Mo., 20.04.2015

Kriegsende im Münsterland Zwischen Fanatikern und weißen Fahnen

Panzer auf dem Prinzipalmarkt 

Panzer auf dem Prinzipalmarkt  Foto: LWL

Münster - 

Der Fliegeralarm hört nicht mehr auf, weder bei Tag noch bei Nacht. ... Wann kommt das Ende? Hoffentlich bald!“ Dieser Eintrag in der Pfarrchronik St. Laurentius Warendorf vom Januar 1945 illustriert, wie existenziell der Zweite Weltkrieg die Bevölkerung auch an der westfälischen Heimatfront traf.

Von Markus Köster

Das galt für die Bevölkerung auf dem Lande, die sich beispielsweise mit der permanenten Abwesenheit der kriegsdiensttauglichen männlichen Familienmitglieder und einer massenhaften Einquartierung Fremder – Zwangsarbeiter wie Ausgebombter – im eigenen Dorf konfrontiert sah.

Salzstraße nach Angriff 10. Oktober 1943 Blick Richtung Prinzipalmarkt

Salzstraße nach Angriff 10. Oktober 1943 Blick Richtung Prinzipalmarkt Foto: Stadtmuseum

Noch weit stärker als die Landbevölkerung traf das Kriegsgeschehen aber die Bewohner der städtischen Ballungszentren. Dort stellte der Bombenkrieg praktisch alle gewohnten Rationalitäten des täglichen Lebens in Frage. Im Zeichen permanenter Fliegeralarme , der weitgehenden Zerstörung und Entvölkerung der Städte, des Zusammenbruchs von Verkehr, Kommunikation, Versorgung und öffentlicher Ordnung wurden Raum- und Zeiterfahrungen brüchig, der Tod zum ständigen Begleiter und die Sicherung des nackten Überlebens zur wichtigsten Maxime.

Die Bevölkerung der preußischen Provinz Westfalen bekam den Zweiten Weltkrieg schon vergleichsweise früh unmittelbar zu spüren. Bereits 1940 flogen britische Bomber erste Angriffe auf die Region. Aber erst ab 1943 wurde der Nordwesten Deutschlands und mit ihm Westfalen Ziel eines systematischen Luftkriegs, der nach und nach fast alle Städte der Region in Schutt und Asche legte. Nachdem die Industriezentren des Ruhrgebiets, aber auch die Provinzialhauptstadt Münster bereits fast vollständig zerstört waren, ging das britische Bomber Command im Herbst des Jahres 1944 sogar noch zu vernichtenden Flächenangriffen auf kleinere und industriell weniger bedeutsame Städte über: Bielefeld, Hagen, Hamm, Siegen, Soest und noch am 27. März 1945 Paderborn zählten zu den Orten, die auf diese Weise spät, aber gründlich zerstört wurden.

Mit der Intensivierung des Bombenkriegs flüchteten immer mehr Großstadtbewohner aufs Land. Doch auch dort sorgten Bombardements und Tieffliegerangriffe in den letzten Kriegsmonaten für Angst und Schrecken. Der kleine münsterländische Ort Ostenfelde beispielsweise verzeichnete in den ersten drei Monaten des Jahres 1945 nicht weniger als 281 Luftalarme, über 90 pro Monat. Flakstellungen und Industriebetriebe wurden ebenso Ziel alliierter Luftangriffe wie Brücken, Eisenbahnzüge und sogar einzelne Fahrzeuge und Bauern auf dem Feld.

Je massiver der von Hitlers Soldaten nach ganz Europa getragene Krieg in die Heimat zurückkehrte, umso weniger war der Goebbelsche Propagandaapparat noch in der Lage, seine Durchhalte- und Endsiegparolen erfolgreich in die Köpfe der Menschen zu hämmern. Untergangsstimmung machte sich breit und der übermächtige Wunsch, dass alles so schnell wie möglich zu Ende gehen möge. Damit brach einer der beiden Stützpfeiler nationalsozialistischer Herrschaftspolitik weg: die Loyalität eines überwiegenden Teils der Bevölkerung, auf die sich der NS-Staat bis dahin noch in erstaunlichem Maße hatte stützen können.

