Mi., 10.09.2014

Zeitzeugen-Gespräch Aus der Hölle zurück ins Leben

In dem Buch „Durch die Hölle von Auschwitz und Dachau“ hat László Schwartz seine Erlebnisse niedergeschrieben.

In dem Buch „Durch die Hölle von Auschwitz und Dachau“ hat László Schwartz seine Erlebnisse niedergeschrieben. Foto: Trautner

Warendorf - 

Mit 14 Jahren kam László Schwartz in das Vernichtungslager Ausschwitz II (Birkenau). Heute, mit 84 Jahren, berichtet er vor Jugendlichen, die ungefähr im gleichen Alter sind, von seinen Erlebnissen. Leslie Schwartz kann davon erzählen. Leslie Schwartz hat den Holocaust überlebt. Er ist einer der letzten Zeitzeugen.

Von Beate Trautner

Zum 4. Warendorfer Zeitzeugengespräch war Leslie Schwartz am Dienstag Abend zu Gast in der Volkshochschule . Das Warendorfer Zeitzeugengespräch ist eine Kooperationsveranstaltung der Volkshochschule mit dem „Arbeitskreis Jüdisches Leben in Warendorf“ der Altstadtfreunde.

Matthias M. Ester vom Geschichts-Kontor Münster moderierte die Veranstaltung. Er beeindruckte die Zuhörer mit seinem Engagement für Aufklärung und gegen das Vergessen und ergänzte die von Schwartz geschilderten Erlebnisse um zahlreiche Fakten.

Leslie Schwartz berichtet von seinem Kampf ums Überleben als Jugendlicher im Terrorregime des Nationalsozialismus. Seine Erlebnisse und Erzählungen brechen die ohnehin schockierenden Fakten auf eine persönliche Ebene herunter und lassen sie dadurch nur umso grausamer erscheinen.

Leslie wird 1930 als Làszló Schwartz in einem Dorf in Ungarn geboren. Er erzählt von einer glücklichen und geborgenen Kindheit. Es gibt keine Probleme zwischen Christen und Juden. Der Dorfmetzger hat immer eine Wurst für ihn und die Mutter erinnert ihn wieder und wieder liebevoll daran, dass diese Wurst nicht koscher ist. Er geht zunächst auf eine jüdische Schule und als die geschlossen wird, auf eine katholische. Seine Erzählungen ergänzt er immer wieder um kleine Bonmots, etwa als er auf die Tochter seiner Lehrerin zu sprechen kommt, in die er verknallt war.

Zahlreiche Fotografien auf der großen Leinwand geben einen begreifbaren Einblick in Schwartz’ Leben und ergänzen seine Erzählungen. Sie stammen aus seinem Privatbesitz, er hat sie nach dem Krieg von Verwandten in den USA bekommen, die sich über den Zweiten Weltkrieg retten konnten.

Schwartz erinnert sich, wie die Wehrmacht 1944 Ungarn besetzt und es mit dem einvernehmlichen Zusammenleben verschiedener Religionen schlagartig vorbei ist. Die Lehrerin verbietet ihrer Tochter plötzlich, mit Leslie zu reden. „Ich habe sie nie vergessen“, erzählt er und tatsächlich hat er sie vor einigen Jahren in Budapest wieder getroffen. Sie gab ihm ebenfalls einige Fotos, die an diesem Abend in der VHS zu sehen sind.

Aus persönlicher Erfahrung erzählt Schwartz, wie konsequent die „Gesamtlösung der Judenfrage“ in Europa angegangen wurde. Zunächst landet die Familie im Ghetto der ungarischen Stadt Kisvárda. Obwohl er nur kurze Zeit in dem Ghetto ist, erlebt er dort Schreckliches. „Unter den Ungarn gab es in der Zeit auch große Verbrecher“, bricht es aus ihm heraus.

Rund 7000 Menschen werden in dem Ghetto zusammengepfercht und von nur zwei SS-Männern in Schach gehalten, erzählt Schwartz. Wieso sich niemand gewehrt habe, fragt Ester irritiert. „Wir hatten ständig Angst“, antwortet Schwartz. Die Angst wird ganz bewusst geschürt und gesteuert und so haben die Ghetto-Bewohner „Angst vor allem und vor jedem“. Im Mai 1944 wird Familie Schwartz nach Auschwitz deportiert. Leslie ist 14 Jahre alt, als er in dem Vernichtungslager ankommt. Er nennt es Glück – aber vielmehr kann man es Intuition nennen, denn er hat von Anfang an das „Gefühl, dass hier nichts Gutes passiert“. So beobachtet Schwartz und reagiert aus dem Bauch heraus auf die Szenerie um ihn herum. Eine intuitive Reaktion rettet ihm vor dem Tötungsarzt Mengele. Er gibt sich als 17-Jähriger aus und kommt dadurch in ein Arbeitskommando, das Auschwitz verlässt: in Richtung KZ Dachau. Dort kommt er in ein Nebenlager und muss unablässig schwere Zementsäcke schleppen, bekommt kaum zu Essen und hat nur wenige Stunden, um zu schlafen. Die Angst, geschlagen oder sogar umgebracht zu werden, sitzt ständig im Nacken.

Als das Lager 1945 wegen der anrückenden Alliierten geräumt wird, werden alle noch lebenden Häftlinge in einen Zug gepfercht, der quer durch Bayern zum Starnberger See fahren soll. Im oberbayrischen Ort Poing hält der Zug, die Bewacher tauschen ihre SS-Uniformen gegen Zivilkleidung. „,Ihr seid jetzt frei, haben sie zu uns gesagt“, erzählt Schwartz,

Noch nicht ganz realisierend, dass er überlebt hat, schlägt er sich mit einem Freund zu einem Bauernhof in der Nähe durch. Dort bekommen die beiden Häftlinge Butterbrote und Milch. Doch plötzlich steht ein Mitglied der Hitlerjugend auf dem Hof. „Der Junge war so alt wie ich, ich sollte die Hände hochnehmen“, erzählt Schwartz. Er versucht zu flüchten, doch plötzlich ertönen Schüsse und ein jäher Schmerz fährt durch Laszlos Kopf. „Ich habe überlebt, um jetzt hier zu sterben?“, fragt er sich, bevor er zu Boden fällt. Schwartz überlebt den Kopfschuss. Er muss zurück in den Zug, der ihn zum Starnberger See bringt. Der Krieg ist zu Ende, Schwartz wird im Krankenhaus operiert, doch er steckt sich mit Typhus an. Als er wieder genesen ist, fährt er nach Ungarn. Aber dort stellt er fest: „Ich habe kein Gefühl mehr für Ungarn.“ Zwei Wochen später ist er auf dem Schiff nach Amerika.

„Aber es gab auch Menschen in dieser Zeit, die geholfen haben“, wirft Elster am Ende ein. Schwartz erzählt von drei Menschen, die ihn in dieser schlimmen Zeit unterstützt haben. „Durch sie habe ich überlebt“, ist er sicher.

„Holocaust survivors can never have enough love“ (Holocaust Überlebende können nicht genug Liebe bekommen), resümiert Schwartz am Ende der Veranstaltung gerührt. Liebe schlägt ihm auch heute noch bei seinen zahlreichen Gesprächsrunden an Schulen entgegen, wenn er vor Schülern von seinen Erlebnissen berichtet.

 

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