Online-Handel mit Lebensmitteln
"Die größte Konkurrenz ist immer noch der stationäre Einzelhandel"

Münster/Gronau -

Mausklick statt Ladentheke: Die Gronauer Brüder Marcus (34) und Christof Hagemann (37) setzen mit ihrem Lieferdienst com4buy auf umweltschonende Logistik per E-Bike, Handwerksqualität aus der Region und Geschwindigkeit. Im Interview sprechen die Jungunternehmer über Kundenzufriedenheit, Wachstumspotenziale und das Prinzip Spargel-Hütte. 

Dienstag, 27.03.2018, 14:03 Uhr

Online-Handel mit Lebensmitteln: "Die größte Konkurrenz ist immer noch der stationäre Einzelhandel"
Christof (l.) und Marcus Hagemann, Gründer des Lieferdienstes "com4buy" Foto: com4buy

Wann haben Sie das letzte Mal in einem Supermarkt eingekauft?

Marcus Hagemann: Oh, da muss ich überlegen. Das ist tatsächlich schon eine Weile her. Letzte Woche, allerdings war der Einkauf nicht für mich privat. Wir haben beim Großmarkt, mit dem wir kooperieren, an dem Tag nicht alles bekommen, was unsere Kunden bestellt hatten. Den Aufwand betreiben wir, weil der Kunde natürlich zu Recht erwartet, dass alles, was er bestellt hat, auch bei ihm ankommt.

Wie kam es dazu, dass Sie und Ihr Bruder Christof sich mit einem Lieferservice für Lebensmittel selbstständig gemacht haben?

Marcus Hagemann: Angefangen hat alles 2010. Nachdem sich unsere Lebenswege im Bachelorstudium getrennt hatten, kamen wir im Masterstudium wieder zusammen. Danach haben wir beschlossen, uns gemeinsam selbstständig zu machen. Wir kommen aus einer Unternehmer-Familie, das lag irgendwie nahe.

Wie ging es dann weiter?

Marcus Hagemann: Nach umfassender Analyse des Marktes haben wir die Firma 2012 gegründet. Dann hat es zweieinhalb Jahre gedauert bis wir soweit waren: Onlineshop, Sortiment, Partnerschaften, Entwicklung unserer Kühlbox, Logistik – es waren viele Aufgaben, die es zu bewältigen galt.

Wie sind Sie auf die Geschäftsidee gekommen?

Marcus Hagemann: Uns hat die Idee der Spargel-Hütten am Straßenrand fasziniert: Logistisch ideal gelegen, frischeste Ware direkt auf dem Weg – super Sache. Wir haben uns gefragt: Warum kann ich da nicht direkt alle Waren mitnehmen?

com4buy: Marcus und Christoph Hagemann im Interview

Diese Idee haben Sie dann mit der Online-Bestellung kombiniert.

Marcus Hagemann: Genau. Unsere Anfangsidee war, dass die Kunden alles online bestellen und später an den Pick-up-Stationen abholen können. Später kam der Lieferservice dazu, weil der Kunde es einfach erwartet.

Vor allem in Deutschland. In Frankreich wird das Pick-up-Modell deutlich intensiver genutzt. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Marcus Hagemann: Die Präferenz geht hier ganz klar in Richtung BringHome. Etwa 70 Prozent unserer Kunden lassen sich die Waren nach Hause liefern.

Wie haben Sie die lieferlogistische Neuausrichtung gemeistert?

Marcus Hagemann: Tatsächlich hatten wir uns voll auf Pick-up eingeschossen. Wir mussten reagieren und quasi einen kompletten zweiten Service aufbauen.

Analyse des Marktes, jahrelange Vorarbeit, Nachjustierung des Konzepts – haben Sie als Jungunternehmer auf dem Weg zu dem jetzt erfolgreichen Projekt auch Zweifel gehabt?

Marcus Hagemann: Wir haben unsere Köpfe immer tief in Einzelfragen gesteckt und mussten dann manchmal einen Schritt zurückgehen, um wieder einen klaren Blick aufs große Ganze zu haben. Bestes Beispiel: Unsere Transportbox. Die Entwicklung hat extrem viel Zeit in Anspruch genommen. Das war viel Detailarbeit. Aber die Arbeit hat sich gelohnt. An der Sache an sich haben wir nicht gezweifelt.

Apropos Transportbox. Die schwierigsten Aufgaben für Online-Lebensmittelhändler sind die Logistik und die Einhaltung der Kühlkette. Wie funktioniert das bei com4buy?