Doch offen bekundete Kriegsmüdigkeit war höchst gefährlich. Denn die Gewaltakte von SS und Gestapo forderten bis in die letzten Kriegstage hinein zahllose Opfer. Selbst scheinbar unbedeutende Sachverhalte wie das Abhören sogenannter Feindsender oder unbedachte Äußerungen am Stammtisch konnten mit dem Tode bestraft werden. Einer der schlimmsten Exzesse staatlichen Terrors geschah im Dortmunder Rombergpark, wo die Gestapo im März und April 1945 rund 300 Personen, insbesondere Zwangsarbeiter und Mitglieder einer kommunistischen Widerstandsgruppe, brutal ermordete. Ähnlich bestialisch wüteten SS und Wehrmacht im nördlichen Sauerland. Im Arnsberger Wald erschossen sie Ende März 208 sowjetische und polnische Zwangsarbeiter, darunter auch zwei Kleinkinder.

Das militärische Ende des Krieges begann in Westfalen mit einer der größten Landeaktionen der Geschichte: Am 23. und 24. März setzten bei Wesel britische und US-amerikanische Truppen unter Führung des britischen Generalfeldmarschalls Montgomery zu Wasser und aus der Luft über den Rhein. Begleitet von massiven Luftbombardements, die Städte wie Borken, Coesfeld, Dorsten, Dülmen und Vreden noch wenige Wochen vor Kriegsende dem Erdboden gleichmachten, drangen sie rasch nach Osten vor. Das hochtrabend als Westfalenwall titulierte deutsche Verteidigungssystem, bestehend aus einer unzusammenhängenden Linie von Panzergräben, Straßensperren und Stellungsstützpunkten, erwies sich gegen die militärische Übermacht der Alliierten als völlig wirkungslos. Es stützte sich mit dem „Volkssturm“ auf ein letztes Aufgebot, das dem Feind nicht annähernd gewachsen war: Alte Männer und halbe Kinder mussten sich häufig fast ohne Munition den technisch hoch überlegenen britisch-amerikanischen Truppen entgegenstellen und büßten ihre Kampfunerfahrenheit allzu oft mit einem sinnlosen Tod.

Ihre personelle und materielle Überlegenheit erlaubte es den Alliierten, vom Niederrhein aus in mehrere Richtungen vorzustoßen. Während kanadische Einheiten nach Norden marschierten, überrollte die britische Armee in breit gefächertem Angriff das westliche Münsterland und brach am Südrand des Teutoburger Waldes den Widerstand der dort hastig aufgebauten deutschen Verteidigungslinie. Derweil rückten von Südwesten britische und amerikanische Einheiten gemeinsam auf die Provinzialhauptstadt Münster vor und nahmen sie am Ostermontag (2. April) ein. Zwei Tage später besetzten die Amerikaner Bielefeld, noch am gleichen Tag erreichten sie die Weser und damit die Ostgrenze der Provinz Westfalen.

Zeitgleich preschte ein Teil der 9. US-Armee mit Panzern auf der Linie Dorsten, Haltern, Ahlen zunächst Richtung Osten vor und drehte dann bei Rheda nach Süden, wo die Truppen am 1. April bei Lippstadt auf Verbände der 1. US-Armee stießen. Diese waren vom Brückenkopf Remagen aus nach Nordosten vorgedrungen. Durch den Zangenschluss bei Lippstadt wurden rund 320 000 deutsche Soldaten (mehr als 1943 in Stalingrad) und mit ihnen mehrere Millionen Menschen im sogenannten „Ruhrkessel“ eingeschlossen. Obwohl Hitler den Kessel zur Festung erklärte und mit seinem berüchtigten „Nero-Befehl“ vom 19. März eine Strategie der „verbrannten Erde“ angeordnet hatte, vollzog sich die Eroberung des Herzens der deutschen Schwerindustrie aus Sicht der Alliierten als ein „mopping up“ (Aufwischen). Die Gegenwehr hielt sich fast überall in Grenzen: Zu demoralisiert waren die deutschen Truppen, zu übermächtig bei den meisten der Wunsch nach einem Ende der aussichtslosen Kämpfe.

Es gab allerdings auch Ausnahmen: Der Eisenbahnknotenpunkt Hamm etwa erwies sich für die Amerikaner nach eigener Einschätzung als „Hornissennest“, bevor er am 7. April fiel, und auch in Teilen Dortmunds entwickelte sich ein regelrechter Häuserkampf. In einigen sauerländischen Dörfern und in Borchen südlich von Paderborn organisierten fanatische deutsche Offiziere ebenfalls erbitterten Widerstand, der auf beiden Seiten hohe Verluste forderte. Ort für Ort drückten die US-Truppen unter dem Oberbefehl von General Eisenhower in der ersten Aprilhälfte 1945 die Fronten des Ruhrkessels ein, spalteten ihn am 14. April in zwei Teile und nahmen ihn eine Woche später komplett ein. Insgesamt starben bei der Eroberung des Ruhrkessels rund 1500 US-Soldaten, auf deutscher Seite über 10 000. Rund 300 000 deutsche Soldaten mussten den Weg in die Gefangenschaft antreten.

