Prof. Norbert Kersting nimmt am WN-Wahlsager teil
Gegen die "Heimatlosigkeit"

Münster -

Kommunalpolitik ist sein Schwerpunkt. Deshalb begleitet Prof. Dr. Norbert Kersting, geschäftsführender Direktor des Instituts für Politikforschung der Uni Münster, den Wahlsager unserer Zeitung. Im Gespräch mit WN-Redakteur Günter Benning erklärt er, warum sich Wähler von der Kommunalpolitik abwenden. Und wie man das Interesse bei Jugendlichen wecken sollte.

Freitag, 14.02.2014, 23:02 Uhr

Prof. Norbert Kersting nimmt am WN-Wahlsager teil : Gegen die "Heimatlosigkeit"
Prof. Dr. Norbert Kersting  Foto: Günter Benning

Was unterscheidet Kommunalwahlen von Bundes- und Landtagswahlen?

Kersting : Erstens, dass die Wahlbeteiligung deutlich niedriger ist. Wir haben bei Bundestagswahl ein hohes Niveau von rund 70 Prozent, auf Landesebene liegen wir bei 60 Prozent. Aber bei Kommunalwahlen sackt sie zum Teil unter 50 Prozent. Bei der Personenwahl, also der Direktwahl der Bürgermeister, liegt sie zwischen 30 und 40 Prozent.

Fehlt den Menschen die Beziehungen zu den Orten, in denen sie leben?

Kersting: Interessant ist, dass 80 Prozent der Politik in der Kommune umgesetzt wird. Sie ist der zentrale Ort, wo man Politik erlebt. Trotzdem hat man das Gefühl, dass die Räte nicht so wichtig sind. Gründe dafür: Nach der Finanzkrise fehlen Mittel, man kann weniger entscheiden. Viele Aufgaben sind von oben oktroyiert, andere privatisiert. Zum anderen ist oft nicht mehr der Rat, sondern der Bürgermeister wichtig. Dann kann man sich zunehmend über andere Verfahren in die Politik einbringen, zum Beispiel durch Bürgerentscheide.

Gibt es nicht auch Polit-Frust bei vielen Leuten?

Kersting: Es gibt zwei Gruppen. Die eine hält sich zurück und sagt entweder, es interessiert uns nicht oder wir sind frustriert. Die anderen sagen: Na ja, eigentlich machen die das ganz ordentlichen, der Aufwand lohnt sich nicht, zur Wahl zu gehen.

Ist das nicht frustierend für Lokalpolitiker?

Kersting: Für die bedeutet es zum Teil weniger Aufwand. Wir sehen zum Beispiel, dass die Protokolle der Ratssitzungen in den letzten Jahren deutlich kürzer geworden sind. Also, weniger Tagesordnungspunkte und weniger lange Debatten. Trotzdem können sie immer noch wichtige Entscheidungen für die Kommune treffen.

Kommunalpolitik ist für die Forschung ein unerforschtes Feld. Warum?

Kersting: Weil Kommunen eine große Vielfalt aufweisen. Da ist es schwierig für einen Forscher, das in den Griff zu bekommen. An Themen wie kommunales Wahlverhalten hat sich kaum jemand rangetraut. Da spielen zu viele Faktoren mit hinein. Es gibt persönliche Beziehungen, die Wahlen bestimmen. Teilweise ist die Parteibindung trotzdem da, obwohl das zunehmend wegbricht.

Manche Gruppen – nehmen wir Migranten oder auch Senioren – sind politisch unzureichend vertreten. Ändert sich das?

Kersting: Bei Migranten gibt es unterschiedliche Gruppen. Die einen dürfen nicht wählen, die anderen können, wollen aber oft nicht. Aber es gibt ja andere Beteiligungsmöglichkeiten wie Integrationsbeiräte. Ebensolche Gremien gibt es bei den Senioren. Interessant ist, dass gegenüber den zeitreichen Senioren häufig die Kritik kommt, dass sie sowieso in vielen Gremien überrepräsentiert sind.

Wie steht es um die Jugendlichen?

Kersting: Da bricht uns zur Zeit fasst eine ganze Generation weg, die sich kaum noch engagiert. Es gibt grundsätzlich bei ihnen ein sinkendes Interesse an Politik. Es gibt nicht mehr die starke Bindung an politische Parteien und Gruppierungen, an die man sich langfristig bindet. Das hat Konsequenzen für die lokale Politik.

Ist das Internet schuld?

Kersting: Das Internet hat nicht mehr die Bindung an einen Raum. Da entsteht eine breitere Orientierung – und eine Art von Heimatlosigkeit . Aber die gab es auch schon früher, in den 80er Jahren waren viele Jugendlichen-Gruppen mehr an Lateinamerika interessiert als an lokaler Politik.

Woran liegt es dann?

Kersting: Wir erleben ein Desinteresse und eine sehr große Frustration bei den Jugendlichen in Bezug auf die politischen Angebote. Wahlen finden alle vier, fünf Jahre statt. Wer mitmachen will, muss sich an Parteien fest binden. Soviel Engagement wollen viele Jugendliche nicht aufbringen. Die würden gerne vier Wochen hier oder da an Projekten teilnehmen – und danach wieder anderes machen. Projektbezogene Mitarbeit eben – das kennen wir vom bürgerschaftlichem Engagement auch. Da müssten viel mehr Angebote gemacht werden. Eigentlich könnten die Kommunen es schaffen, dies wieder attraktiver zu machen.

Was versprechen Sie sich vom Wahlsager?

Kersting: Das ist erst einmal ein interessantes Instrument der politischen Bildung. Man macht sich Gedanken darüber, welche Themen in meiner Kommune aktuell sind. Wir machen gerne bei der Begleitforschung mit, weil es in diesem Bereich einen großen weißen Fleck in der Politik-Forschung gibt.

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