Fr., 25.07.2014

Ambulanter Pflegedienst Sie lebt für die Pflege

Schwester Uschi gibt Gas. Bei Frau T. hat es heute länger gedauert, als üblich. Was hätte die Altenpflegerin denn auch machen sollen, als die 91-Jährige sie bat, noch schnell den Faden durchs Nadelöhr zu friemeln?

Von Andrea Bracht

Sagen: „Nö, wird nicht bezahlt?“ Nee, das bringt sie nicht übers Herz. Natürlich ist sie noch mal ins Wohnzimmer gehuscht. Hat die Nadel gesucht und den Faden eingefädelt. Und deshalb fährt sie jetzt etwas zügiger. Die nächsten Patienten warten schon.

Ursel Lubamvu (58), von den Patienten Schwester Uschi gerufen, ist examinierte Altenpflegerin und arbeitet für den ambulanten Pflegedienst der Diakonie Münster. Mit Leib und Seele hat sie sich der Sorge um andere verschrieben und ist seit 15 Jahren in der Pflegeambulanz. Sie liebt den Job, doch „fürs Zwischenmenschliche ist zu wenig Zeit“. Um 5.55 Uhr düst Schwester Uschi morgens zur Arbeit und versorgt dann bis zu 16 Patienten. Täglich versucht sie das Unmögliche: Allen gerecht zu werden.

Zum Beispiel Herrn D. Er ist 84 Jahre alt und hat links keine Zehen mehr. Der Diabetes sei schuld, sagt er, und Ursel Lubamvu erzählt, dass der Mann auch Rheuma hat, schlecht hört und ohne Hilfe nicht mehr lesen kann. Herr D. sieht das pragmatisch: „Sie müssen einfach etwas lauter sprechen.“ Seine Lebensfreude? Ungebrochen. Schwester Uschi pflegt ihn seit sechs Jahren. Heute wechselt sie ihm die Windel, wäscht ihn und rasiert sein Gesicht („Haaach, jetzt gibt’s Zärtlichkeit“, kommentiert er vergnügt). Dabei löst sich plötzlich die Dusche aus der Halterung und ergießt einen warmen Sommerregen auf den blonden Schopf der Altenpflegerin. Herr D. lacht. Schwester Uschi auch.

Dann kommt der lästige Teil: Die Schwester muss das Protokoll ausfüllen. Wenn es nach ihr ginge, würde so manche Dokumentationspflicht wegfallen. Jedes kleinste Bisschen aufzuschreiben, das kostet Zeit, sagt sie. Zeit, die sie mit den Menschen verbringen möchte, nicht mit Papier. Zeit, die fehlt.

Sechs Minuten gebe es im Schnitt für „eine Ausscheidung“. Und wenn das mal nicht reicht? „Ich kann ja schlecht jemanden vom Klo schubsen.“ Lubamvu hat nur selten die fünf Minuten übrig, die ein dementer MS-Patient dafür brauchen würde, seine Hose selber zuzuknöpfen. „Wenn man Dementen eine Aufgabe drei- oder viermal abnimmt, spart zwar man Zeit, aber der Patient verlernt, es selbst zu erledigen“, sagt die Altenpflegerin. Ein Dilemma. „Und wir sind für viele der einzige Kontakt nach draußen“, ergänzt Lubamvu. Gerade dann sei es bitter, nur wenige Minuten bleiben zu können. Dass man Menschen „nach Zeit pflegen muss, ist eine Katastrophe!“

Nicht immer ist es so nett wie bei Herrn D.: Lubamvu hat manchmal mit Messies zu tun, mit Angehörigen, die trinken oder Drogenprobleme haben. Hat sexuelle Übergriffe erlebt und Rassismus, ist angespuckt und geschlagen worden. Wenn so etwas vorkommt, sucht die Schwester den Dialog mit der Pflegeleitung. Im Extremfall wird dem Patienten gekündigt. „Ich bin kein Opfer-Typ. Wenn jemand laut wird, mache ich mich immer zwei Meter groß“, sagt sie. Ihrer Schülerin Sarah (23) gibt sie Weisheiten mit auf den Weg: „Stark zu sein bedeutet, auch Schwäche zu zeigen und Bescheid zu sagen, wenn man sich etwas nicht zutraut“.

Ursel Lubamvu flitzt wieder ins Auto. Es geht weiter, zum nächsten Patienten. Und wieder weiter zum nächsten, und weiter und weiter und weiter. Hinter jeder Tür warten neue Herausforderungen. „Es gibt eigentlich nichts, was wir nicht machen“, sagt die Pflegekraft. Sie bringt Senioren auf die Toilette, wäscht sie, zieht sie an, misst ihren Blutzucker und repariert ihre E-Reader. Sie sieht viele Menschen, viele Wohnungen, erfährt Geschichten und Gefühle. Sie muss viel aushalten. Und obwohl die Gesellschaft Menschen wie Ursel Lubamvu braucht, die aus Überzeugung, aus „Berufung“, wie sie sagt, pflegen, haben die Pfleger einen schlechten Ruf. Und: „Es ist ganz klar, dass alle in der Pflege zu wenig Geld verdienen.“ Dass es einen Fachkräftemangel gibt, überrascht Schwester Uschi keineswegs. Zum Glück sei der bei der Diakonie nicht spürbar.

Spürbar hingegen ist die Hoffnungslosigkeit, die Alter und Krankheit mit sich bringen können: Lubamvus nächste Patientin ist eine demente Dame, die mit ihrem Mann in einer kleinen Wohnung lebt. Ihr Zustand hat sich seit ihrem letzten Aufenthalt in einer Reha-Klinik drastisch verschlechtert. Dort habe man nicht darauf geachtet, dass die Frau ihre Medikamente einnimmt. Ihr Mann leidet. Was das denn noch für ein Leben sei, fragt er und lugt zu seiner Frau herüber, deren Blick in eine andere Welt geht. Die gerade mit beiden Zeigefingern im Mund an ihrem Gebiss herumnestelt. Er hat Angst. Die beiden sind fremd in der Stadt, ihren Kindern hinterhergezogen. „Sowas sollte man nicht tun“, sagt Lubamvu. „Die Eltern aus der gewohnten Umgebung reißen.“ Nachdem sie die Dame mit Kraft und Überzeugungsarbeit auf die Füße bekommen und auf die Toilette begleitet hat, spricht sie dem Mann Mut zu. Zur Not, sagt sie, müsse man über den Einzug in ein Pflegeheim nachdenken. Er nickt resigniert, auch sein Blick geht jetzt ins Leere. Mehr kann Schwester Uschi heute nicht tun.

Wieder im Auto, Sorgenfalten glätten. „Es ist 10.29 Uhr. Ob wir gut in der Zeit sind, weiß ich nicht“, sagt die Pflegerin. Die Diakonie muss wirtschaftlich arbeiten, versteht sich aber zugleich als Dienstleister am Menschen. Das betont die Pflegedienstleiterin Susanne Middendorf. Das ist ein Grund dafür, dass Lubamvu auch nach 15 Jahren noch für ihren Job brennt. Das, und ihre Passion, ihre „Berufung“. „Es gibt eben Menschen, die helfen gern anderen Menschen.“

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