Digital-Strategie
Autonomes Fahren, Schulausstattung, Arztbesuche - so soll NRW digitaler werden

Düsseldorf/Münster -

Das Röntgenbild wird elektronisch verschickt, der Stau klug umfahren, und das lange Warten im Bürgerbüro hat auch ein Ende. Das ist die Zukunft, die die Digitalisierungsstrategie für NRW ausmalt. Ob das alles auch so kommt, ist offen.

Mittwoch, 04.07.2018, 15:19 Uhr

Digital-Strategie: Autonomes Fahren, Schulausstattung, Arztbesuche - so soll NRW digitaler werden
Live-Schalte im Krankenhaus: Das Team des Uni-Klinikums Münster nimmt an der morgendlichen Visite auf der Intensivstation im Warendorfer Josephs-Hospital teil. Foto: Wilfried Gerharz

Zehntausende Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken in NRW sollen bis 2020 so vernetzt sein, dass Röntgenbilder, Rezepte und Befunde elektronisch übermittelt werden können. Das ist eines der zentralen Elemente des Entwurfs einer Digitalstrategie für das bevölkerungsreichste Bundesland. Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) stellte das Konzept am Mittwoch in Düsseldorf vor.

NRW soll demnach auf allen Gebieten von Schulen über den Verkehr bis zu Verwaltungen den Anschluss an das digitale Zeitalter schaffen. Deutschland habe sich jahrelang in einer Art „Dornröschenschlaf“ bei der Digitalisierung befunden, sagte Pinkwart. Das Land müsse sich aber aus den Zwängen des Stillstands befreien. Die Digitalstrategie soll zum Jahreswechsel von der CDU/FDP-Regierung beschlossen werden.

Einige Vorhaben:

Schulen und Unis: Alle Schulen sollen mit Glasfaseranschluss für schnelles Internet und mit modernen Geräten ausgestattet werden. Zur Finanzierung soll das milliardenschwere, aber von den Kommunen kaum genutzte Programm „Gute Schule 2020“ genutzt werden. Alle Bildungseinrichtungen müssten sich viel stärker digitalen Medien und der Vermittlung digitaler Kompetenzen öffnen, heißt es in dem Strategiepapier. Gefördert werden soll auch in Hochschulen das E-Learning. Einzelne Lernmodule oder ganze Kurse sollen zwischen Hochschulen ausgetauscht und in jeweilige Online-Lernplattformen gestellt werden.

Gesundheit: Bis 2020 soll in NRW eine Telematik-Infrastruktur entstehen, mit der bis zu 120.000 Arzt- und Zahnarztpraxen, mehr als 350 Krankenhäuser und fast 4000 Apotheken vernetzt werden können. Auch Pflegeheime und andere Einrichtungen sollen angeschlossen werden. Rezepte, Röntgenaufnahmen und Arztbefunde sollen dann nicht mehr in Papierumschlägen, sondern schnell und sicher elektronisch übermittelt werden. Die technische Umsetzbarkeit sei nicht das Problem, sagte Pinkwart. Er hoffe vor allem auf eine höhere Akzeptanz bei den Beteiligten. Bei der elektronischen Gesundheitskarte etwa ist die elektronische Patientenakte nach Jahren noch nicht auf den Weg gebracht worden.

Außerdem soll die Nutzung der Telemedizin, die den Kontakt zwischen Patient und Arzt durch digitale Hilfsmittel schneller und weniger aufwendig mache, stärker gefördert werden. Für die Patienten bringe das oftmals die Möglichkeit, früher aus dem Krankenhaus nach Hause zurückzukehren. Die Landesregierung fördert deshalb unter anderem die Einführung von Videokonferenztechnik im Münsterland

Digitale Offensive im Münsterland: Schnelles Internet für alle

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    Deutschland steht vor einer digitalen Offensive, schnelles Internet ist auch in ländlichen Regionen nicht mehr nur ein frommer Wunsch. Städte und größere Gemeinden an die Datenautobahn anzubinden, ist in der Regel kein großes Problem, der Ausbau erfolgt dort privatwirtschaftlich. Auf dem Land ist das nicht ganz so einfach. Die Wege sind oft weit, die Kunden zumeist rar gesät, die Kosten dementsprechend hoch: Also haben Bund und Land Förderprogramme aufgelegt, mit deren Hilfe das schnelle Internet auch in entlegeneren Regionen genutzt werden kann. Die vier Münsterland-Kreise haben ein gemeinsames Ziel, das sie jedoch auf unterschiedlichen Wegen erreichen wollen: 100 Prozent Glasfaser-Kabel in den ländlichen Räumen. Das Glasfaser-Kabel gilt in Sachen schnelles Internet als Maß aller Dinge. Gigabit-Leistungen und damit High-Speed-Datenflüsse schaffen ­daneben nur noch aufgerüstete Kabelnetze. Wie steht es um den Netzausbau im Münsterland? Ein Sachstandsbericht von Elmar Ries. 

