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Do., 14.09.2017

Interview: Stadtarchivar schätzt Zeitungsberichterstattung „Eine unverzichtbare Quelle“

Dr. Hannes Lambacher beim Quellenstudium: Die Auswertung der Zeitungsberichterstattung gehört für den Historiker dazu.

Dr. Hannes Lambacher beim Quellenstudium: Die Auswertung der Zeitungsberichterstattung gehört für den Historiker dazu. Foto: Gunnar A. Pier

Zeitungsberichte sind auch für einen Historiker eine verlässliche und unverzichtbare Quelle. Stadtarchivar Hannes Lambacher erzählt im Interview, warum er bei seiner Arbeit immer wieder auch Zeitungsartikel zurate zieht.

Von Martin Ellerich

In Ahaus wird eine Frau von einer Kuh schwer verletzt, in Billerbeck prallen zwei Züge aufeinander – „unbedeutender Materialschaden“. Und in Borghorst vergeht sich ein Mittfünfziger an einer Siebenjährigen. Alltägliche Dramen und Schreckensmeldungen Meldungen – nur dass diese über 100 Jahre alt sind. Sie standen an dem Tag in der Zeitung, an dem die Schlagzeile auf der Titelseite lautete: „Ermordung des österreichischen Thronfolgers“. Zeitungen sind eine wichtige Quelle – vor allem dann, wenn neben der große Geschichte die Geschichte vor Ort erforscht werden soll. Über den Wert der Zeitung für den Historiker sprach Dr. Hannes Lambacher, Leiter des Stadtarchivs Münster, mit unserem Redaktionsmitglied Martin Ellerich.

Wie wichtig sind Zeitungsartikel als Quelle für Historiker?

Lambacher: Ein Beispiel: Ein Kollege von mir hat zur Ratsarbeit geforscht. Er hat sich die Protokolle der Ratssitzungen angeschaut und war ziemlich enttäuscht. Da fand er nur Fakten und Abstimmungsergebnisse. Ein reines Ergebnisprotokoll. Dann hat er sich die Zeitungsberichte zu den Sitzungen angeschaut und war erleichtert: Denn die geben oft wieder, wie die Diskussion verlaufen ist, wer welche Positionen vertreten hat. Insofern sind Zeitungsartikel auch wissenschaftlich eine wichtige Quelle. Und zum Beispiel für Vereinsgeschichten sind sie absolut unverzichtbar. Bei allen Ereignissen, die schon damals von öffentlichem Interesse waren – von Vereinsfesten bis zu Kriminalfällen – sind Zeitungsartikel eine unverzichtbare Quelle.

Und Zeitungsartikel sind eine zuverlässige Quelle...

Lambacher: Ja, heute in der demokratischen Mediengesellschaft mit ihrer Pressevielfalt, können wir schon davon ausgehen, dass stimmt, was in der Zeitung steht...

Wir geben uns viel Mühe...

Lambacher: Ja, aber als Historiker muss ich bei Zeitungsartikeln dennoch dieselbe Quellenkritik betreiben wie auch bei anderen Quellen. Wer schreibt warum was? Verfolgt der Autor ein bestimmtes Interesse? Aus welcher politischen Perspektive schreibt er? Es ist schon ein Unterschied, ob sie im sozialdemokratischen „Volkswillen“ etwas über den Kaiser lesen oder in einer Zeitung, die der katholischen Zentrumspartei nahe stand. In der Regel sind Zeitungsartikel aber eine sehr zuverlässige Quelle. Natürlich würde ich als Wissenschaftler noch andere Quellen heranziehen. Aber eine Arbeit über die Kommunalpolitik ist ohne die Zeitung als Quelle schlicht nicht denkbar.

Amtliche Quellen sind meist sehr nüchtern formuliert... Ist da ein farbiges Zitat aus einem Zeitungsartikel nicht eine gute Ergänzung?

Lambacher: Ja, eine amtliche Quelle ist spröde ohne Ende. Da bringt ein – meist doch flüssiger formuliertes Zitat aus einem Zeitungsartikel – durchaus auch etwas Leben in den Text. Und – wenn es ein guter Journalist geschrieben hat – bekommen sie auch eine weitere Perspektive: Nämlich, welche Fragen die Öffentlichkeit und nicht nur die Politik bewegt haben. Und übrigens: Auch bei amtlichen Quellen muss ich mich immer fragen: Kann denn das so stimmen? Ich habe schon Urkunden aus der frühen Neuzeit in der Hand gehabt, in denen ein Orden angeblich ein Krankenhaus gegründet hat – nur gab es den Orden zu dem Zeitpunkt noch gar nicht.

Erklärgrafik_In fünf Schritten zu Ihrer Geschichte

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Wie sollte zum Beispiel ein Schützen- oder Sportverein vorgehen, wenn er seine Chronik zum Vereinsjubiläum schreiben will?

