Mi., 13.11.2013

Reichsprogromnacht auf Twitter Virtuelle Stolpersteine

Reichsprogromnacht auf Twitter : Virtuelle Stolpersteine

Twitterprojekt "Heute vor 75 Jahren. Vor, während und nach der Reichspogromnacht". Foto: Screenshot

Warendorf - 

Kann Geschichtsvermittlung auch anders funktionieren? Am 9. November 1938 gingen im ganzen damaligen Reich Synagogen in Flammen auf, es kam zu Progromen gegen die jüdische Bevölkerung. Fünf Historiker stellen in einem Online-Projekt die Geschichte rund um den 9. November 1938 dar - Warendorf spielt dabei eine große Rolle.

Von Engelbert Hagemeyer

Geschichte in Echtzeit nacherzählen – geht das? Fünf junge Historiker wagen den Versuch und stellen die Ereignisse vor, nach und in der  Reichspogromnacht am 9. November 1938 im Internet dar. Auf Twitter , leicht zeitversetzt und auf 140 Zeichen komprimiert. Als Quelle dienen unter anderem das Archiv des Kreises Warendorf und die örtlichen Zeitungen, denn der Historiker Michael Schmalenstroer ist Warendorfer und Teil des Teams.

Am 9. November 1938 gingen im ganzen damaligen Reich Synagogen in Flammen auf, es kam zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung. Dieses Tages wird in jedem Jahr gedacht, am vergangenen Samstag zum 75. Mal.

Allerdings wird bei diesem wichtigen Gedenktag häufig ausgeblendet, dass das Ereignis eine Vor- und eine Nachgeschichte hat. „Es war keine Pogromnacht, sondern eine Terrorwoche“, sagt der Politologe Harald Schmid.

Mit dem Twitter-Account „@9Nov38 – Heute vor 75 Jahren. Vor, während und nach der Reichspogromnacht“ schreiben die Historiker Geschichte. 

In „Echtzeit“stellen sie die Ereignisse im Oktober und November 1938 minutengenau und auf 140 Zeichen komprimiert dar. Das junge Team hinter http://twitter.com/9Nov38 stützt sich ausschließlich auf wissenschaftlich korrekte Quellen und legt den Fokus auf die „reichsweite“ Berichterstattung wie auch auf regionale Ereignisse.

Einer der fünf Historiker ist der Warendorfer Michael Schmalenstroer, der sich bei dem Projekt auf die Ereignisse in seiner Heimatstadt und im Münsterland konzentriert. Er hat bei seinen Recherchen festgestellt, dass Warendorf bei den Pogromen keine Ausnahme gebildet hat. Im Gegenteil: „Warendorf sticht nicht besonders heraus und ist auch nicht ,speziell‘. Die Pogrome im Kreis laufen sogar relativ typisch ab“, sagt der Forscher.

 

Als Quelle dient Michael Schmalenstroer hauptsächlich das Kreisarchiv. „Dort habe ich die entsprechenden Akten und auch die lokalen Zeitungen ausgewertet“, sagt er. „Man liest zuerst die allgemeine Literatur zur Reichspogromnacht und dann vertieft man sich in die Literatur zum lokalen Geschehen. Das ist im Kreis recht gut dokumentiert.“ So gut, dass auch darin steht, was Hugo Spiegel, dem Vater von Paul Spiegel, an diesem 9. November widerfahren ist:

 

Im entsprechenden Kontext ergänzen die eingescannten Seiten der Tageszeitungen von damals die „Echtzeit“-Quellen. Die Historiker zitieren einen Rundruf des DNB, der zentralen Presseagentur des Reichs, an alle Redaktionen. Sie sollen über das Attentat an „Legationssekretaer“ Ernst vom Rath berichten, das mit als Auslöser der Pogrome gilt. Im Original heißt es:

„Alle deutschen Zeitungen muessen in groesster Form ueber das Attentat auf den Legationssekretaer an der deutschen Botschaft in Paris berichten. Die Nachricht muss die erste Seite voll beherrschen“. Diese Anweisungen ziehen sich weiter: „In eigenen Kommentaren ist darauf hinzuweisen, dass das Attentat des Juden die schwersten Folgen für die Juden in Deutschland haben muss.“ Die Zeitungen sind zu dieser Zeit gleichgeschaltete Erfüllungsgehilfen. So heißt es etwa im Emsboten, dem Vorläufer der WN, am 9. November 1938: 

