Do., 06.11.2014

Wendekinder beschäftigen sich in Biografieworkshops mit Herkunft und Zukunft Die Erinnerung kommt unangemeldet

Wo kommen wir her, wo wollen wir hin? Das fragen sich die Teilnehmer der Biografietreffen von Juliane und Johannes Dietrich. Unter ihrer Moderation erinnern sie sich bewusst an ihr Leben in der DDR sowie ihre Umbruchserfahrungen und versuchen daraus Schlüsse für die Zukunft abzuleiten.

Wo kommen wir her, wo wollen wir hin? Das fragen sich die Teilnehmer der Biografietreffen von Juliane und Johannes Dietrich. Unter ihrer Moderation erinnern sie sich bewusst an ihr Leben in der DDR sowie ihre Umbruchserfahrungen und versuchen daraus Schlüsse für die Zukunft abzuleiten. Foto: Dritte Generation Ost

Potsdam - 

25 Jahre nach dem Mauerfall sind die Wendekinder von damals herangewachsen. Zwischen 1975 und 1985 geboren wurden sie doppelt sozialisiert: zunächst in der sozialistischen Gesellschaftsordnung der DDR, ab 1989 im wiedervereinigten Deutschland. Umso mehr stellen sie sich die Frage nach ihren Wurzeln. In Biografieworkshops des Netzwerkes „Dritte Generation Ost“ gehen sie in Potsdam gemeinsam auf Spurensuche.

Von Anne Koslowski

Johannes Dietrich hat extra seine Mutter als Vertreterin der zweiten Generation Ostdeutschland eingeladen. In einem Biografieworkshop des Netzwerkes „Dritte Generation Ost“ in Potsdam wollen er und seine Frau Juliane junge Ostdeutsche der Jahrgänge ’75 bis ’85 mit Menschen der Eltern- und Großelterngeneration zusammenbringen. Hier soll sich gemeinsam erinnert und die Vergangenheit aufgearbeitet werden. Doch von den Älteren hat sich niemand angemeldet. Wenn, dann stünden sie spontan vor der Tür, weiß der 36-Jährige aus Erfahrung. „Die erste und zweite Generation haben es nicht so mit E-Mails“, lacht er.

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Just in diesem Moment tritt Sabine Reinhold in den Raum der klassizistischen Turmvilla Schöningen, die zu DDR-Zeiten ein Kindergarten mit Übernachtungsmöglichkeiten war, und fragt, ob sie unangemeldet teilnehmen darf. Sie habe 30 Jahre in der Dienstwohnung des sozialistischen Kinderwochenheims mitten im Grenzstreifen mit Blick auf Stacheldraht, Grenzsoldaten und den Jungfernsee gewohnt und wolle, dass „diese Zeit nicht vergessen und die Freiheit nicht als selbstverständlich angenommen wird“.

Im Laufe des Abends in Potsdam, der gleich neben der Glienicker Brücke stattfindet, der ehemals „sichersten Brücke der Welt“, auf der Agenten und Diplomaten im Schatten des Kalten Krieges unbehelligt die Grenze zwischen Ost und West überquerten und über die nach dem Mauerfall Tausende in das andere Deutschland strömten, zeigt sich, dass noch mehr Menschen beider Generationen reden wollen.


 

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So viel, dass sie nach Ende der Gesprächsrunde kein Ende finden wollen, Telefonnummern austauschen und sich zum Abschied umarmen, obwohl sie sich erst zwei Stunden zuvor kennengelernt haben. Zu spannend sind die Lebensgeschichten und Wahrnehmungen jeder einzelnen Person. Da ist zum Beispiel Angelika Cholewa aus Naumburg, die bereits im Alter von 16 Jahren von Mitarbeitern der Staatssicherheit gezwungen wurde, Mitschüler zu bespitzeln und mit Anfang 20 nach einem gescheiterten Fluchtversuch drei Jahre ins Gefängnis kam.

Da ist die 25-jährige Anna Bräutigam, die im August 1989 in Leipzig mitten in die Friedliche Revolution geboren wurde und herausfinden will, wie diese Zeit sie unterbewusst geprägt haben könnte. Da ist Sabine Reining, die ihre letzten drei Jahre in der DDR nicht mehr als Lehrerin arbeiten durfte, weil sie einen Ausreiseantrag gestellt hatte, und findet, dass heute in den Schulen viel zu wenig über die DDR-Geschichte gesprochen wird. Und da sind Johannes und Juliane Dietrich, die zur Wende im Grundschulalter waren und heute im Rahmen der „Dritten Generation Ost“ die Biografieworkshops abhalten, weil sie persönliche Erlebnisse und Gefühle im Kontext gesellschaftspolitischer Geschehnisse verstehen und auszudrücken helfen wollen.

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Der neue Abstand macht so viel möglich.

Sozialpädagogin Juliane Dietrich

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Wichtig ist dabei dem Netzwerk, das sich keineswegs nur aus Ostdeutschen, sondern zu einem Drittel aus jungen Westdeutschen zusammensetzt, eine gesamtdeutsche Perspektive fernab von Ost-West-Klischees sowie Schlagworten wie Unrechtstaat, Diktatur und Ostalgie zu finden. Die Treffen geben den Teilnehmern Raum, sich mit ihrer und den Biografien ihrer Familien auseinanderzusetzen. Sie eröffnen das Gespräch in dem Versuch, die Vorurteile ihrer Eltern über Ost und West nicht unhinterfragt zu übernehmen, sondern ihr spezifisch Eigenes zu finden. Doch dazu brauchen sie Antworten von ihren Eltern und Großeltern, die mitunter erst jetzt ihre Erlebnisse und Gefühle in Worte fassen können. „Der neue Abstand macht so viel möglich“, sagt Juliane Dietrich . Und dennoch seien viele noch sehr verletzlich.

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