Di., 18.10.2016

Dating-App im Test "Once": Handverlesene Vorschläge statt Flirt-Katalog

Dating-App im Test : "Once": Handverlesene Vorschläge statt Flirt-Katalog

Die App Once bietet täglich wenige, aber dafür handverlesene Dating-Vorschläge. Foto: Once

Alex* grinst ein bisschen verlegen und wirft mir über den Rand seiner Kaffeetasse einen Blick zu. Er studiert wie ich in Münster, hat einen unfrisierten hellbraunen Wuschelkopf und trägt einen Marken-Kapuzenpulli. Wir sitzen gemeinsam im Café und kommen ins Plaudern - getroffen haben wir uns vorher noch nie. Wir haben dieses Date nicht etwa in der Vorlesung oder bei einer WG-Party ausgemacht, sondern uns durch die App Once kennengelernt.

Once ist der neuste Trend in Sachen Dating-Applikationen fürs Smartphone. Es ist zwar schon seit Mai für deutsche Nutzer verfügbar, doch aktuell kommt die Sache ins Rollen: Immer mehr Menschen nutzen die App. Allein in den ersten zwei Monaten nach Veröffentlichung verzeichnete die aus Frankreich stammende App mehrere hunderttausend Downloads.

Aber warum ist eine neue Dating-App überhaupt gefragt? Immerhin genießen Singles mittlerweile eine breite Auswahl, wenn sie via Handy auf Liebessuche gehen wollen - Tinder , Lovoo und Candidate sind nur einige Beispiele in der großen Welt der Flirt-Apps. Once-Gründer und CEO Jean Meyer sagt dazu in einer Pressemitteilung, er wolle „etwas Märchenhaftes in die moderne und vernetzte Online-Dating-Welt bringen.“ So müsse man nicht Tausende von Fröschen küssen, bis man den Traumprinzen oder die Prinzessin findet.

CEO Jean Meyer (Mitte) gründete Once im März 2015.

CEO Jean Meyer (Mitte) gründete Once im März 2015. Foto: Once

Der sprichwörtliche Frosch findet sich auch im Logo der Dating-App Once. Auf dem Kopf trägt das Tierchen eine goldene Krone. Direkt bei der Anmeldung verknüpft Once sich mit Facebook und gelangt so an meinen digitalen Steckbrief - Herkunft, Universität, Alter und sogar Fotos. Ein befremdliches Gefühl, dass mit meinen Daten derart leichtfertig umgegangen wird. Das ist allerdings bei vielen vergleichbaren Apps (leider) ebenfalls gang und gäbe. Ich kann mich jedenfalls direkt ins virtuelle Dating-Geschehen stürzen, ohne viel Aufwand betreiben zu müssen. Noch ein paar Feinschliffe an meinem Online-Profil und los geht's.

Zwei Vorschläge täglich statt Riesenauswahl

Zunächst ist die App etwas verwirrend. Welche Funktionen kann ich nutzen, welche sind kostenpflichtig? Und wie funktioniert das mit den Matches nochmal? Doch nach einem Tag habe ich den Dreh raus, immerhin kenne ich die Nutzeroberfläche der Konkurrenz-App Tinder bereits, und hier tun sich einige Parallelen auf. Der Clou: Anders als bei Tinder bietet Once mir keinen Katalog aller liebestollen Junggesellen in der Umgebung, den ich lässig durchblättern kann. Stattdessen macht die App mir jeden Tag genau zwei Vorschläge.

Alle 24 Stunden erhält man neue Vorschläge.

Alle 24 Stunden erhält man neue Vorschläge. Foto: Once

Das funktioniert so: Ein Algorithmus filtert anhand von Kriterien wie Alter und Wohnort, welche Kandidaten für mich in Frage kommen. Danach erhält ein sogenannter Matchmaker meine Fotos und die der potentiellen Bewerber und verbindet mich mit den Personen, von denen er glaubt, dass sie zu mir passen könnten. Ja, ganz richtig gehört: Irgendwo sitzt ein echter Mensch an einem Schreibtisch und denkt darüber nach, ob ich optisch wohl besser zu Florian aus Osnabrück oder zu Jimmy aus Lengerich passe. Diese „professionellen Matchmaker“ haben laut Once sogar einen „psychologischen Hintergrund“ und wählen die Zweier-Kombinationen „mit viel Bauchgefühl, Erfahrung und einem Gespür für die Persönlichkeit eines Menschen“ aus.

