Di., 11.08.2015

Warendorfer Geschichte Vielschichtig, ehrlich und emotional

Dr. Franz Maciejewski ist in Warendorf geboren und setzt sich intensiv mit der Geschichte der Stadt auseinander..

Dr. Franz Maciejewski ist in Warendorf geboren und setzt sich intensiv mit der Geschichte der Stadt auseinander.. Foto: Bulla

Warendorf - 

Dr. Franz Maciejewski ist ein Mensch, der hinterfragt – kritisch hinterfragt. Vor allem die Zeit des Nationalsozialismus und die Entwicklung danach beschäftigt den gebürtigen Warendorfer.

Von Marion Bulla

Der charismatische Soziologe und Kulturwissenschaftler würde gerne verstehen, welcher Dämon damals zu Zeiten des Holocaust in vielen deutschen Hirnen gewütet hat. Vor allem aber ist dem heute 69-Jährigen wichtig, dass die Helden des Widerstandes von damals gewürdigt werden. Und so ist es ihm ein echtes Bedürfnis einen Autoren in Erinnerung zu rufen, den er schon als Gymnasiast des alten Laurentianum kennengelernt hatte – Paul Schallück

Maciejewski bedauert sehr, dass Schallück (1922-1976), wie er gebürtiger Warendorfer und einige Jahre Schüler des „Lau“, zu Lebzeiten und auch heute in seinem Heimatort noch nicht zu den Ehren gelangt ist, die er seiner Meinung nach verdient hat. „Schallück hat sich um die Aufarbeitung der Vergangenheit verdient gemacht, wird aber eigentlich totgeschwiegen.“ Aus Anlass des 70. Jahrestages des Kriegsendes von 1945 hat Maciejewski nun versucht, das ein wenig zu ändern.

In der münsterischen „ Villa ten Hompel “ las er aus Schallücks Erzählung „Weiße Fahnen im April“. Ein Buch, das 1954 erschien, und anschaulich die brenzlige und spannungsgeladene Situation bei der Übergabe der Stadt Warendorf an die heranrückenden Amerikaner schildert.

Schallück war ein typischer Vertreter der so genannten Trümmerliteratur. Der nachdenklich aus dem Krieg zurückgekehrte Autor wollte sich nicht mit der restaurativen gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands abfinden und die Leser zumindest aufklären, ebenso zur Wahrheitsfindung beitragen.

In seinen Büchern verarbeitet er auch die Vergangenheit Warendorfs offen und schonungslos. „Paul Schallück leistete damit Erinnerungs- und Trauerarbeit für seine Heimatstadt, war aber auch beispielhaft in seinem Engagement für eine christlich-jüdische Verständigung und Aussöhnung“, bekundet Maciejewski, den die Thematik nie losließ. 

Nach der Lesung nahm Dr. Franz Maciejewski sich Zeit für ein Gespräch mit unserer Zeitung. Er ist seit 1996  verheiratet  und lebt mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn in Heidelberg. Ihn interessieren Schicksale, er blickt gern hinter die Kulissen. So hat er ein Buch über die berühmte „Anna O“(alias Bertha Pappenheimer) geschrieben. Anfangs wollte der Kulturwissenschaftler eine ganz normale Biografie über die Frau schreiben, die als erste Psychoanalyse-Patientin in die Geschichte einging. Doch dann entschied er sich für die belletristische Variante. „Ich, Bertha Pappenheim“ ist eine biografische Erzählung, die aus dem Leben der bedeutenden jüdischen Sozialpionierin berichtet. Denn sie hat nach ihrer Krankheit ein ungemein spannendes Leben gelebt. „Ich denke“, so Maciejewski, „dass auch heute noch nicht alle Facetten dieser bedeutenden Frau gewürdigt wurden. Die Krankengeschichte der sogenannten „Anna O.“ wird immer noch viel mehr beachtet, als all ihre vielfältigen Leistungen, die sie als Bertha Pappenheim nach der Therapie zustande brachte. Sie war zum Beispiel Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes und unter anderem als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig.“ Bertha Pappenheim sei eigentlich die Überlebende der Anna O. Und da Dr. Maciejewski ein Perfektionist ist, hat er, allein um die ganze Bandbreite der Psychoanalyse zu verstehen, am Psychoanalytischen Seminar in Zürich eine Zusatzausbildung in diesem Fach absolviert. „Ich wollte dieser bewundernswerten Persönlichkeit eine Stimme geben und aus ihrem spannenden Leben erzählen“, erklärt Maciejewski – so einfach ist das manchmal.

Wer Franz Maciejewski bei Wikipedia in die Suchmaschine eingibt, erkennt, wie umfassend sein Wissen und Schaffen ist. Dort steht unter anderem, dass er – von Haus aus Soziologe – Leiter des Forschungsprojekts „Erinnerungsrituale des Holocaust“ der Universität Heidelberg war. Und auch, dass seine Arbeitsschwerpunkte Kultur- und Gedächtnisgeschichte der Moderne, Holocaust- und Antisemitismusforschung sowie Ethnopsychoanalyse sind.

In den vergangenen zehn Jahren hat er sich dann jenseits der akademischen Forschung einen Namen als Schriftsteller und Sachbuchautor gemacht. Sein jüngstes Werk ist lupenreine Belletristik, eine Erzählung mit dem Titel „Der Erinnerungskünstler“, eine literarische Fantasie. Sie kreist um den französischen Romancier Marcel Proust (1871 – 1922) und natürlich kommt auch die wohl bekannteste Szene aus dessen Bestseller „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vor. Die, in welcher der Junge nur durch den Geschmack eines Kekses flugs in seine Kindheit katapultiert wird.

Es ist dies nicht die erste literarische Arbeit, wohl aber die erste Arbeit, in der Maciejewski seine eigene Kindheit und Jugend verarbeitet – ganz à la Proust. Der Autor hatte große Lust auf ein Erinnern an die „verlorene Zeit“ in Warendorf. Etwa die Erlebnisse als Ministrant im ehemaligen Franziskanerkloster, wie das Sammeln von Löwenzahn im Klostergarten, dessen Köpfe zur Herstellung des Messweins verwendet wurden.

Oder die Begegnung mit einem leibhaftigen Kaiser, dem äthiopischen Kaiser Haille Selassie, der 1954 mit seinem großen Gefolge Warendorf einen Besuch abstattete. „Ich war acht Jahre alt und schwer beeindruckt. Das war ein wahrhaft theatralischer Auftritt einer großen historischen Gestalt“, entsinnt Maciejewski sich schmunzelnd. Er sagt, sein Buch sei eine Suche nach den Anfängen und eine Fläche an persönlichen Erfahrungen, die er nicht zuletzt seiner Entschlusskraft, um die ihn seine Brüder oftmals beneidet haben, aber auch zu einem nicht unerheblichen Teil seinem ersten akademischen Lehrer und Förderer, dem oft zitierten Soziologen Professor Jürgen Habermas, zu verdanken hat

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