Lambacher: Ich würde als erstes mit dem Namen des Vereins nach Zeitungsartikeln suchen – ob elektronisch in Ihrem digitalen Archiv oder bei uns in der Zeitungsausschnittsammlung. Dann kann man die Suche natürlich noch weiter einschränken, wenn Daten und Anhaltspunkte aus der allgemeinen Literatur hat oder eigene Dokumente – Gründungs- oder Sitzungsprotokolle. Aber wir haben hier im Stadtarchiv wirklich Kundschaft, die sich hinsetzt und an unseren Lesegeräten Seite für Seite der Zeitungen durchforstet. Das ist natürlich mühsam. Und: Nach zwei Stunden ist man so ermüdet, dass die Gefahr groß ist, etwas wichtiges einfach zu „überblättern“. Da hilft natürlich die Beschränkung auf einen bestimmten Zeitraum.

...oder die Suchmaschine in unserem digitalen Archiv...

Lambacher: Zeitungsartikel eignen sich auch für Wissenschaftler sehr gut als schneller Einstieg in ein Thema. Das ist einer der Gründe, warum wir uns im Stadtarchiv nicht von unserer Zeitungsausschnittsammlung trennen werden und diese auch weiter pflegen werden solange wir das Personal dafür haben.

Wie gehe ich vor, wenn ich meine Familiengeschichte erforschen möchte und mehr wissen möchte als die Daten von Taufe, Trauung, Tod, wie ich sie in Kirchenbüchern finde?

Lambacher: Dann wird es schwierig, wenn Ihre Familie nicht recht prominent gewesen ist und deshalb in der Zeitung vorgekommen ist – als Ratsmitglied, Kirchenvorstand, Vorsitzender eines Vereins. Wenn ein Vorfahre in einen Kriminalfall verwickelt war, werden sie das auch finden. Und Sie finden natürlich Todes-, Trauungs- und Geburtsanzeigen.

Aber wenn es um die Lebensumstände geht?

Lambacher: Sie können natürlich nachschauen, wo er gewohnt hat. Bestimmte große Siedlungsprojekte wie es sie seit etwa der Wende zum 20 Jahrhundert gab sind gut dokumentiert. Auch in den Zeitungen. Wenn da die Vorzüge bestimmter Siedlungen gepriesen werden, bekommen Sie einen Rückschluss auf die Lebensverhältnisse. Manchmal sind übrigens selbst die Zeitungsannoncen interessant: Wenn sie sich die Preise anschauen und mit dem Durchschnittseinkommen vergleichen...

Dr. Hannes Lambacher leitet das Archiv der Stadt Münster.

Dr. Hannes Lambacher leitet das Archiv der Stadt Münster. Foto: Gunnar A. Pier

Zeitungsartikel sind für den Tag geschrieben, sie richten sich an die Zeitgenossen. Wer da schreibt, hat nicht das Bild im Hinterkopf, das er einmal Nachgeborenen von seiner Zeit vermitteln wird. Eine gute, unverfälschte Quelle?

Lambacher: Das stimmt. Trotzdem zeigt ja schon die Tatsache, dass praktisch jeder Verein Artikel über sein Vereinsleben sammelt, dass den Zeitungsartikeln Bedeutung über den Tag hinaus zugebilligt wird. Ich neige auch dazu, mir bei der Zeitungslektüre Artikel und Seiten herauszunehmen, die mich interessieren. Und das stapelt sich dann... Die große Frage ist, wann ich es denn mal lesen werde.

Ansonsten landet es irgendwann im Archiv?

Lambacher: In den meisten Nachlässen, die wir angeboten bekommen, finden sich große Sammlungen von Zeitungsausschnitten. Und ein guter Archivar weiß, was im Nachlass einer bestimmten Person zu erwarten ist. Nehmen sie zum Beispiel den selbsternannten „Sozialanwalt“ Günter Weigand. Er war ein intellektueller Querulant, der sich mit Gott und der Welt angelegt hat und deshalb natürlich auch von den Medien wahrgenommen wurde. In Münster meinte er, einem von der münsterischen Honoratiorenschicht und der Staatsanwaltschaft vertuschten Mord auf der Spur zu sein – was ihm nicht gut bekommen ist. Jedenfalls sind wir aufgrund dieser Geschichte, mit der sich 1965 sogar der Spiegel beschäftigte, in den Genuss gekommen, seinen Nachlass zu erhalten. Der ist aber in großen Teilen kassationswürdig...

„Kassastionswürdig“ heißt „reif für den Müll“. Auch Journalisten bewerten Ereignisse: Was ist berichtenswert? Was gehört in die Zeitung? Als Archivar haben Sie eine ähnliche Aufgabe: Was ist bewahrenswert?

Lambacher: Das ist richtig. Und es ist schwierig, einzuschätzen, was einmal wichtig werden wird. Je jünger die Akten oder Nachlässe sind, umso schwieriger ist es zu entscheiden, was bleibt und was in den Müll geht. Man bemüht sich um Objektivität, aber man bleibt letztlich eben doch ein wenig subjektiv. Insofern ist auch da eine archivierte Zeitung eine gute Ergänzung.

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