  • Münster: Vorteil der Großstadt

    Größere Städte und Großstädte haben es gut. Weil dort die Infrastruktur fürs schnelle Internet vielerorts  vorliegt.  Dafür sind Glasfaser-Kabel nicht nötig. In Münster jedenfalls ist das der Fall. Beispielsweise über die Zugänge des TV-Kabelanschlusses. „Rund 90 Prozent der Haushalte in Münster verfügen dadurch über mindestens 30 Mbit/s“, sagt Christian Tebel, Breitband-Koordinator der Stadt. Wobei die 30 Mbit/s als Minimum zu sehen seien.

    Wer schnellere Datenflüsse haben möchte, kann sie problemlos buchen. Bis 400 Mbit/s sind in Münster über das TV-Kabel machbar. Alternativ steht die Telekom mit ihrem Vectoring-Angebot bereit. 90 Prozent sind nicht 100. Die aber will die Stadt erreichen. Bis Juli soll darum herausgefiltert werden, wo genau sich die verbleibenden zehn Prozent verstecken. „Wir wollen die weißen Flecken bestimmen und dafür Angebote suchen“, sagt Tebel. Apropos Glasfaser: Für die mehr als 40 Gewerbegebiete der Stadt sind die natürlich vorgesehen. Das erst wird demnächst damit verknüpft. 

  • Kreis Borken: Vorausschauend agiert

    In Sachen schneller Datenverkehr vorausschauend geplant wurde im Kreis Borken. Vor neun Jahren beschloss der Kreistag, in die Glasfaser-Infrastruktur zu investieren. Aus Mitteln des Konjunkturpaketes II wurde  ein 84 Kilometer langes Leerohrnetz finanziert, das die Verbindungslücken zwischen den Städten, Gemeinden und Ortsteilen schloss. Attraktiv für Telekommunikationsanbieter: Sie konnten die Rohre mieten und mussten nicht selbst investieren. Der erste Ortsteil, der 2011 so mit Glasfaserkabel erschlossen wurde, war Bocholt-Barlo. 

    Inzwischen sind weit über 30 Ortszentren und Ortsteile an das Glasfasernetz angeschlossen, erklärt  Katharina Reinert, die Leitern für den Breitband-Ausbau bei der Kreis-Wirtschaftsförderungsgesellschaft. Damit sind 32 Prozent aller Haushalte mit Glasfaser-Technik versorgt.

    Um die noch immer un­ter­ver­sorgten Außenbereiche anzubinden – hier vor allem die fast 2800 landwirtschaftlichen Betriebe – setzt die Städte im Kreis vor allem auf die Landesförderung. Der über 50 Millionen Euro schwere Antrag der Städte Ahaus, Bocholt, Borken, Heek, Heiden, Isselburg, Legden, Reken, Schöppingen und Velen wurde unlängst bewilligt.

  • Kreis Coesfeld: Power to the Bauer

    Das Ziel ist gleich, der Weg eigenwillig: Über sogenannte Buddelvereine will der Kreis Coesfeld die 100-Prozent-Quote beim Glasfaser-Netzausbau erreichen. 24 Prozent aller Haushalte sind derzeit daran angeschlossen, sagt Jochen Wilms, der Breitband-Koordinator des Kreises. „In absehbarer Zeit werden es 50 Prozent sein.“

    Buddelvereine heißt: Die Bürger, oft Bauern, verlegen das kleine Kabel mit der großen Leistung in Eigenregie. Der Vorteil: Der bürokratische Aufwand ist geringer, weil keine Förderanträge gestellt werden müssen. Der kommunale Ei-genanteil ­von zehn Prozent entfällt. „Allein 8000 Hofstellen gibt es im Kreisgebiet“, sagt Wilms. Ein von einem Un­ternehmen gelegter Einzelanschluss kostet bis zu 15 000 Euro. Indem die Bau­ern selbst aktiv werden, reduzieren sie die Kosten auf rund 2500 Euro je Anschluss. Ungefähr 4000 Höfe haben die inzwischen 80 Buddelvereine seit 2016 im Kreisgebiet erschlossen. 

