Die Brüder Hamed und Ahmed Al Hamed
In Syrien schneit es auch

Warendorf -

Die Brüder Hamed und Ahmed Al Hamed zeigten in ihrer multimedialen Präsentation jetzt im Gemeindehaus St. Marien ein rundes und persönliches Bild von Syrien. Dazu hatten sie Fotos und Videos mitgebracht, auf denen sie auch selbst zu sehen sind. Dagegen stellten sie Bilder und Berichte aus verschiedenen Nachrichtensendungen.

Mittwoch, 19.04.2017, 20:04 Uhr

Ulrike Klemann (l.) hatte dazu beigetragen, dass Ahmed Al Hamed (2. v. l) und sein Bruder Hamed (r.) sich und ihr Schicksal vorstellen konnten. Jana Nivelnkötter, eine Freundin der jungen Männer, hätte zwar übersetzen können, doch die Zuhörer verstanden die beiden hervorragend Deutsch sprechenden Syrer auch so ohne Probleme.
Ulrike Klemann (l.) hatte dazu beigetragen, dass Ahmed Al Hamed (2. v. l) und sein Bruder Hamed (r.) sich und ihr Schicksal vorstellen konnten. Jana Nivelnkötter, eine Freundin der jungen Männer, hätte zwar übersetzen können, doch die Zuhörer verstanden die beiden hervorragend Deutsch sprechenden Syrer auch so ohne Probleme. Foto: Beate Trautner

Zeitungen, Fernsehen und Internet versorgen uns mit Informationen und öffnen uns die Tore zur Welt. Aber manchmal wird man den Verdacht nicht los, dass etwas fehlt. Oder man bekommt nur das eine und fragt nach dem anderen. Die Brüder Hamed und Ahmed Al Hamed zeigten in ihrer multimedialen Präsentation jetzt im Gemeindehaus St. Marien ein rundes und persönliches Bild von Syrien . Dazu hatten sie Fotos und Videos mitgebracht, auf denen sie auch selbst zu sehen sind. Dagegen stellten sie Bilder und Berichte aus verschiedenen Nachrichtensendungen.

Hamed und Ahmed Al Hamed sind vor gut drei Jahren aus ihrer Heimatstadt Deir ez-Zor im Osten Syriens geflohen. Seit 15 Monaten sind die in Deutschland, genauer gesagt in Ennigerloh.

Die beiden Brüder erzählten ausschließlich auf Deutsch. Nur ganz selten mischte sich ein englisches Wort darunter. Ihre Übersetzerin und Freundin Jana Nivelnkötter hatte an diesem Abend nichts zu tun.

Die Gebrüder wechselten sich bei ihren Ausführungen ab. Oft griffen sie Klischees auf, entwerteten diese. Sie provozierten auch – allerdings auf liebenswerte und charmante Art. Immer suchten sie den direkten Kontakt zu ihren Gästen und zeigten diesen ihre ganz persönliche Realität.

„Syrien war vor dem Krieg ein reiches Land – reich an Kultur, Bildung, Infrastruktur, Bodenschätzen und Traditionen“, berichteten sie. „Gibt es Syrien auch Schnee?“, fragte Hamed rhetorisch. Ja, den gibt es, und Hamed liefert auch die Foto-Belege dazu. „Syrien war ein multikulturelles Land. Muslime, Christen und Menschen aus anderen Religionen haben friedlich miteinander gelebt“, erläuterte Hamed.

„Wir feiern auch Weihnachten“, fügte er an. Christen und Muslime sind abwechselnd zusammen in der Kirche oder der Moschee. „In der Moschee tragen die Christinnen dann Kopftuch“.

Alles war „fast perfekt“, aber: „Assad hat alles kontrolliert“. Hamed war in seinem Heimatland Lehrer und Grafikdesigner, Ahmed Informatiker. Beide haben mit der Familie ein gutes Leben geführt. Bis 2011 der Krieg ausbrach. Dann ein privates Video: Ein Mädchen singt mit lächelndem Gesicht in die Kamera. Plötzlich ein lauter Knall, Schreie, das Mädchen weint – black. Bilder von zerstörten Häusern und Straßen und Folterszenen. „Deswegen flüchten die Menschen“, bemerkte Hamed dazu knapp.

Ein Foto zeigt ihn lachend über einem Bombenkrater. „Was gibt es da zu lachen? Darf ich das überhaupt?“, fragte er die Gäste. „Ich lache, weil ich überlebt habe“, löste er auf, denn die gezeigte Straße sei die, in der mit seiner Familie gelebt habe. Oft versagte Hamed und Ahmed für einen Moment die Stimme und sie hatten Tränen in den Augen, wenn sie ihre Geschichte mit der Präsentation immer neu durchlebten. Ein Foto mit sechs jungen Männern. „Das bin ich mit meinen Freunden“, erklärte Hamed. „Nur ich habe überlebt“.

Ihre Flucht aus Syrien ist fast schon ein Klassiker: 7000 Euro pro Person mussten sie an die Schlepper für einen Platz auf einem überfüllten, maroden Boot zahlen. In Griechenland angekommen, ging es weiter über die Balkanstaaten und von Österreich nach Deutschland – eine Tortur, bei der sie sich ebenfalls gegenseitig filmten. Auf ihrer Flucht hatten sich geschworen, die Erlebnisse festzuhalten.

Einen Ausschnitt von 13 Minuten sahen die Gäste in Warendorf. Den ganzen Film gibt es auf Youtube.

Darin zeigen sie auch ihr Leben in Ennigerloh. Mit 80 anderen Personen sind sie seit 15 Monaten in einem Flüchtlingsheim unterbracht. „Wir sind hier sicher, aber das heißt nicht, dass es uns gut geht“, erklärten sie. Inzwischen haben sie deutsche Freunde gefunden. „Die Menschen in Deutschland tun eine Menge für uns“, stellten sie klar. Aber: „Wir wollen nicht nur essen und schlafen“. Ihnen sei es wichtig, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und so Vorurteile abzubauen und neue Sichtweisen zu eröffnen. Am Ende eine letzte Video-Sequenz. Ahmed sitzt am Tisch und schreibt seine Wünsche auf: „Weiterbildung ist wichtig, denn unser Land braucht später diese Erfahrungen“.

Dann bedankten sich Hamed und Arhmed Alhamed per Video bei Ulrike Klemann vom Fachdienst für Integration und Migration der Caritas, Pfarrer Herwig Behring von der evangelischen Kirchengemeinde und bei der katholichen Kirchengemeinde St. Laurentius, die diese Veranstaltung möglich gemacht hatten. Ihre Präsentation traf die Gäste mitten ins Herz und so bekamen die beiden Syrer am Ende stehende Ovationen.

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