Die deutsche Zivilbevölkerung erlebte den Moment des Kriegsendes in aller Regel als einen Augenblick höchster Dramatik. Vor allem die Frage, ob ein Ort kampflos übergeben werden durfte oder verteidigt werden sollte, barg große Gefahr. Stießen nämlich die vorrückenden Alliierten auf Widerstand, so bombardierten sie den betreffenden Ort zunächst mit Artillerie oder aus der Luft, um das Leben ihrer Soldaten zu schonen. Um dies zu verhindern, stellten sich auf deutscher Seite nicht selten couragierte Zivilisten oder besonnene Soldaten den Verteidigungsplänen fanatischer Endsieggläubiger entgegen und setzten die friedliche Kapitulation ihrer Stadt durch. Einige bezahlten ihren Mut allerdings mit dem Leben.

Trotzdem wurden in den letzten Tagen überall weiße Fahnen gehisst. Aus Bettwäsche, Handtüchern, Hemden oder gar langen Unterhosen gefertigt, galten sie als das sicherste Mittel, um alliiertem Beschuss zu entgehen. Sobald die feindlichen Panzer zu hören waren, zogen sich die Bewohner zumeist in die Keller ihrer Häuser zurück und erwarteten dort das Eintreffen der fremden Truppen. Vielfach löste sich die Anspannung aber offenbar rasch und machte ersten neugierigen Annäherungsversuchen Platz. Der münstersche Journalist Paul Wantzen, bis zum Schluss ein überzeugter Parteigänger des NS-Regimes, notierte am Tage der Besetzung seiner Heimatstadt in sein Tagebuch: „Scheußlich war es zu erleben, dass deutsche Frauen an die Straßen liefen und die Amerikaner um Zigaretten und Kaffee anbettelten ... Und ‚deutsche‘ Jungens kletterten auf die Panzer und setzten sich zu den Amerikanern auf die Geschütze. So würdelos können wohl nur Deutsche sein!“

Wie in vielen anderen Städten Westfalens ergriffen die Alliierten auch in Münster Besitz von einer Trümmerwüste. In einem Bericht des Hauptverwaltungsamtes Münster hieß es rückblickend: „Die Bevölkerung war von rund 143 000 im Jahre 1942 auf weniger als 25 000 Personen abgesunken. Sie wohnten größtenteils in dunklen Bunkern, nassen, kalten und dunklen Kellern sowie in den beschädigten Häusern, die allen Unbilden der Witterung ausgesetzt waren. Es fehlte an Dachziegeln, Fensterglas, Heizstoffen, elektrischer Energie, an einer Wasserversorgung, an Leuchtgas und an jedem gesundheitlichen Hilfsdienst. Abwasserbeseitigung und Müllabfuhr waren zerstört. Tausende ausländischer Arbeiter, die während des Krieges in Münster Zwangsdienst verrichtet hatten, hielten sich in Not und Unzufriedenheit innerhalb der zerstörten Stadt auf. So war die Bevölkerung dem Hunger, der Leibesnot, der Gefahr der Plünderung und des Totschlages, der Krankheiten und Seuchen an jedem Tage ausgesetzt.“ Für Hunderttausende Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter war das Kriegsende ein Moment der Befreiung. Die Schattenseite dieser Befreiung aus Sklavenarbeit war ein Ausbruch von Gewalt, der sich in Raubüberfällen, Vergewaltigungen und Morden Luft machte.

Eingebettet“ in die vorrückenden Truppen drehten die US-Kameraleute zum Teil spektakuläre Bilder von Sieg und Niederlage, Ende und Neuanfang des Frühjahrs 1945. Über acht Stunden des heute in Washington lagernden Materials sind in den letzten Monaten im LWL-Medienzentrum für Westfalen ausgewertet worden. Die aussagekräftigsten Szenen wurden ausgewählt, montiert und fachkundig kommentiert. Die Filmdokumentation erscheint im April 2015 unter dem Titel „Als die Amerikaner kamen“ auf DVD.  

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