Wirbelsturm am Niederrhein
Keine Zeit für Angst - die Spuren des Tornados

Viersen -

Er deckt Dächer ab, verwüstet Gärten - und nach wenigen Minuten ist alles schon wieder vorbei. Die materiellen Schäden durch den Tornado am Niederrhein sieht man in Viersen-Boisheim auf dem ersten Blick. Wirkung hinterlasst er auch bei den Menschen.

Donnerstag, 17.05.2018, 16:05 Uhr

Wirbelsturm am Niederrhein: Keine Zeit für Angst - die Spuren des Tornados
Das Drohnenfoto zeigt Schäden in Viersen-Boisheim nach dem Tornado am Mittwoch. Foto: dpa

Der Tornado hat Spuren hinterlassen. Auch bei den Menschen. Am frühen Donnerstagmorgen tritt eine Frau aus ihrem Haus in Viersen-Boisheim, geht auf die Siedlungsstraße und schaut unbewegt auf das Hausdach. Neben ihr ein Schuttberg aus zerbrochenen Ziegeln. Der Wirbelsturm hat große Löcher ins Dach gerissen. Wie aus Wunden quillt die gelbe Dämmung hervor. „Man sieht ja, was passiert ist“, beugt sie Fragen vor. Sie wirkt verstört. Ihr Blick ausdruckslos. „Das wird schon wieder“, sagt sie. Ohne Zuversicht. Und geht wieder rein.

Es ist der Morgen, nachdem der Tornado die Menschen in Boisheim mit seiner unglaublichen Kraft aus den Alltag gerissen hat. Nach Angaben der Stadt sind in dem Viersener Ortsteil bis zu 50 Häuser beschädigt - in vier oder fünf Straßen, wie sich am Morgen danach zeigt.

Tornado wütet am Niederrhein

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  • Am Mittwoch zog ein Tornado über eine Gartenanlage im Raum Viersen am Niederrhein hinweg.

    Foto: Ralf Nowak
  • Zwei Menschen wurden bei dem Unwetter schwer verletzt.

    Foto: Ralf Nowak
  • Der Wirbelsturm hinterließ eine Schneise der Verwüstung.

    Foto: Arnulf Stoffel
  • Dieses Hausdach in der Ortschaft Viersen-Boisheim wurde zu großen Teilen von dem Tornado abgedeckt.

    Foto: Marius Becker
  • In der Ortschaft Boisheim wurden die Dächer von etwa 40 bis 50 Häusern abgedeckt.

    Foto: Marius Becker
  • Dazu kamen Schäden durch herabgestürzte Äste und umgeknickte Bäume.

    Foto: David Young
  • Bei diesem Wagen durchschlug ein Ast die Windschutzscheibe.

    Foto: David Young
  • Auch auf einem Friedhof gab es Schäden.

    Foto: David Young
  • Ein umgestürzter Baum liegt neben einer zerstörten Engelsfigur.

    Foto: David Young
  • Ein Wohnmobil wurde durch einen Garten geweht.

    Foto: Theo Titz
  • Ganz ungewöhnlich ist das Wetterereignis allerdings nicht. In Deutschland sind nach Angaben von Wetterunternehmer Jörg Kachelmann in diesem Jahr bisher mindestens sechs Tornados beobachtet worden.

    Foto: Federico Gambarini
  • In Boisheim begann am Donnerstag das große Aufräumen, rund 150 Menschen sind von den Schäden betroffen.

    Foto: Marius Becker

Reihenweise sind Dächer aufgerissen, Klinker von der Wand geholt, Fenster eingedrückt und aus der Verankerung gerissen, alte Bäume umgelegt. Ein Wohnwagen hängt halb in einem Baum. Der Wirbelsturm hat auch die Menschen erschüttert.

Die Angst vor dem nächsten Unwetter

Menschen wie Monika Bohnen. Sie ist am Vorabend gegen 18.00 Uhr, als das Unglück über Boisheim kommt, mit ihrem Mann unterwegs. Dann der Anruf des Sohnes: „Kommt schnell nach Hause, es ist etwas ganz Schlimmes passiert.“ Zuhause dann der Schock: Große Teile des Daches sind abgedeckt, der Garten ist verwüstet. „Mein Sohn hat den Tornado kommen sehen. Das ganze Haus hat gebebt. Er hat sich im Badezimmer verkrochen. Man ist doch so hilflos“. Die Frau hat kaum geschlafen. Das Schlimmste sei die Angst vor dem nächsten Unwetter, sagt sie. Der Wirbelsturm hat nicht nur Dinge kaputt gemacht.

Eindrucksvoller Tornado

Der Wetterunternehmer Jörg Kachelmann spricht auf seiner Internetseite von einem sehr eindrucksvollen Tornado. Videos im Internet zeigen, wie sich ein gigantischer dunkler Rüssel durch die Landschaft schraubt. Ein Autofahrer filmt die unmittelbare Kraft. 

Fragen und Antworten

Wie entsteht ein Tornado?