 

Auf Twitter ist die Länge einer Nachricht auf 140 Zeichen begrenzt, ähnlich wie bei einer SMS. „Das ist aufgrund der Komplexität und Ungeheuerlichkeit der Vorgänge keine einfache Aufgabe“, sagt der Historiker Moritz Hoffmann , der ebenfalls an dem Projekt mitarbeitet. Doch gerade diese Kürze verleiht den einzelnen Nachrichten Wucht und Eindringlichkeit. Inspiriert wurden Moritz Hoffmann, Charlotte Jahnz, Petra Tabarelli, Christian Gieseke  und Michael Schmalenstroer von einem Projekt des MDR, das im vergangen Jahr die Ereignisse rund um den Mauerfall dargestellt hat, ebenfalls in „Echtzeit“ auf Twitter. „Dort wurde allerdings mit erfundenen Personen gearbeitet und diesen Stimmungen, Emotionen und Ereignisse ,angedichtet‘. Das machen wir nicht. Alle unsere Tweets besitzen eine Quellenangabe“, sagt Moritz Hoffmann.

Ende Oktober haben die Fünf das Projekt mit ihrem ersten Tweet gestartet:

 

Sie erzählen dann tagesaktuell und, je nachdem wie genau die Quellen sind, auf die Minute, was in den kommenden Tagen und Wochen  passiert ist. Anhand von Nachrichten, Augenzeugenberichten und Informationen aus den Archiven. Wer diese „Zeitleiste“ von Beginn an nachliest, kann leicht nachvollziehen, wie sich die Stimmung immer weiter aufgeheizt hat. Auch in Warendorf eskaliert die Situation immer weiter. Es ergeht ein Aufruf der Gestapo: 

 

Dem Aufruf, der die Verwaltung in Warendorf in ganz ähnlicher Form aus Münster erreicht, kommen die Beamten  – hier und an anderen Orten – umgehend nach:

 

Woher diese Verletzungen stammen lässt sich erahnen, wenn man sich folgendes Ereignis vor Augen hält: 

 

Sein vermeintliches  „Vergehen“, der Grund für die Anfeindungen:

 

Diese Auszüge aus Augenzeugenberichten und Briefen lassen die Ereignisse vor, nach und am 9. November ganz besonders intensiv begreifbar werden. Die Pogrome beschränken sich nicht nur auf die Stadt Warendorf, auch in den benachbarten Städten zieht der Mob durch die Straßen.  

   

In Warendorf nicht, aber das hat einen einfachen Grund, erklärt Michael Schmalenstroer: „Die Warendorfer Altstadt in eng bebaut, da hätte das Feuer leicht auf angrenzende Gebäude übergreifen können.Aber aus den Akten geht hervor, dass es eine Anweisung gab, dass ‚arisches Eigentum zu schützen‘ sei.“ 

 

Die Feuerwehr, die an anderen Orten benachbarte Gebäude extra schützte, hätte das für Warendorf wohl nicht garantieren können...

In den kommenden Wochen werden die fünf Historiker weiter twittern und dabei auch immer wieder auf die Warendorfer Archive zurückgreifen.  Ergänzt wird das Twitter-Projekt durch die Blogs der fünf Historiker und die Projekt-Webseite www.9nov38.de, auf der die Quellen und weiterführende Hinweise hinterlegt sind. Am Ende soll dort eine Datenbank entstehen, die sich in Zukunft abrufen lässt.

Wenn gegen Ende November Schluss ist mit dem Projekt, will das Team erst einmal die zahlreichen Reaktionen auswerten, die inzwischen sogar aus dem Ausland kommen.

Aber ein weiteres Datum liegt nahe: Am 1. September 1939 hat die Wehrmacht Polen überfallen, der Beginn des Zweiten Weltkriegs jährt sich 2014 zum 75. Mal.  

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