Marcus Hagemann: Wir haben kein eigenes Warenlager, sondern arbeiten mit regionalen Partnern zusammen. Darunter auch Handwerksbetriebe wie etwa Bäcker und Metzger aus dem Münsterland. Aber der Kunde möchte auch Barilla-Nudeln oder Colgate-Zahnpasta. Um das komplette Sortiment abzudecken, haben wir auch einen Großhändler als Partner. Allen Partnern übermitteln wir täglich die Bestellungen unserer Kunden. Unsere Partner stellen die Artikel anschließend frisch zusammen. Wir packen diese dann in kundenindividuelle Boxen und liefern diese am selben Tag entweder an die Pick-up-Stationen oder an die Kunden aus.

Wie stellen Sie sicher, dass auch Tiefgekühltes korrekt temperiert ankommt?

Marcus Hagemann: Viele Wettbewerber arbeiten mit Kühlfahrzeugen. Bei uns wird die Kühlung durch unsere speziell dafür konzipierte Kühl- und Transportbox gesichert. Die lange Vorarbeit zahlt sich jetzt aus, denn wir haben mit der Kühlung keinerlei Probleme.

Und wie sieht es mit der Lieferpünktlichkeit aus?

Marcus Hagemann: Der Kunde muss sich online für eines der einstündigen Lieferzeitfenster entscheiden. Wir können auch am selben Tag in Gronau und Münster liefern, dafür muss die Bestellung aber bis 7 Uhr eingegangen sein. Die unterschiedlichen Pick-up-Station sind nachmittags geöffnet. Der Kunde kann entscheiden, wann er seine Waren abholt. Das klappt bisher gut. Bei steigenden Kundenzahlen muss man überlegen, ob nicht Anreize geschaffen werden müssen, um die hochfrequentierten Lieferzeiten zu entzerren.

Wer ist der klassische com4buy-Kunde?

Marcus Hagemann: Das ist ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Gutverdienende Single-Haushalte, Familien mit zwei Einkommen und Kindern, denen die Zeit fehlt, Senioren, die nicht mehr gut zu Fuß sind – das Spektrum ist breit.

Nimmt die Anzahl der Senioren zu, die Ihren Service nutzen?

Marcus Hagemann: Ja. Weil wir für sie das Problem der mangelnden Mobilität lösen. Für ältere Menschen bereiten wir gerade einen anderen Zugang vor, damit sie nicht gezwungen sind, übers Internet zu bestellen. Die Idee steckt noch in den Kinderschuhen, aber wir denken an einen Bestellschein, der eine Woche zuvor ausgefüllt und bei der Lieferung abgegeben werden kann. Der Markt wächst.

Welche Bereiche versprechen außerdem Wachstum?

Marcus Hagemann: Wir beliefern mittlerweile viele Unternehmen. Sie greifen auf uns zurück, wenn es um die Ausstattung von Hygieneartikeln geht. Anderes Beispiel: Einige Firmen wollen ihren Kunden oder Mitarbeitern einen Obstkorb anbieten. Die liefern wir auch.

Wie hoch ist das Bestellaufkommen?

Marcus Hagemann: Das schwankt. Donnerstag und Freitag sind die stärksten Tage. Besonders Freitagnachmittag sind unsere drei E-Bikes in Münster pausenlos unterwegs. Die ursprünglich schwächeren Tage am Wochenbeginn sind mittlerweile gar nicht mehr schwach, weil viele Einrichtungen und Firmen dann bei uns bestellen. Es spricht sich immer weiter rum und die Bestellungen werden immer mehr.

Sie setzen auf ein kombiniertes Angebot aus Supermarkt-Produkten und regionalem Sortiment. Warum?

Marcus Hagemann: Weil wir auch so einkaufen. Ich möchte frisches Brot vom Bäcker statt Aufbackbrötchen und Fleisch vom Metzger statt SB-Ware. Es geht uns darum, Qualität anbieten zu können.

(Bruder Christof kommt zur Tür herein, Anm. d. Red.).

Christof Hagemann: Guten Abend. Da kann ich direkt noch etwas ergänzen: Das Thema Nachhaltigkeit ist der zweite Grund. Wenn ich mir das Wurstregal anschaue, sehe ich viele Plastikverpackungen. Wir haben uns so viel Mühe gegeben, das ganze Konzept nachhaltig zu gestalten, da passen die regionalen Artikel, die anders verpackt sind, gut dazu.

Marcus Hagemann: Hinzu kommt, dass wir kurze Wege haben, wenn wir beim örtlichen Metzger einkaufen. Das schont die Umwelt.

Schön, dass Sie jetzt zu zweit meine Fragen beantworten. Woher kommen Sie jetzt, Christof Hagemann?