Tiefstehende Schauer- und Gewitterwolken sind Grundvoraussetzung, sagt Andreas Friedrich, Tornadobeauftragter des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Wenn der Wind vom Boden bis zur Wolke zudem Richtung und Geschwindigkeit ändert, beginnen die Luftmassen, sich zu drehen. Damit sich der sogenannte Wolkenrüssel bildet, muss die aufsteigende Luft sehr feucht sein. „Die aus dem Wolkenrüssel freigesetzte Energie führt dazu, dass die Luft sich immer schneller dreht“, sagt Friedrich. „Diese ganzen Zutaten waren gestern in Viersen vorhanden.“

Ist die Wahrscheinlichkeit dafür in NRW besonders hoch?

Hierzulande gibt es anders als in den USA kein typisches Tornado-Gebiet: Wirbelstürme könnten in Deutschland überall auftreten, sagt Friedrich. Dass am Dienstag ein Tornado ausgerechnet über Viersen fegte, war nach Angaben des Experten Zufall.

Werden Tornados in Deutschland häufiger?

Wirbelstürme sind in Deutschland ein eher seltenes Ereignis. In den vergangenen 20 bis 30 Jahren seien jährlich etwa 20 bis 60 Tornados mithilfe von Augenzeugenberichten erfasst worden, sagt Meteorologe Friedrich. „Die Dunkelziffer ist allerdings sehr viel höher.“ Sie gehe aber zurück, weil die Stürme heute etwa einfach mit Smartphones gefilmt werden könnten. Wegen der Erwärmung der Atmosphäre würde die Tornados eher stärker, aber nicht häufiger.

Könnte ein Tornado auch über Großstädte wie Köln oder Berlin fegen?

„Ein Tornado kann sich auch über Städten bilden - entscheidend ist weniger, was am Boden passiert, sondern in den Luftschichten“, sagt Friedrich. „Wir haben in Deutschland bisher einfach Glück gehabt.“

Ab wann gilt ein Tornado als gefährlich?

Wirbelstürme werden mithilfe der Fujita-Skala klassifiziert. Die bisher beobachteten Stufen reichen von F0 mit bis zu 116 Stundenkilometern bis F5 mit mehr als 500 Stundenkilometern. Auch die niedrigste Stufe liege bereits weit über normalen Unwetterwarnungen, sagt Friedrich. „Jeder Tornado kann lebensgefährlich sein.“ Dem Wirbelsturm in Viersen, der zahlreiche Dächer abgedeckt hatte, sei zunächst die zweiten Stufe F1 (117 bis 180 Stundenkilometer) zugeschrieben worden. Der Durchmesser des Wolkenrüssels lag laut Friedrich zwischen 100 und 200 Metern.

Kann ein Tornado vorausgesehen werden?

Weil sie kleinräumig auftreten und nur kurz dauern, sind Tornados sehr schwer zu prognostizieren. Erst, wenn der Tornado bereits wütet und entdeckt wurde, kann seine Richtung vorausgesagt und entsprechende Städte oder Landkreise gewarnt werden.

...

„Wir wussten erst nicht, was passiert“

Angst? Ein Mann in Boisheim, der früh morgens Dachziegel zusammenfegt, sagt knapp: „Da hatten wir keine Zeit zu. Das kam und war auch schon wieder weg. Ich habe noch versucht, die Rollos runterzulassen“, zeigt er zum Fenster im ersten Stock mit dem schief in der Führung hängenden Rollladen.

Auch Rudolf Amende hat es getroffen. Er erzählt von der Verwirrung des ersten Moments: „Wir wussten erst nicht, was passiert.“ Seine Frau Tilly wollte noch schnell ihr neues Auto in die Garage stellen. Aber da kam sie schon nicht mehr zur Haustür raus. „Vielleicht war es Glück“, sagt sie. Dachziegel fallen da schon reihenweise vom Dach, ein Fenster wird ins Haus gedrückt, Splitter einer Fensterscheibe landen im Bett. Die Vogelvoliere draußen im Garten - ein Trümmerhaufen, die Kanarienvögel weg. Das neue Auto, so gut wie hin. Aber die Amendes sind heil.

Zwei Verletzte

Anders als die beiden Männer in Nettetal, die am Mittwochabend verletzt werden: Ein Feuerwehrmann erleidet einen Stromschlag. Und ein Autofahrer wird beim Aussteigen von herunterfallenden Baumästen schwer verletzt.

In Boisheim trauert Oskar Jalda. Sein Hausdach hat viel abbekommen, auch der Wintergarten. Aber er trauert um seine prächtigen Obstbäume, die der Wirbelsturm umgelegt hat. Trotz der beeindruckend starken Wurzeln, die jetzt auf der Wiese liegen. Er wird keine neuen Bäume mehr setzen: „Bis die tragen, bin ich bei Petrus“, sagt der 88-Jährige und lächelt.

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Diese 30 000 Quadratmeter große Fläche an beiden Seiten der Anton-Bruchhausen-Straße im Zentrum Nord wird demnächst bebaut. Zur Orientierung: Das weiße Gebäude rechts gehört der Telekom, in der Mitte oben ist die Bezirksregierung zu sehen, links davon die Sparda-Bank.
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