienkirche – plus“. Der Oberhirte der Großgemeinde St. Laurentius hatte seine Worte bewusst unter das Thema „Bleiben oder Aufbruch wagen?“ gestellt. Lenfers schlug so eine Brücke zu der neuen Bestuhlung im Gotteshaus – ein Spannungsfeld zwischen Altbewährtem und Neuem. Allen Skeptikern hielt Lenfers entgegen: „In einer Zeit, in der auch im Kreis Warendorf Kirchen profaniert oder abgerissen werden, würde es uns die Bistumsleitung wohl kaum als zukunftsträchtiges Konzept abnehmen, wenn wir hier nur an ein paar bauliche Sanierungen und einen neuen Anstrich dächten.“
Wie berichtet, sind die Kirchenbänke verschwunden, ausgetauscht gegen Plastik-Klappstühle in blau und rot in den mittleren und letzten Reihen sowie gegen feste Holzstühle in den ersten Reihen. Und prompt regte sich Unmut unter den Gläubigen.
Der Geistliche bezeichnete die derzeitigen Sitzgelegenheiten als „kostengünstiges Provisorium“. „Wir wollten keine allzugroßen Kosten produzieren und konnten uns die Stühle unentgeltlich ausliehen.“ Die blauen Stühle stammen im übrigen aus dem Dom zu Münster, so Lenfers. Und wer beim ersten Blick auf die neuen Sitzgelegenheiten noch kopfschüttelnd fragte „Kirche und Plastikstühle – passt das zusammen?“, der mag nach der Predigt womöglich anders denken. Lenfers jedenfalls beantwortete diese Frage mit einem klaren Ja. Denn von der Bestuhlung eines Gotteshauses hänge nicht die Frömmigkeit ab. Da sei das Mobiliar zweitrangig.
Lenfers könne jedoch alle Gläubigen sehr gut verstehen, die irritiert sind, weil sie ihr gewohntes Bild vermissen. Die Kniebank zum Beispiel. Oder wohin jetzt mit Schirm, Gebetsbuch oder Handtasche? Sie alle möchte Lenfers ermutigen, auch einmal neue Erfahrungen zuzulassen. Und er erinnerte daran, dass die ursprüngliche Gebetshaltung der frühen Christen während des Hochgebets das Stehen war. „Ganz bewusst wurde hier mit dem Körper gebetet und Auferstehung gefeiert. Insofern sind wir mit dieser Haltung viel näher am Ursprung unserer Gottesdienste.“
Eine mobile Bestuhlung schaffe die Möglichkeit, verschiedene Zuordnungen von Gemeinde und Altar vorzunehmen. So soll in Kürze eine mobile Altarinsel angeschafft werden, um die herum Stühle gruppiert werden können. Damit möchte Lenfers ausloten, was in der Marienkirche liturgisch sinnvoll und möglich ist und wo vielleicht auch die Grenzen liegen. Denn es sei bis heute nicht so, dass sich die gemeinde sichtbar um den Altar versammele. Zudem gebe es keine Differenzierung zwischen Sonntagsgemeinde und Werktagsgottesdienst: „Auch am Werktag spielen wir quasi Sonntag, indem sich 25 Gläubige auf 25 Bänke verteilen.“ Schon allein deshalb läge es nahe, über Umgestaltungen nachzudenken: Die Gemeinde soll Eucharistie als gemeinsame Mitte erfahren.
Auch, wenn künftig kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte, Liederabende, Theater oder Autorenlesungen den Raum füllen werden, soll das Gotteshaus nicht gleich eine Kulturkirche werden. Die Liturgie, wenn auch in veränderter Form, werde weiterhin ihre Berechtigung haben und neue Möglichkeiten bieten. „Wir wagen bewusst die Öffnung zu anderen Formen hin, nicht zuletzt, um auch neue Zielgruppen anzusprechen.“ Im Idealfall, so Lenfers, gingen liturgischer Raum und kulturelle Ansätze eine Verbindung ein, die sich gegenseitig bereichere. „Wir unternehmen den Versuch, etwas mehr an Lebenswirklichkeit der Menschen von heute in die Kirche zu holen und dieser Buntheit des Lebens mehr Raum zu geben, als das bisher der Fall ist.“ Lenfers fand aber auch kritische Töne gegenüber seiner Kirche. Er sei nie ein Freund von Fusionen gewesen: Was die Umstrukturierung angeht, macht die Kirche im Grunde nur die Gemeinden nach Anzahl ihrer Priester passend und baut ein Konzept um ihre Tabus herum. Nötig wäre stattdessen eine Neubesinnung auf das Amt in der Kirche und darauf, wer es künftig in welcher Form ausüben könnte. Aber das ist zurzeit nicht zu erwarten.“
Und so baut der aufbruchserfahrene Lenfers (zwölf Umzüge seit 1983) in Warendorf auf Kooperationen: Lassen Sie uns gemeinsam den Aufbruch wagen, in der hoffenden Zuversicht, unserem Glauben auch in dieser Kirche Zukunft zu geben. Wer glaubt, diese Kirche hätte ihre Endgestalt längst gefunden, wer glaubt, er könne sie konservieren, der mache ein Museum daraus, in dem wir ehrfürchtig bestaunen, wie man früher geglaubt hat – oder schaufelt ihr sogar das Grab. Und das will keiner!“
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