  • Kreis Steinfurt: 170 Millionen Euro Fördervolumen

    Rund 31 Prozent aller Haushalte im Kreis Steinfurt verfügen be­reits über einen Glasfaser-Kabelanschluss. In Ibbenbüren, Reckenfeld und Laer wird d er Lichtleiter derzeit verlegt. Sind die drei Orte angeschlossen, steigt die Quote auf 34 Prozent, erklärt Ingmar Eber­hardt, der Breitband-Koordinator bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises. Der Netzausbau erfolgt in den Gemeinden in der Regel privatwirtschaftlich. Das bedeutet: Sagen 40 Prozent der Einwohner ja zu einem Anschluss, verlegt ein Un­ter­neh­men – hier die Deutsche Glasfaser GmbH aus Borken – das Kabel bis ans Haus.

    Schwierig ist der Netzausbau in den dünner besiedelten Bereichen. Damit auch deren Bewohner in den Genuss eines schnellen Internets kommen, haben alle 24 Gemeinden des Kreises Anträge auf Bundesförderung gestellt. „Das Volumen beträgt 170 Millionen Euro“, sagt Eber­hardt. 2019 können die Ar­beiten beginnen – Ende noch offen. Das Problem: Gefördert wird der Ausbau nur dort, wo die Leistung bei unter 30 Mbit/s liegt (elf Prozent aller Haushalte im Kreis). Ist sie nur etwas stärker, ist das Netz zwar immer noch langsam – eine Beschleunigung aber nicht förderfähig.

  • Kreis Warendorf: Bis zur letzten Milchkanne

    Auch im Kreis Warendorf setzen die 13 Kommunen auf die Glasfaser-Technologie. „Wir wollen schnelles Internet bis zur letzten Milchkanne“, sagt Breitband-Koordinator des Kreises, Ralf Hübscher.

    Einen unmittelbaren Zugang zum Glasfaser-Kabel haben derzeit 28 Prozent aller Haushalte im Kreis. Diese befinden sich in den größeren Städten und wurden über privatwirtschaftliche Initiativen angeschlossen. Um das ultraschnelle Internet auch in die Außenbereiche zu bringen, setzen die Kommunen nun auch auf den Glasfaseranschluss bis ins Haus (FTTH – Fiber to the Home). Dazu wurde 2017 der Antrag auf Bundesförderung modifiziert, das Volumen verdoppelte sich auf 120 Millionen Euro. Zehn Prozent davon tragen die Kommunen.

    Die hatten zunächst aus Kostengründen auf das sogenannte „Vectoring“ gesetzt. Heißt: Der Anbieter legt ein Glasfaserkabel bis zu ei­nem Verzweiger, von dort geht‘s über das Telefon-Kupferkabel in die Haushalte. Im Kreis garantierte Leistung im Flaschenhals: 50 Mbit/s. Nun hoffen die Gemeinden, dass der Bund Geld fürs Upgrade bereitstellt.

  • Das ist Breitband

    Das Wort „Breitband“ umschreibt als Symbolbegriff leistungsfähige Datenleitungen mit einer hohen Übertragungsgeschwindigkeit.  Da es verschiedene Techniken gibt, dient „Breitband“ als Sammelbegriff. Demgegenüber wird der Internetzugang via Analog- oder ISDN-Modem als „Schmalband“ bezeichnet. Bildlich gesprochen:   Schmalband ermöglicht ei­nen nur geringen Datendurchsatz (das Surfen im Internet ist langsam), Breitband hingegen einen umfangreichen Datendurchsatz (das Surfen im Internet ist schnell).  