Um 12 Uhr schlagen die Herzen höher

Zwei solcher handverlesenen Profile werden mir jeden Tag um 12 Uhr mittags von der App vorgeschlagen. Dann kann ich mir überlegen, ob ich auf das gelbe Herzchen („Match“) oder das rote Kreuz („abgelehnt“) klicke. Die Mischung ist durchwachsen und ich bin anfangs nicht ganz sicher, was sich der Matchmaker bei so manchem Vorschlag gedacht hat. Vom Buchhalter über den Studenten bis zum Friseur ist alles dabei, der über und über gepiercte Jonas wird mir in einem Atemzug mit Anzugträger Felix vorgeschlagen.

Schade ist außerdem, dass längst nicht jeder vorgeschlagene User überhaupt mein Profil begutachtet, denn so mancher Once-Nutzer ist offenbar gar nicht mehr im virtuellen Dating-Getummel aktiv. Und: Statt der versprochenen zwei Vorschläge werden mir regelmäßig gleich vier User-Profile angezeigt. Ein Indiz für einen Männer-Überschuss bei Once? Doch letztlich ergibt sich so mancher nette Kontakt und ich komme mit einer Handvoll Menschen ins Plaudern.

Dabei fühlt sich ein Match, also der Moment, wenn beide das Profil des anderen für sympathisch befinden, tatsächlich bedeutsamer an als bei den übrigen Dating-Applikationen. Aufgrund der reduzierten Anzahl an Kontakten schätze ich die einzelnen Gespräche mehr und versuche nicht, Unterhaltungen mit etlichen Matches gleichzeitig aufrecht zu erhalten. Push-Nachrichten, die auf mein Handy geschickt werden, machen das Ganze zusätzlich spannend: „Julian sieht sich gerade dein Profil an“, heißt es da. Oder ich erhalte eine Email mit dem Betreff: „Das ist er! Hayo, 26, aus Nottuln!“ Ganz schön aufregend. Nach einigen Tagen nerven mich diese Benachrichtigungen allerdings zusehends. Trotzdem ist Once ein schöner Zeitvertreib und lässt sich entspannter „nebenbei“ bedienen als vergleichbare Apps.

Kleine Stolpersteine, aber insgesamt eine willkommene Abwechslung

Das Tinder-ähnliche Katalogblättern ist übrigens auch bei Once möglich, allerdings nur, wenn ich bereit bin, sogenannte „Kronen“ zu erwerben. Eine Krone kostet 1,20 Euro und erlaubt es mir, einen Vorschlag selbst auszusuchen, dem anschließend mein Profil präsentiert wird. Was diese Funktion betrifft, kann es Once jedoch nicht mit vergleichbaren Apps aufnehmen. Zu klein ist die Auswahl, zu groß die Anzahl derer, deren Fotos ich schon Wochen oder Monate zuvor bei Tinder gesehen habe.

Insgesamt bietet Once aber eine willkommene Abwechslung. Statt in einem riesigen Becken an potentiellen Kontakten fischen zu müssen, setzt man hier auf einige wenige Kontakte, denen man sich dann aber ausgiebig widmen kann. Sich auf diese Weise kennenzulernen scheint realistischer als das Flirten bei anderen Dating-Apps, wo die meisten Kontakte auf der Ebene des Smalltalks verharren und schließlich im Sand verlaufen.

Beim Kaffeetrinken mit Alex stelle ich fest, dass wir einige Gemeinsamkeiten haben. Wir lachen viel und er scheint ein netter Kerl zu sein, die Atmosphäre ist entspannt. Trotzdem funkt es einfach nicht. Gelohnt hat sich das Experiment aber dennoch. Ich hatte einen schönen Nachmittag - und wer weiß, vielleicht funkt es ja beim nächsten Mal.

*Name von der Redaktion geändert

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