Sa., 15.10.2016

Brieffreundinnen treffen sich erstmals Eine Umarmung nach 36 Jahren

Freundschaft kennt keine Grenzen: Seit 36 Jahren verbindet Ute Elsner (l.) und Fiona McDonald eine Brieffreundschaft. Zum Anlass ihres ersten Treffens hat Elsner ein T-Shirt für beide gestaltet, auf dem auch der erste Brief von McDonald an sie zu sehen ist.

Freundschaft kennt keine Grenzen: Seit 36 Jahren verbindet Ute Elsner (l.) und Fiona McDonald eine Brieffreundschaft. Zum Anlass ihres ersten Treffens hat Elsner ein T-Shirt für beide gestaltet, auf dem auch der erste Brief von McDonald an sie zu sehen ist. Foto: Brocker

Warendorf - 

Wenn sie so nebeneinander sitzen und erzählen, hat man das Gefühl, die beiden sind zwei alte Freundinnen aus der Schulzeit, die viel zusammen erlebt haben. Das stimmt irgendwie auch und ist doch nicht richtig.

Von Vera Szybalski

Ute Elsner und Fiona McDonald kennen sich zwar seit 1980, zum allerersten Mal live und in Farbe gegenüber standen sie sich aber erst in dieser Woche. 36 Jahre lang hatten sie nur schriftlichen Kontakt, höchstens per Skype konnte man sich sehen.

Angefangen hat alles mit der Agentur International Youth Service (IYS), eine mittlerweile eingestellte Organisation, die Brieffreundschaften in der ganzen Welt vermittelte. „Ich habe diesen Service damals weidlich genutzt“, erinnert sich Elsner. In Gelsenkirchen ist die heute 50-Jährige geboren, in Müssingen aufgewachsen und in Warendorf zur Schule gegangen. Die Welt lernte sie über Brieffreundschaften kennen. „Einige haben sich nach zwei Jahren erledigt, andere blieben zwölf Jahre bestehen.“ Bis heute geblieben sind zwei: eine Brieffreundin in Ägypten und Fiona McDonald in Australien.

Wer den ersten Brief geschrieben hat, das wissen die Freundinnen nicht mehr. Nur so viel: Allzu lang war er nicht, er enthielt eine kurze Vorstellung der eigenen Person, vielleicht der Familie und Hobbys, mehr nicht. „Man wusste ja auch nicht, ob es eine Antwort gibt“, sagt Elsner. Es gab eine. Die beiden waren sich sympathisch, IYS achtete bei der Vermittlung auf Gemeinsamkeiten. Das Lesen gehört definitiv dazu, auch Sammeln war eine Leidenschaft, die beide Mädchen auf dem Formular angegeben hatten. Zudem kommen beide vom Land. Fiona McDonald, die als Kind noch McAllister hieß, ist in Wagga Wagga, einer Stadt in New South Wales im Südosten Australiens, aufgewachsen.

Die Grundlage für Gespräche war gegeben, die wurden gerne auf hauchdünnem, blauem Airmail-Papier ausgebreitet. Ab und zu legten die Brieffreundinnen auch kleine Besonderheiten zu den Briefen. Während Deutsche Mark und Pfennig für McDonald gänzlich unbekannt waren, freute sich Elsner über Geldscheine, die ein Känguru zeigten.

Mark und Pfennig gibt es mittlerweile nicht mehr, auch das „West-Germany“ auf den Briefen der Anfangsjahre ist Vergangenheit. Ein Gespräch über ihre Freundschaft ist eine kleine Zeitreise über zwei Kontinente. Von Australien aus „erlebte“ McDonald über die Briefe ihrer deutschen Freundin den Fall der Berliner Mauer mit. Welche Befürchtungen diese Entwicklung am anderen Ende der Welt auslöste, zeigt ein Ausspruch von McDonalds Mutter: „Wenn die Kommunisten kommen, müssen wir alle unters Bett.“

Heute ist es ganz anders, die Globalisierung und das Internet haben dafür gesorgt, dass nahezu nichts mehr unendlich weit weg scheint. Während Elsner und McDonald früher überlegten, wie viele Fotos sie den Briefen beilegen können, bevor es zu teuer wird und dann wochenlang auf die Bilder warten mussten, ist das nächste Foto heute nur noch einen Mausklick weit entfernt. Viel Zeit ist vergangen, die Freundschaft blieb.

Als Fiona McDonald Mutter von Hunter (29) und Reece (28) wurde und nebenbei studierte, knapp zehn Jahre später auch Elsner Redakteurin wurde und Tochter Paula (18) und Sohn Julian (11) bekam, schlief der Kontakt etwas ein, ab brach er nie. Ein Brief, den McDonald nach Müssingen zu Elsners Eltern schickte, ließ die Freundschaft schließlich wieder aufleben. Die Post aus Australien schickten die Eltern weiter nach Emsdetten. Dorthin war Ute Elsner, die lange Jahre freie Mitarbeiterin der Warendorfer WN-Redaktion gewesen ist, in der Zwischenzeit mit ihrer Familie gezogen.

Dank Facebook ist der Kontakt heute richtig intensiv. Fotos werden hin- und hergeschickt, besonders viele gibt es natürlich von McDonalds Enkeltochter Everly, die im Februar auf die Welt kam. Oder aber Elsner verfolgt live am Bildschirm, welchen Teil des Iron Man McDonald gerade absolviert.

Weil beide in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag gefeiert haben, reifte der Entschluss, sich endlich auch mal zu treffen – außerhalb des Internets, das die beiden in den letzten Jahren eng verbunden hielt. Nicht wie zwischen zwei Fremden, sondern wie bei Freunden fiel dann auch die langersehnte Umarmung am Dienstag am Amsterdamer Flughafen aus. Diese habe sich „sehr natürlich“ angefühlt, meint McDonald. Nach einem Zwischenstopp in Müssingen und Warendorf, besuchten die beiden Köln, heute Münster und nächste Woche Berlin. Vielleicht geht es auch noch an die Nordsee.

McDonald, die in Australien mittlerweile Deutsch lernt, erzählt, dass sie viele Tipps bekommen habe, was sie bei ihrem ersten Besuch in Deutschland sehen müsse. Wichtig sei ihr aber eigentlich nur eines: dass die beiden sich endlich persönlich getroffen haben.

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Die Umarmung hat sich sehr natürlich angefühlt.

Fiona McDonald

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Einige haben sich nach zwei Jahren erledigt.

Ute Elsner über Brieffreundschaften

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