  • Das ist Vectoring

    Vectoring bezeichnet die Erweiterung der beste­henden VDSL-Technik. Bei dieser sorgen Glasfaser-Kabel für den schnellen Datenfluss zwischen den Verteilerkästen am Straßenrand und entfernteren Vermittlungs­stellen. Um die Da­ten­übertragung von in der Regel 100 Mbit/s zu erreichen, verbessert Vectoring die ­Verbindung zwischen Endkunden und Verteilerkasten. Hier kommt es aufgrund der Kupferkabel zu ei­nem Absinken der Datenrate. Vectoring verhindert die dort  üblichen Störsignale und lässt so die Datenrate steigen. 

  • Das ist die Digitale Dividende

    Unter der Digitalen Dividende versteht man die durch die Digitalisierung des Rundfunks frei werdenden Frequenzbänder – insbesondere durch die Umstellung des analogen Antennenfernsehens. Die digitale Aus­strahlung benötigt nur etwa zehn Prozent der Band­breite, die eine entsprechende</span> analoge Ausstrahlung bei vergleichbarer Qualität benötigen würde. Frei werdende Frequenzen können nun für die Internet-Breitbandanbindung des länd­lichen Raumes und zusätzlich für den Mobilfunk genutzt werden.

  • Das ist Glasfaser

    Über Glasfaserkabel können Daten mit einer Geschwindigkeit von bis zu 1000 Mbit/s geschickt werden. Das ist sensationell schnell. Im ­Ge­gensatz zum klassischen Kupferkabel, das Daten elektrisch überträgt, transportiert ein Glasfaserkabel die Information mit Licht. Der große Vorteil der Glasfaserkabel liegt darin, dass selbst über große Entfernungen kein nennenswerter Geschwindigkeitsverlust verzeichnet wird. Bisher sind Glasfasernetze in den meisten Fällen aber noch nicht bis zum Verbraucher gelegt. 

Verkehr: Nicht mehr im Stau landen dank eines digitalen Stauvermeidungssystems: Dynamische Wegweiser mit integrierten Stauinformationen sollen künftig an allen wichtigen Autobahnkreuzen stehen. Per digitaler Ampelsteuerung soll auch auf Landstraßen der Verkehr reibungslos fließen. Eine landesweite Plattform soll Vorrangrouten und Restriktionen für den Schwerlastverkehr erfassen und die Daten für Navigationssysteme bereitstellen. Die Landesregierung will „neue Mobilitätsangebote möglichst unkompliziert genehmigen″ und sich für eine „Modernisierung des Personenbeförderungsrechts″ einsetzen.

Nicht zuletzt biete die Digitalisierung auch die Chance, das Verkehrsaufkommen zu reduzieren, etwa durch Tele-Arbeit und Homeoffice, Online-Besprechungen und digitale Behördengänge.

Bau: Baugenehmigungen sollen durch digitale Verfahren künftig schneller erteilt werden. Auf sämtliche Daten eines Projekts von der Planung über den Bau bis zur Bewirtschaftung soll künftig digital zugegriffen werden können.

Die Digitalstrategie soll uns als Landesregierung Orientierung geben und dabei helfen, uns auf jene Felder zu konzentrieren, in denen wir für Nordrhein-Westfalen am meisten erreichen können. Die Digitalisierung ist aber auch ein hochdynamischer Prozess. Deshalb werden wir sich schnell entwickelnde Zukunftsthemen, wie Künstliche Intelligenz, Autonomes Fahren oder die Anwendung der Blockchain-Technologie einbeziehen und unsere Strategie im Laufe der Legislaturperiode fortschreiben.

Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Wirtschafts- und Digitalminister

Verwaltung: Viele Behördengänge sollen überflüssig werden, weil sie online im digitalen Bürgerbüro abgewickelt werden könnten. Auch für die rund 800 000 Beschäftigten in Land und Kommunen könnte es im Arbeitsalltag durch Digitalisierung spürbare Verbesserungen geben. Der erhoffte Effekt: Arbeit im öffentlichen Dienst könnte so wieder attraktiver werden.

Reaktionen: Die einzelnen Punkte seien überwiegend nicht mit konkreten Zeitplänen hinterlegt, erst recht gebe es keine klaren Budgetzusagen, kritisieren die Grünen im Landtag. Nach Ansicht der SPD-Fraktion bietet das Papier keine Antworten auf die Kernfrage, was die Digitalisierung konkret für die Menschen bedeute und welche Auswirkungen sie auf die Arbeitsplätze im Industrieland NRW habe.

Die Digitalstrategie soll zum Jahreswechsel von der CDU/FDP-Regierung beschlossen werden.

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