Christof Hagemann: Aus Münster. Ich bin kurzerhand eingesprungen für einen Kurier, der jeden Moment damit rechnet, Vater zu werden.

Sind Sie sonst auch noch ins operative Geschäft involviert?

Marcus Hagemann: Ja, das wollen wir auch. So bekommen wir die besten Eindrücke von dem, was die Kunden wünschen. Das Schöne ist ja: Wir sind zu zweit. Der jeweils andere beschäftigt sich mit der konzeptionellen Weiterentwicklung des Unternehmens.

Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Christof Hagemann: Wir möchten weiter Kunden anwerben, entwickeln unsere Marketing-Strategie weiter. Dabei richten wir den Fokus künftig noch stärker auf Firmen.

Noch ist der Anteil des Online-Handels auf dem deutschen Lebensmittelmarkt mit etwa einem Prozent gering, die Wachstumsquoten sind aber verheißungsvoll. Viele Anbieter haben sich inzwischen positioniert. Sind eher die Bring-Dienste der großen Handelsketten oder die kleinen Local Heroes, die Biokisten und ähnliches liefern, ihre Konkurrenten?

Marcus Hagemann: Weder noch. Die größte Konkurrenz ist immer noch der stationäre Einzelhandel. Im Online-Sektor ist es so, dass wir hier in der Region noch nicht so viele Anbieter haben (Amazon fresh liefert noch nicht in Münster, Anm. d. Red.). Das sieht in Ballungszentren wie Berlin, Hamburg oder Köln anders aus.

Christof Hagemann: Wie Sie schon richtig sagen, ist der Anteil der Online-Käufer für Lebensmittel noch sehr gering. Das hat auch zu tun mit einer typisch deutschen Mentalität. Die Leute denken: Das kann ich noch selber. Nicht von ungefähr wirbt ein Baumarkt mit dem Slogan „Respekt, wer’s selber macht.“ Ich bin aber davon überzeugt, dass es auf lange Sicht gängige Praxis wird, online Lebensmittel zu kaufen. Es wird sich entwickeln und in der Masse etablieren. Schließlich ist das Angebot zeitsparender und bequemer als der herkömmliche Supermarkteinkauf. Zudem ist unser Konzept nachhaltig, der Kunde bekommt an einem Ort regionale Artikel und den üblichen Supermarkteinkauf und das, ohne höhere Kosten. Die Frage ist nur, wie schnell die Kunden dieses Angebot auch annehmen. Schließlich geht damit eine Gewohnheitsänderung einher.

Marcus Hagemann: Uns spielen zwei Faktoren in die Karten. Die Digital Natives werden erwachsen. Für die ist es normal, alles online zu bestellen, eben auch Lebensmittel. Dazu kommt der demographische Wandel. Es wird mehr ältere Menschen geben, für die unsere Dienstleistung von Nutzen sein kann.

Sie liefern bisher in Gronau und in Münster. Was ist mit dem Raum dazwischen, vor allem mit ländlichen Regionen?

Christof Hagemann: Wir haben Ideen dazu und unsere Pick-up-Station bieten sich dafür an. Aber noch ist im ländlichen Münsterland die Akzeptanz für den Online-Lebensmittelhandel nicht groß genug. Wir müssten unheimliche Anstrengungen unternehmen für eine Eventualität. Noch ist das Risiko zu groß. Es ist aber auch so, dass es in dem einen oder anderen Dorf gar keinen Supermarkt mehr gibt. Wenn diese Entwicklung weiter fortschreitet, sind Pick-up-Modelle denkbar, die dann vielleicht an einem Tag in der Woche, ähnlich wie ein Wochenmarkt, funktionieren.

Wie sieht der Lebensmitteleinkauf in zehn Jahren aus?

Marcus Hagemann: Der Online-Handel wird auch in diesem Bereich wachsen, da bin ich mir sicher. Im Ausland, etwa in Großbritannien, sieht man schon heute, dass sich der Einkauf von Lebensmitteln ins Netz verschiebt.

Christof Hagemann: Da stimme ich dir zu. Aber ich denke, dass dies nie zu 100 Prozent geschehen wird. Auch beim Online-Shopping kann man Milch vergessen. Dann bestellt man die ja nicht nach und bezahlt Liefergebühren, sondern geht schnell in den Supermarkt. Doch ein entscheidender Vorteil des Online-Handels ist, dass der Verkäufer weniger Artikel vorhalten, weniger abgelaufene Ware wegwerfen muss, sodass die Gesamtkostenstruktur geringer ist. Dieses Einsparpotenzial wird den Ausschlag geben.

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