Online-Handel mit Lebensmitteln
Die Unruhe vor dem Sturm

Münster -

Der Onlinehandel mit Lebensmitteln ist eine große Wundertüte. Nur rund ein Prozent der Lebensmittelkäufe läuft in Deutschland übers Internet, weil Supermärkte hierzulande über eine sehr hohe Filialdichte verfügen, die von Discountpreisen verwöhnten Kunden keine Lieferkosten akzeptieren und nicht auf das Einkaufserlebnis verzichten möchten. Dennoch lockt das enorme Wachstumspotenzial im E-Food-Sektor immer mehr Unternehmen auf den virtuellen Marktplatz. Sie rüsten sich, um ganz vorne zu stehen, wenn der prognostizierte Boom das Rennen um den Platz an der Spitze eröffnet.

Dienstag, 16.01.2018, 16:01 Uhr

Online-Handel mit Lebensmitteln: Die Unruhe vor dem Sturm
Eine Pickerin von "Amazon fresh" sucht die Bestellung eines Kunden zusammen. Foto: dpa

Lebensmittel sind einer der letzten Bereiche des Einzelhandels, die noch nicht vom Onlinehandel dominiert werden. Die Verheißung ist für die Händler dementsprechend groß: Mit einem Umsatz von 736 Millionen Euro im Jahr 2015 erzielte die Online-Sparte im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 19 Prozent. Experten und Unternehmensberatungen wie etwa Ernst und Young gehen davon aus, dass bis 2020 zehn Prozent des Lebensmittelgeschäfts über das Internet abgewickelt wird.

176-Milliarden-Euro-Markt

Bei einem Gesamtmarkt von derzeit 176 Milliarden Euro pro Jahr wüchse das Kuchenstück für den Online-Handel auf stolze 17,6 Milliarden Euro. Kein Wunder, dass es mittlerweile 179 Lebensmittel-Onlinehändler mit Unternehmenssitz in Deutschland und überregionalem Versand gibt. Das zeigt die Studie „E-Food im Frischemarkt“ von der Verbraucherzentrale Brandenburg vom Januar 2017.

Große Handelsketten wie Rewe oder Edeka haben ihr Angebot längst von analog auf digital erweitert. Dazu kommen reine Online-Händler wie etwa die DHL-Tochter Allyouneed Fresh, Mytime oder der Boxversand Hello Fresh. Aber auch viele regionale und spezialisierte Anbieter. Bundesweit liefern nur Mytime und Allyouneed Fresh aus. Den Lieferservice von Rewe gibt es derzeit in 75 Städten und deren Umland. Edeka liefert in Berlin und München und Kaufland nur in der Hauptstadt.

Spätestens als der Internet-Gigant Amazon im Frühling 2017 in Berlin unter dem Titel „Amazon fresh“ mit der Lieferung von frischen Lebensmitteln in Deutschland begann, bekam das Wettrüsten in der E-Food-Sparte eine neue Dimension.

US-Riese mischt den Markt auf

Der US-Riese, der mittlerweile auch in Hamburg und München frische Lebensmittel ausliefert, kooperiert verstärkt mit regionalen Händlern, die von den großen nationalen Ketten Edeka, Rewe, Lidl und Aldi immer mehr verdrängt werden und ihr Heil nun in der Partnerschaft mit Amazon suchen. Davon profitieren beide Seiten: Nach Berechnungen des Marktforschungsunternehmens One Click Retail haben die Lebensmittelverkäufe auf Amazon in Deutschland im dritten Quartal 2017 um 45 Prozent auf 40 Millionen Euro zugelegt.

Die Meinungsforscher machen den Händlern Mut auf einen profitablen Wachstumsmarkt. Aktuell hat bereits jeder fünfte Deutsche (20 Prozent) schon einmal Lebensmittel im Internet bestellt, weitere 20 Prozent können sich vorstellen, dies in Zukunft zu tun. Denn die Vorteile sind unübersehbar: stressfreies Einkaufen, ohne Anstehen oder Gedrängel. Insbesondere für berufstätige Eltern ohne Zeit oder Rentner, die nicht mehr gut zu Fuß sind, ist das Angebot verlockend. Auch viele Landbewohner nutzen laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Yougov schon jetzt den Onlinekauf.

Doch die Medaille hat auch eine Kehrseite: Deutsche sind in puncto Lebensmittelkauf wahre Online-Muffel. Sie sind verwöhnt von einem engmaschigen Netz an Supermärkten. Aus diesem Grund sind Pick-Up-Stationen in Deutschland im Gegensatz zu Frankreich, wo der Umsatzanteil des E-Commerce viermal so hoch ist, nicht sehr begehrt.

Außerdem ist die Akzeptanz der Deutschen  für Lieferkosten und Mindestbestellwerte gering. Schließlich sind sie Nutznießer des Preiskampfs der Discounter und somit kleine Preise gewohnt. Viele Verbraucher sind zudem skeptisch, was die Frische und Kühlung von empfindlichen Lebensmitteln wie Salat, Frischfleisch oder Tiefkühlpizza betrifft. Besonders bei frischer Ware ist das Bedürfnis groß, die haptische Einschätzung der Lebensmittel in Bezug auf Reife, Frische und Qualität zu prüfen.

Laut Forsa-Umfrage sind 70 Prozent dem Lebensmittel-Einkauf im Internet negativ gegenüber eingestellt. Warum also lange rumklicken und warten, wenn der Supermarkt um die Ecke ist, bei dem man die Bananen selbst in Augenschein nehmen und Preise vergleichen kann?

