Online-Handel mit Lebensmitteln
"Auswirkungen auf Leerstände in Innenstädten"

Münster -

Der Online-Handel mit Lebensmitteln steckt noch in den Kinderschuhen. Welche Auswirkungen das erwartete Wachstum allgemein und speziell für die Münsterland-Region haben könnte, erklärt Karl-Friedrich Schulte-Uebbing, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen, im Experten-Interview.

Dienstag, 16.01.2018, 15:01 Uhr

Online-Handel mit Lebensmitteln: "Auswirkungen auf Leerstände in Innenstädten"
Karl-Friedrich Schulte-Uebbing, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen. Foto: IHK

Der Online-Handel mit Lebensmitteln läuft in Deutschland langsam an. E-Commerce macht derzeit nur etwa ein Prozent des Lebensmittelumsatzes aus. Denken Sie, dass sich das Geschäft in den nächsten Jahren stärker ins Netz verlagern wird?

Karl-Friedrich Schulte-Uebbing : Noch befindet sich der Online-Lebensmittelhandel in der Nische und der Anteil am Umsatz ist relativ gering, aber die Zuwachsraten sind riesig. Gewisse Segmente werden sich stärker ins Internet verlagern. Entscheidend wird sein, ob die Anbieter in der Lage sein werden, kostendeckend frische Produkte zu liefern, also dem Kunden ein Frischeerlebnis zu bieten, das er sonst beim lokalen Einkauf, etwa auf dem Markt, erfährt. Wie viel ist dem Kunden das Einkaufserlebnis wert? Das ist die Frage, die darüber entscheidet, ob der Markt signifikant wachsen kann. Es geht beim Lebensmitteleinkauf nämlich nicht nur darum, sich zu versorgen, sondern es ist auch ein Event. 

Auf dem Markt für E-Food tummeln sich einige Einzelhandelsketten wie Rewe oder Edeka, sogenannte Pureplayer wie beispielsweise allyouneedfresh, aber auch viele kleine, spezialisierte und regionale Anbieter. Internet-Gigant Amazon ist in Berlin mit amazon fresh an den Start gegangen. Wie wird sich die Branche mittelfristig entwickeln?

Schulte-Uebbing: Noch ist nicht abzusehen, wer sich durchsetzen wird. Aber mit Amazon tritt natürlich ein Schwergewicht in den deutschen Markt ein. Die Unternehmen, die flächendeckend zu einem akzeptablen Aufpreis frisch liefern können, werden den stationären Supermärkten und Discountern am ehesten Konkurrenz machen. Wichtig für Kunden ist zudem eine verlässliche Kühlkette sowie Abgabeverfahren nach Kundenwunsch. Das kann auch der Einzelhandel vor Ort liefern.

In Großbritannien und Frankreich bestellen die Menschen weitaus häufiger Lebensmittel im Internet. Warum sind die Deutschen so zögerlich?

Schulte-Uebbing: Die Deutschen haben ein anderes Verhältnis zu Lebensmitteln. Sie möchten gute Qualität, aber zu möglichst geringen Preisen. In Frankreich oder Spanien wird das Einkaufen mehr zelebriert. 

Könnten Lieferdienste im ländlichen Raum in Zukunft Engpässe der Lebensmittelversorgung vor Ort abfedern?

Schulte-Uebbing: Wenn die rollenden Märkte irgendwann nicht mehr bis zur Haustür fahren, kann das ein Modell der Zukunft sein. Ob eine Abdeckung des ländlichen Raums zu akzeptablen Preisen von den Anbietern auch wirtschaftlich zu realisieren ist, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass der Online-Lebensmittelhandel auch Auswirkungen auf die Leerstände in den Innenstädten haben wird.

In den Metropolen werden von verschiedenen Firmen Lieferroboter getestet. Könnte der Einsatz in Zukunft das Netz von Lieferanten im ländlichen Raum verdichten?

Schulte-Uebbing: Ich kann mir vorstellen, dass Einzelhändler vor Ort diese Möglichkeit nutzen, denn sie müssen nur kurze Wege überbrücken. Für die Essensauslieferung sind solche Roboter sicher interessant, vorausgesetzt sie erfüllen Vorgaben der Straßenverkehrsordnung. Allerdings können die Roboter eines nicht: soziale Kontakte ersetzen. Gerade ältere Menschen, denen Essen geliefert wird, bitten die Lieferanten schon mal herein, um sich zu unterhalten. Das darf man nicht unterschätzen. 

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