Neben der anhaltenden Skepsis der Kunden ist der Versand von (tief-) kühlpflichtigen und verderblichen Lebensmitteln für die Online-Shops eine teure logistische Herausforderung. Die meisten Anbieter setzen auf Lieferdienste, viele auf die DHL, was Abhängigkeiten mit sich bringt. Eine eigene Lieferlogistik hat unter anderem den Vorteil, den wettbewerbsentscheidenden Serviceaspekt selbst in der Hand zu haben.

Bei der Versendung der Waren entsteht häufig das nächste Problem für den Kunden: Müll en masse. Oft müssen Trockeneis, Kühlakkus oder Gelpads verwendet werden. Dazu kommen Plastik und Pappe.

Drohne, Roboter, oder doch eine Crowd-Lösung?

Liefer-Alternativen werden händeringend gesucht: Amazon entwickelt Drohnen, ungeachtet der rechtlich unsicheren Lage, in der sich die Lieferung aus der Luft noch befindet. Gleiches gilt für Lieferroboter. Zahlreiche Firmen testen die selbstfahrenden Vehikel, die neben Fußgängern auf Gehwegen unterwegs sein sollen. Mehrere Start-Ups setzen auf Crowdshipping. Dabei wird der Nachbar zum potenziellen Boten. Wer ohnehin unterwegs ist, kann Pakete für andere mitnehmen und so Geld verdienen.

Kommentar

Es wird nicht mehr lange dauern bis die Deutschen die meisten Lebensmittel im Internet bestellen. Noch steckt der Online-Handel mit Lebensmitteln aber in den Kinderschuhen. Nur etwa ein Prozent der in Deutschland getätigten Lebensmittel-Einkäufe sind dem E-Commerce im Food-Sektor zuzurechnen.

Doch die Wachstumsraten von zuletzt 26 Prozent lassen die Händler aufhorchen. Dass sich die Einkaufsgewohnheiten bei Lebensmitteln ändern werden, scheint sicher. Die Frage lautet: Wann geht die Reise so richtig los? Die Wettbewerber versuchen sich schon jetzt in die erste Reihe zu drängeln, um bei der Abfahrt nicht auf den billigen Plätzen zu sitzen.

Das in Deutschland gut ausgebaute Netz der Supermärkte und Discounter sowie die drei großen Problemzonen des E-Food-Sektors - Kühlkette, Verpackungsmüll, Lieferlogistik - werden es der Verlagerung des Lebensmitteleinkaufes ins Netz ganz sicher schwer machen. Die Branche zeichnet sich aber als eine der innovativsten aus. Bio-Anbieter liefern klimaneutral per E-Auto oder Fahrrad mit wiederverwertbaren Pfandverpackungen und sprechen damit junge, ökologiebewusste und vor allem zahlungskräftige Kunden an.

Nicht wenige haben vor Jahren gesagt, Schuhe müsse man anprobieren, niemand würde Schuhe im Internet kaufen. Was gestern die Schuhe waren, werden morgen die Lebensmittel sein. Pjer Biederstädt

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Auch wegen der hohen Lieferkosten rechnet sich das Online-Geschäft für die Händler bisher kaum. „Auch wir machen keinen Gewinn mit unserem Lieferservice und werden das über Jahre nicht tun“, sagte Rewe-Chef Lionel Souque kürzlich in einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger. 

Als der Internetgigant Amazon im Mai vergangenen Jahres seinen Lebensmittellieferdienst Amazon Fresh in Deutschland startete, hielt der Lebensmittelhandel den Atem an. Die Sorgen waren groß. Denn niemand wusste, wie dramatisch der durch den US-Konzern ausgelöste Wandel sein würde. Doch nicht einmal ein Jahr später sind die größten Ängste offenbar verflogen. Der Siegeszug des Online-Handels im Geschäft mit Hackfleisch, Tomaten und Mineralwasser ist vielleicht nicht aufgehoben, aber doch aufgeschoben.

„Zwei Schritte vor und einen zurück“

„Im Lebensmittelhandel ist eine Ernüchterung zu beobachten, was das Online-Geschäft angeht. Viele haben einen Gang zurückgeschaltet, was den Ausbau ihrer Internet-Aktivitäten angeht“, beobachtet der E-Commerce-Experte Kai Hudetz vom Kölner Institut für Handelsforschung (IFH). Die Erwartung, dass durch den Start von Amazon Fresh der Online-Handel mit Lebensmitteln unheimlich an Fahrt gewinne, habe sich noch nicht erfüllt. Das Branchenfachblatt „Lebensmittel-Zeitung“ beschreibt den Trend mit den Worten „Zwei Schritte vor und einen zurück“.

Tatsächlich scheinen die großen deutschen Handelsketten beim Ausbau ihrer Online-Aktivitäten ein wenig die Lust verloren zu haben. Beim Internet-Vorreiter Rewe stagniert die Zahl der vom Lieferservice abgedeckten Regionen schon seit geraumer Zeit bei 75. Statt das Netz weiter zu verdichten, testet Rewe lieber in gut 50 Läden Servicestationen, bei denen der Kunde per Internet bestellte Waren selbst abholt.

Warten auf gepackten Koffern

Konkurrent Edeka beschränkt sich mit dem von Tengelmann übernommenen Lieferdienst Bringmeister nach wie vor auf Berlin und München. Die zur Schwarz-Gruppe gehörenden Handelsketten Lidl und Kaufland haben das mit viel Ehrgeiz gestartete Online-Geschäft mit Lebensmitteln sogar wieder weitgehend aufgegeben. 

Wohin die Reise geht, steht also nicht fest. Fest steht nur, dass alle Händler in der Hoffnung auf Profit auf gepackten Koffern sitzen. 

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